„Vom Traum, unsinkbar zu sein“

Ein Heimatfilm auf dem Meer, erzählt von Charlie Hübner

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Der Filmtipp von Manja Wittmann

Das Schicksal der Schiffe – die Fischereiflotte der DDR

Einst fuhren über 100 Schiffe über (fast) alle Weltmeere, 4000 Seeleute arbeiteten für das Fischkombinat der DDR. Mit der Wende 1989 war Schluss damit. Die Treuhand wickelte die unwirtschaftliche Flotte ab, bot die Kutter zum Verkauf an oder verschrottete sie gleich. Die Hochseefischer mussten sich andere Arbeit suchen. Übrig geblieben sind einige Fischer-Stammtische und der ehemalige Betriebschor des VEB Fischfang Rostock „Luv und Lee“. Doch einige der Schiffe existierten noch weit über 1990 hinaus. Diesen besonderen Exemplaren und ihren Crews hat der in Rostock aufgewachsene Dokumentarfilmer und Regisseur Tom Fröhlich über viele Jahre nachgeforscht und dabei erstaunliche Geschichten zutage gefördert.

Vier unterschiedlich große Schiffe werden porträtiert. Der 26-Meter-Kutter SEEFUCHS hat dabei den wohl verrücktesten Werdegang. Kurz nach der Wende kaufte der junge Rügener Bootsbauer und Ingenieur Oliver Schmidt den Kutter und machte ihn mit einer Freundesgruppe für viele Jahre zur Heimat. Alternative Lebensformen wurden ausprobiert, bis nach 24 Jahren das Schiff an die NGO “Sea-Eye” abgegeben wurde. Die SEEFUCHS diente nun im Mittelmeer als Auffangboot für schiffbrüchige Geflüchtete, bis dies die europäischen Behörden unmöglich machten. Nach einigen Weiterverkäufen endete der Kutter schließlich in einem spanischen Zollhafen, wo ihn die dortige Polizei wegen Drogenschmuggels festsetzte. Ein erneuter Besuch von Oliver Schmidt an seinem ehemaligen Schiff macht deutlich, dass die inzwischen umbenannte und umlackierte SEEFUCHS mehr eine Gefährtin als nur ein Gefährt für ihn war.

Das Deck der NIDA

Eine andere Geschichte erzählt das Schicksal des riesigen, 62 Meter langen Gefriertrawlers NIDA. Wir sehen das Schiff in Aktion im Nordmeer und lernen den litauisch/russischen Kapitän mit seiner russisch-ukrainischen Besatzung kennen. Der jüngste Matrose, der Ukrainer Denis, hadert mit dem harten Leben auf See. Doch war es der beste Weg, um nach Putins Angriffskrieg auf die Ukraine dem Wehrdienst zu entkommen. 

Ganz erstaunlich ist auch das Schicksal des Transportschiffs STUBNITZ, das Anfang der 1990er Jahre von einem Künstlerkollektiv umgenutzt wurde. Mittlerweile wird es seit über 10 Jahren im Hamburger Hafen als Veranstaltungsort rege frequentiert. Und schließlich wird noch der Kutter BLAUWAL vorgestellt, quasi ein Vetter der SEEFUCHS. Der Rügener Kapitän Walter Lüdtke war einer der wenigen, die nach der Wende ein Schiff kauften, um als Fischer weiterzumachen. Das Schiff wurde mittlerweile in Dänemark fachgerecht verschrottet.

Und warum soll einen das nun interessieren?

Weil es Tom Fröhlich von der ersten Minute des Films an gelingt, uns mit wirklich beeindruckender Bildgestaltung und wunderschönen Einstellungen in seine Beobachtungen hineinzuziehen. Er geht mit auf Tour in den größten Seegang, fast wird man seekrank beim Zuschauen. Dennoch sei unbedingt empfohlen, diesen Film auf der großen Leinwand anzuschauen. Dann wieder bleiben kontemplative Sequenzen lange stehen, werden Blicke in Maschinenräume geworfen, die wie abstrakte Gemälde wirken, und die Technik der Stahlkolosse und Kutter erwacht wie zum Leben. Historische Archivbilder und wohl private Filmaufnahmen wurden ergänzend eingefügt. 

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Tom Fröhlich ist nicht zu sehen, und seine Fragen sind nicht zu hören. Er lässt seine eher nachdenklichen Protagonisten in ihrer jeweiligen Sprache antworten, wir lesen dazu die deutschen Untertitel. Eingestreut sind Erinnerungen anderer Seeleute, die die Verbundenheit mit ihren Schiffen thematisieren, aber auch die Härte und Gefahren des Lebens auf See. Über all dem schwebt eine große Portion Melancholie und Schicksalsergebenheit. Dass Charlie Hübner gerade diese Texte spricht, ist natürlich fabelhaft. 

Regisseur Tom Fröhlich
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Wenn die Seemänner über ihre Schiffe sprechen, sind diese immer viel mehr als nur ein Arbeitsplatz. Sie sind ihre Heimat. Die Maschinenbauer reden mit den Motoren, fühlen, wo es hakt und wo etwas repariert werden muss. Dass nach all ihren Erfahrungen jedes Schiff fast ein eigenes Wesen mit Charakter ist, glaubt man nach diesem Film sofort. Einen positiven Ausblick erlaubt sich der dänische Verschrotter, der die BLAUWAL auseinander nimmt. Es sei nicht der Tod, meint er, der Stahl werde ja recycelt und etwas Neues würde entstehen. Dennoch versteht er die Trauer und ist darauf bedacht, mit den Kapitänen, deren Schiffe er auseinandernimmt, ganz vorsichtig und tröstend umzugehen.

Der etwas sperrige Titel „Vom Traum, unsinkbar zu sein“ bezieht sich darauf, dass während des Bestehens der DDR keines der Hochseeschiffe verloren ging. Doch dann ist die DDR gesunken. Diesen Film anzuschauen, ist ein Gewinn.

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es ab dem 27. Juni eine Kinotour mit Premieren in Anwesenheit des Regisseurs. Der Kinostart ist am 02.Juli.

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Manja Wittmann, ehemals aus der Film- und Fernsehbranche, jetzt Buchhändlerin in München empfiehlt beim Kulturkompass-MV ihre aktuellen literarischen Favoriten, gerne auch von nord- und ostdeutschen Autor*innen.
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