Insel der Malerinnen – Hiddensee als Refugium auf Zeit

Kunstmuseum Schwaan erinnert an den Hiddenseer Künstlerinnenbund

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Von Susanne Scherrer

„Malweiber” wurden Frauen, die mit Pinsel und Palette arbeiteten, im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in Deutschland abfällig genannt. Malen, überhaupt künstlerisches Schaffen, galt als männliche Domäne. Frauen waren zu Kunstakademien nicht zugelassen, sondern mussten sich auf eigene Faust und auf eigene Kosten private Ausbildungsstätten suchen. Um sich als Künstlerin zu entfalten, brauchte eine Frau sowohl familiäres Kapital als auch gute Beziehungen. Dabei spielten Solidarität und Freundschaften zu anderen malenden Frauen für die eigene Entwicklung eine wichtige Rolle. Dem Hiddenseer Künstlerinnenbund, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts zusammenfand, widmet das Kunstmuseum Schwaan aktuell die Sonderausstellung „Neues aus Hiddensee. Insel der Malerinnen”. 

Die hier präsentierten Künstlerinnen verbrachten die Sommer auf der Insel Hiddensee, skandinavisch als “Hiddensoe” bezeichnet. Sie ließen sich von Licht, Meer und dem einfachen Leben der Inselbewohner inspirieren.

Zusmmen mit der Berliner Malerin Clara Arnheim (1867-1942) gründete Henni Lehmann (1862–1937) den „Hiddensoer Künstlerinnenbund“. Henni Lehman malte nicht nur, sondern engagierte sich als Frauenrechtlerin für soziale Belange der Inselbewohner. Sie entstammte einer wohlhabenden jüdischen Familie aus Berlin. Ihr Ferienhaus in Vitte wurde ab 1919 zum Zentrum des Künstlerinnenbundes, später auch als „Blaue Scheune” bekannt. Die Stralsunderin Elisabeth Büchsel (1867–1957) gehört zu den bekanntesten Vertreterinnen der Gruppe. Sie ist mit den meisten Werken, Porträts und Landschaften, in der Ausstellung präsent. Als innovativste Künstlerin darf Käthe Loewenthal (1878–1942) gelten. Sie entwickelte einen expressionistischen Malstil, löste sich dabei nicht von der Gegenständlichkeit ihrer Sujets. Der Zirkel erweiterte sich um die Malerinnen Elisabeth Andrae und Dorothea Stroschein sowie um die Stralsunderin Katharina Bamberg und andere. Ziel des Frauenbundes war es, sich gegenseitig zu stärken und Vorurteilen die Stirn zu bieten, aber auch voneinander zu lernen und Ausstellungsmöglichkeiten zu finden.

1933, mit der Wahl der Nationalsozialisten, endete die Zusammenarbeit, der Bund löste sich auf. Die als „Jüdin” eingestuften Künstlerinnen wurden erst diskriminiert, dann verfolgt. Henni Lehmann war gezwungen, die Blaue Scheune zu verkaufen. Sie erkrankte an Krebs und nahm sich ohne Aussicht auf eine wirksame Behandlung 1937 das Leben. Käthe Loewenthal wurde als “jüdischstämmig” klassifiziert und 1942 bei Lublin ermordet. Nur ein Teil ihrer Werke überlebte in einem Versteck. Ein ähnliches Schicksal traf ihre Malschwester Julie Wolfthorn (1864–1944). Sie hatte sich vehement für die Zulassung von Frauen zur Preußischen Akademie der Künste in Berlin eingesetzt. Auch Clara Arnheim wurde verschleppt und starb in Theresienstadt.

Die im Kunstmuseum Schwaan präsentierten Werke stammen vorwiegend aus Privatbesitz und sind deshalb in dieser Zusammenstellung einmalig und besonders. Kleine und mittlere Formate dominieren. Zu sehen sind Sommerlandschaften, Hafenszenen und Porträts, ausgeführt in Öl- oder Aquarelltechnik. Jedes Bild ist individuell gerahmt, was im Zusammenspiel nicht immer harmonisch wirkt. Eine Präsentation mit Kurzbiografien der wichtigsten Vertreterinnen des Künstlerinnenbundes ergänzt die Schau.

Wer die beiden bisherigen Informationsveranstaltungen zur Ausstellung verpasst hat, hätte sich vor Ort nähere Erläuterungen zu den ausgestellten Arbeiten sowie Hinweise auf weiterführende Informationen zum Hiddenseer Künstlerinnenbund gewünscht. Insbesondere die kunsthistorische Einordnung der gezeigten Werke und der künstlerische Standpunkt ihrer Schöpferinnen hätten die Schau bereichert. Eine Gelegenheit dazu bietet sich noch am Sonntag, den 19. Juli, um 11 Uhr zur Finissage. Dann wird die Kuratorin Annette Winter-Süß durch die Ausstellung führen.

Hier noch einige Tipps: Eine eigene Webseite informiert über den „Hiddensoer Künstlerinnenbund”. Mehr über Clara Arnheim und ihre Künstlerinnenfreundinnen, gespickt mit Literaturhinweisen, erfährt man in dieser Langen Nacht von DLF Kultur.

Titel: Käthe Loewenthal: „Gehöft auf Hiddensee“ (Ausschnitt). Alle Fotos: @ Susanne Scherrer.

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Susanne Scherrer, studierte Dipl.Pol., forscht zur Familie Mendelssohn, vermittelt und unterstützt Literatur, Konzert- und Kunstevents. Lebt in Schwerin.
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