Festkonzert mit der Mecklenburgischen Staatskapelle und Hartmut Haenchen
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Von Reinhard Wulfhorst
An diesem frühsommerlichen Abend stimmt nahezu alles im Schweriner Theaterzelt: ein spannendes Konzertprogramm, das anlässlich des Welterbetages zwei Werke aus der mecklenburgischen Musiktradition mit einem Klassiker des sinfonischen Repertoires kontrastiert; eine spielfreudige Staatskapelle, die an dieser Kombination hörbar Spaß hat; am Dirigentenpult ein 83-Jähriger voller jugendlicher Energie, der ebenso souverän dirigiert wie moderiert; ein sommerlich gestimmtes Publikum, das begeistert mitgeht. Zwei Künstler werden an diesem Abend zu Recht besonders gefeiert. Der Dirigent Hartmut Haenchen war in den 1970er Jahren Chef ebendieser Staatskapelle und überträgt seine spürbare Freude über die Rückkehr auf Orchester und Publikum. Bereits der überaus herzliche Begrüßungsapplaus zeigt, dass er ein Heimspiel hat, und das nutzt er zu charmanten Ansprachen, die sofort Vertrautheit herstellen und dabei sachliche Information mit unterhaltsamem Ton verbinden. Der andere ist Stefan Fischer, mit Sonderbeifall und Blumenstrauß des Dirigenten bedankt. Der Geiger der Staatskapelle entdeckt seit Jahrzehnten mit Leidenschaft, Kenntnisreichtum und (bei den Verantwortlichen leider nicht immer auf Gegenliebe stoßender) Beharrlichkeit Werke des mecklenburgischen Musikerbes für den Konzertsaal wieder. An diesem Abend sind es gleich zwei Kompositionen, die in dieser Form wohl seit ihrer Entstehung nicht mehr erklungen sind.
Johann Wilhelm Hertel: Empfindsamkeit aus Mecklenburg
Die erste ist die Sinfonie D-Dur des Schweriner Hofkapellmeisters Johann Wilhelm Hertel (1727–1789). Hartmut Haenchen und sein Orchester machen gleich mit den ersten Takten klar, dass sie diese Musik nicht zum Aufwärmen nutzen wollen, sondern sie im besten Sinn ernst nehmen: Mit feinen dynamischen Abstufungen, die so nicht in den Noten stehen dürften, verdeutlichen sie musikalische Entwicklung und Struktur. Haenchen gelingt es mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Leiter des renommierten Kammerorchesters Carl Philipp Emanuel Bach, die Staatskapelle zu erstaunlicher Durchhörbarkeit zu animieren – der (zu) großen Besetzung mit vier Kontrabässen zum Trotz. Höhepunkt der Sinfonie ist der bezaubernde Mittelsatz, der mit seiner Empfindsamkeit zeigt, wie großartig in Mecklenburg damals komponiert wurde.


Friedrich von Flotow: Ouvertüre mit Mecklenburg–Lied
Mit der Wiederentdeckung der Ouvertüre zu Friedrich von Flotows Oper Johann Albrecht, Herzog von Mecklenburg ist Stefan Fischer ein besonderer Coup gelungen – gemeinsam mit Dr. Miriam Roner, der Leiterin der Musiksammlung der Landesbibliothek. In deren Bestand befindet sich das Orchestermaterial der Schweriner Uraufführung, die 1857 zur Einweihung des neuen Schweriner Schlosses erfolgte. Das Besondere ist nicht so sehr in der musikalischen Qualität der Komposition Flotows zu sehen. Zwar erweist sich der damalige Intendant des Schweriner Hoftheaters auch hier als mit allen Wassern gewaschener Opernkomponist, der auf dem begrenzten Raum einer Ouvertüre verschiedenste Stimmungen zaubert: mal dramatisch, mal lyrisch (schönes, aber leider nur kurzes Klarinettensolo!), mal hymnisch. Aber zumindest beim erstmaligen Hören präsentiert sich die Musik eher als routiniert denn inspiriert. Es ist vielmehr das „Mecklenburgische“ dieser Oper, das aufhorchen lässt.
Der gesamte Operntext ist auf Platt gedichtet, und Flotow stellt bereits in der Ouvertüre (s)ein Mecklenburg-Lied vor. Haenchen verliest den dazugehörigen Text auf hochdeutsch. Darin huldigt der Dichter neben der Schönheit der Landschaft vor allem der Bedächtigkeit und der Verlässlichkeit der Menschen – diese Charakterisierung kommt dem einträchtig schmunzelnden Publikum irgendwie bekannt vor. Hartmut Haenchen – schon als Dresdner mit niederländischem Pass jedes dumpfen nordostdeutschen Provinzpatriotismus‘ unverdächtig – legt dem Publikum dieses Mecklenburg-Lied auf ganz entspannte Art ans Herz: Er fordert zum Mitsingen auf, er lässt es noch einmal spielen – es scheint, als wolle er dazu auffordern, mehr aus diesem Lied zu machen. In der Tat: Die Musik ist eingängig und singbar, der Komponist über jeden Zweifel erhaben; nur der Text müsste, wenn es ein Lied fürs ganze Bundesland werden sollte, auch Vorpommern in den Blick nehmen. Vielleicht findet sich dafür eine Dichterin oder ein Dichter aus diesem anderen, ebenso anziehenden Landesteil.
Dass die Landespolitik nach dem peinlichen Ausgang des Wettbewerbs um eine MV-Landeshymne mit Plagiatsvorwürfen u.ä. sich nicht nach diesem Thema drängt, versteht man. Die Stimmung im Theaterzelt zeigt aber, dass ein weiterer Versuch durchaus ankommen könnte, wenn er den richtigen Ton trifft. Am besten nach der Landtagswahl, wenn die Partei, vor der ein ausgelegtes Blatt von Mitarbeitenden des Staatstheaters aus 22 Nationen zu Recht warnt und die Heimat und kulturelle Identität mit Engstirnigkeit, Provinzialität und Rassismus verwechselt, hoffentlich nicht in Regierungsverantwortung gekommen ist. Denn ein solches Thema lässt sich sinnvoll nur so entspannt und weltoffen behandeln, wie es Hartmut Haenchen uns vormacht.
Franz Schubert: der Klassiker
Nach der Pause folgt dann mit der Großen Sinfonie in C-Dur von Franz Schubert der Klassiker. Diesen Rang hat die Sinfonie erst lange nach Schuberts Tod bekommen. Entdeckt hat sie niemand Geringerer als Robert Schumann, der das Manuskript im Nachlass von Schubert in einem Stapel „alter Musikalien im Wert von zehn Gulden“ fand. Er ließ sie durch Felix Mendelssohn Bartholdy uraufführen – allerdings in gekürzter Form, weil sich die Musiker des Gewandhausorchesters Leipzig den spieltechnischen Schwierigkeiten insbesondere des letzten Satzes nicht gewachsen sahen. Die Staatskapelle spielt das Meisterwerk selbstverständlich vollständig und – bis auf einige Intonationstrübungen in den Holzbläsern – souverän. Auch und gerade den 4. Satz, obwohl Haenchen hier ein besonders schnelles Tempo anschlägt.

Der Dirigent gestaltet das Werk mit der ganzen Abgeklärtheit seiner reichen Erfahrung. Er muss sich und uns nichts mehr beweisen, sondern vertraut der Musik voll und ganz. Diese Gelassenheit hat allerdings auch eine Kehrseite: Das letzte Quäntchen Spannung mag sich nicht recht einstellen. So erleben wir keine aufregende, aber in jedem Takt urmusikalische Interpretation dieser Sinfonie. Ihr hat die immer wieder und meistens falsch zitierte Charakterisierung durch Robert Schumann eher geschadet als genutzt. Schumann hat nämlich nicht von (wenn auch himmlischen) „Längen“ gesprochen. Er hat vielmehr den Singular benutzt, was ein kleiner, aber wesentlicher Unterschied ist: „Und diese himmlische Länge der Symphonie, wie ein dicker Roman in vier Bänden etwa von Jean Paul“. Davon ist an diesem Abend viel zu spüren.
Hier geht es zu weiteren Infos zum Festkonzert der Schweriner Welterbe-Tage und zum Kulturkompass Podcast mit Hartmut Haenchen. Alle Fotos: © Peter Scherrer
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Reinhard Wulfhorst, Dr. beschäftigt sich mit Musik aus M-V und als Inhaber des Musikverlages Edition Massonneau (www.edition-massonneau.de) mit Veröffentlichungen über Komponistinnen und Komponisten aus dem Land. Er stellt musikalische Neuerscheinungen vor und berichtet gelegentlich über Konzerte.