Über Angelika Klüssendorfs neuen Roman „Trost“
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Von Susanne Scherrer
Die Geschichte beginnt mit einem Schock: Rita, die Protagonistin, verschluckt eine Wespe, erleidet einen allergischen Schock und fällt in ein Koma, aus dem sie möglicherweise nicht mehr aufwachen wird. Ritas Zeit im Krankenhaus rahmt das Geschehen. Als Rückblende, im ersten Teil des Romans, lernen wir Rita kennen. Sie ist eine empfindsame Frau, geprägt von einer Kindheit ohne Zuwendung und Geborgenheit. Nie erfüllte sich ihre Sehnsucht, vorurteilsfrei geliebt und respektiert zu werden. Ihre Wahl fällt stets auf die „falschen Männer“, was wie ein masochistisches Grundmuster erscheint. Joachim, ehemaliger Lehrer, Mitte 60, und sie sind schon viel zu lange zusammen, um noch die Kraft zu finden, sich zu trennen.
Ein weiterer Grund dafür ist die 17-jährige Jane, Joachims Tochter, mit der Rita eine vertraute Freundschaft geschlossen hat. Jane steht kurz vor dem Abitur. Angesichts des Ukraine-Kriegs und der Covid-Pandemie protestiert sie verzweifelt mit dem Satz „Eine Meinung nimmt dir das Denken ab“ gegen die Irrationalität und Realitätsverweigerung der Anderen. Jane wohnt bei ihrer Mutter, einer apathischen, seriensüchtigen Alkoholikerin, deren Kraft allenfalls ausreicht, ab und an eine Mahlzeit zuzubereiten. Vater Joachim ist Rentner und weiß nicht, wohin mit sich. Damit ist er vollkommen beschäftigt. Sein einziger Stolz ist seine gut funktionierende Potenz. Mit Sex betäubt er die Angst vor dem Altern. Weitere Romanfiguren stoßen dazu, jeder auf seine oder ihre Weise überfordert, mit sich, den Anderen und dem Leben da draußen zurechtzukommen.
Rita ist nicht mehr da – was nun?
Jetzt ist Rita, Joachims Lebensbegleiterin, Janes Freundin, die freundliche Nachbarin und nicht zuletzt die beliebte Autorin von Tierbüchern plötzlich – weg. „Tiere vor Gericht“ ist der Titel ihres letzten Manuskripts, das unvollendet liegen bleibt. In dieser Situation müssen sich die Übrigen fragen, was Rita ihnen bedeutet hat, und wie sie mit der Ungewissheit ihres Krankenhaus-Daseins umgehen sollen? Hier beginnt Janes innerer Monolog, dem wir durch den angespannten Beziehungsalltag folgen. Jane, deren Eltern sich nicht um sie kümmern, kämpft um die Zuneigung der von ihr bewunderten langjährigen Freundin Lea und will ihren Bruder vor sich selbst retten. Eigentlich muss Jane für das Abi lernen. Jane wird zur Hauptperson. Sie will nicht akzeptieren, dass Rita verschwindet. Dann kommt auch Joachim zu Wort. Er ist der hilflose Narzisst, ein Männertypus, den Angelika Klüssendorf schon in früheren Romanen seziert hat. Er hat Angst vor dem Tod und besucht Rita nur selten.

In Angelika Klüsseldorfs neuem Roman kann sich keiner der Protagonisten in der eigenen Meinungsblase bestätigen oder gar ausruhen. Hier treffen Welten aufeinander – die über Familien- oder Liebesbeziehungen eng miteinander verknüpft sind, und das quer durch alle Generationen. Prägnant, knapp und mit trockenem Humor beschreibt die vielfach ausgezeichnete Autorin ein von inneren und äußeren Konflikten gezeichnetes Beziehungsgeflecht, eng verwoben mit einer Gegenwart, in der sich ethische und moralische Prinzipien auflösen.
Ein goldgelacktes Huhn und eine kleine Eule
Angelika Klüssendorfs Sprache ist klar und genau. Sie streicht alles Überflüssige und verleiht so Details Bedeutung. Die inneren Monologe verfasst die Erzählerin in der dritten Person, sie vermeidet die Ich-Form. Das schafft eine distanzierte und kühle Beobachtungsperspektive. Tiere und insbesondere Vögel spielen eine besondere Rolle. Hühner sind Sympathieträger, darunter befindet sich Ritas Lieblingshuhn, die „goldgelackte Gundel“, eine stets gefährdete Kostbarkeit. Eine kleine Eule, als Zeichen von Klugheit und Hoffnung, flattert plötzlich auf, als sich Jane und ihre Freundin auf dem Friedhof, dem Ort der Totenruhe, treffen. Der Sperling taucht sogar in doppelter Funktion auf. So heißt der freundliche Nachbar, der die Rufe der Vögel imitieren kann und deren Klang „wunderschön“ findet.
Die Autorin entfaltet ein Panorama alltäglicher seelischer Grausamkeiten und Kränkungen, absichtlich oder unbewusst, zwischen eng verbundenen Menschen. Der Überfall Russlands auf die Ukraine sowie der nicht überwundene Schock der weltweiten Covid-Pandemie bleiben nicht bloße Staffage, sondern durchdringen das Empfinden und Denken der Romanfiguren und steigern deren Orientierungslosigkeit. Dennoch ist zu spüren, dass die Autorin mit jeder ihrer Figuren sympathisiert, mögen sie noch so herzlos und selbstsüchtig agieren. Die große Sehnsucht nach Liebe, nach Freundschaft, und nach einer überschaubaren, sicheren Welt, in der das eigene seelische Gleichgewicht wieder hergestellt werden kann, eint alle. So wundert es nicht, dass die Autorin uns nicht ohne Hoffnung aus dieser Geschichte entlässt. Vor allem Jane, deren verletzte und verletzliche Seele uns am tiefsten berührt, erfährt „Trost“, so der Titel des Romans. Es hat sich herausgestellt, dass ihre Freundin Lea sie mehr braucht als umgekehrt. Und Jane wird Ritas letztes Buch zu Ende schreiben. Begnadigt werden jedoch alle: „Und jeder, wirklich jeder Mensch auf der Welt braucht Trost“, heißt es am Schluss.
Über die Autorin: Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung in den Westen 1985 in Leipzig; heute wohnt sie auf dem Land in Mecklenburg. Sie veröffentlichte unter anderem die Romantrilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“, deren Einzeltitel alle für den Deutschen Buchpreis nominiert waren.
Der Roman „Trost“ erschien im Juli 2026, Piper Verlag, 208 Seiten, 24 Euro.
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