Vernetzte Rechte, verwundbare Demokratie

Neuerscheinung: „Das internationale Netz der radikalen Rechten“ von Thomas Greven

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Vorgestellt von Christian Franke

Bei den kommenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern besteht erstmals seit 1933 wieder die Gefahr, dass radikale Rechte nicht nur massiv in Landtagen vertreten sind, sondern auch Regierungsverantwortung übernehmen. Diese Gefahr wurde lange unterschätzt. Zugleich drängt sich die Frage auf, wie es dazu kommen konnte, dass ehemals marginale Gruppen politisches Gewicht gewinnen. Der Sozialwissenschaftler Thomas Greven zeigt in seinem Buch „Das internationale Netz der radikalen Rechten. Angriff auf die Demokratie in den USA und Europa”, dass die Antwort darauf nicht trivial ist. Greven lehrt und forscht sowohl am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien in Berlin wie auch am International Center for Development and Decent Work der Universität Kassel.

Grevens These: Der Aufstieg der radikalen Rechten ist nichts Zufälliges, sondern wesentlich durch grenzüberschreitende Kooperation und Vernetzung begünstigt. Die radikale Rechte zeichne sich dabei durch eine ideologische Bandbreite aus und umfasse in Grevens Verständnis nicht nur extremistische Rechte, sondern auch „Parteien des konservativen Mainstreams“, wie etwa die US-Republikaner oder die „Post-Merkel-CDU/CSU“. Gerade die konservative Mitte bediene sich zunehmend des sprachlichen Duktus der Rechten und scheine auch für rechte Agitationsmedien wie Nius oder Tichys Einblick offen zu sein. 

Bevor Greven jedoch diese Vernetzung und Kooperationen aufzeigt, analysiert er den globalen Aufstieg der radikalen Rechten und die damit verbundenen Strategien. Die grundlegende politische Kommunikationsstrategie sei dabei wenig überraschend der Populismus. Greven zeigt jedoch, dass Populismus nicht an eine bestimmte politische Position gebunden ist, sondern die Funktion hat, in Krisenzeiten auf sogenannte Repräsentationslücken zu verweisen. Das gemeinsame Narrativ des rechtspopulistischen Diskurses, das Greven herausarbeitet, ist der „große Austausch“: Die Mehrheitsgesellschaft solle demnach durch Migration zerstört werden – und mit ihr die kulturelle und ethnische Identität einer Nation. Der Glaube an diese Mär führe unweigerlich zu einem Rechtsruck in der Gesellschaft. Greven benennt im Folgenden drei Ursachen, die zum unerschütterlichen Glauben an dieses Narrativ beitragen: Globalisierung, kulturelle Modernisierung und Transformation sowie eine diffuse Krisen- und Demokratiemüdigkeit. Die Globalisierung erzeuge den Transformationsdruck in Gesellschaften und hinterlasse ökonomische Verlierer. Traditionelle Werte erscheinen durch feministische Bewegungen, einen allgemeinen Säkularisierungstrend und veränderte Moralvorstellungen im Bereich der Sexualität bedroht.

In einer einfachen Freund-Feind-Logik folgt daraus der Kampf gegen die „Wokeness“. Die Demokratiemüdigkeit resultiert für Greven aus der Wahrnehmung vieler Bürger*innen, dass ihre Stimme bei Wahlen kein Gewicht habe: Egal, wer regiert, es ändere sich nichts. Diese Wahrnehmung hänge auch mit der Gewaltenteilung und der institutionellen Verfasstheit von Demokratien zusammen. Sie haben zur Folge, dass politische Entscheidungen Einzelner oder auch einer Mehrheit nicht immer unmittelbar umgesetzt werden können – gerade zum Schutz der Demokratie und ihrer Institutionen. Auch wenn die ideologische Bandbreite der radikalen Rechten groß sei, eine sie dieses grundlegende Narrativ; zudem ähneln sich die Ursachen in einer globalisierten Welt, wenngleich nationale Unterschiede bestehen.

Greven beschreibt, welche konkreten Formen der Vernetzung unter radikalen Rechten bestehen. Im Europäischen Parlament gibt es unterschiedliche Fraktionen der radikalen Rechten, die zunehmend an Bedeutung gewinnen, wenn sie inhaltliche Differenzen zugunsten einer Stärkung rechter Kräfte überwinden. Genau diese Entwicklung lasse sich, vorangetrieben durch die Fraktion „Patrioten für Europa“, beobachten. Über Europa hinaus agieren Thinktanks, die die Vernetzung zwischen Europa und Amerika fördern. In Europa tritt Viktor Orbán als engagierter Exporteur seiner illiberalen Demokratie auf. Er unterstütze gezielt rechte Politiker*innen in europäischen Staaten.

Greven wählt eine klare Struktur und Sprache, um diese Komplexität darzustellen. So ermöglicht er auch politischen Laien, seiner Argumentation zu folgen. Zugleich verzichtet er auf rhetorische Finessen oder zugespitzte Pointen, um den Inhalt nicht zugunsten eines oberflächlichen Statements preiszugeben. Den wissenschaftlichen Habitus und die Regeln wissenschaftlichen Schreibens übernimmt der Autor, wodurch Präzision und Klarheit entstehen. Gerade im Geflecht der internationalen Vernetzung liegt jedoch auch eine Herausforderung für die Leser*innen: Wer nur wenig oder gar nicht tagesaktuell politisch informiert ist, wird sich schwertun, dieses Geflecht in seinen Einzelheiten nachzuvollziehen.

Thomas Grevens Analysen und die Rekonstruktionen des internationalen Aufstiegs radikaler Rechter zeigen, wie komplex die Ursachen für den internationalen Aufstieg radikaler rechter Bewegungen sind. Landtagswahlen stehen nicht im Zentrum seiner Betrachtungen, aber auch auf die regionale Ebene trifft zu, dass es genauso komplex ist, diesen Aufstieg zu verhindern oder umzukehren. Am Ende des Buches findet sich Grevens Lichtblick: Die Demokratie sei noch nicht verloren, sich für sie einzusetzen, bleibe aber die formulierte Aufgabe.

„Das internationale Netz der radikalen Rechten, Angriff auf die Demokratie in den USA und Europa“. Von Thomas Greven
296 Seiten, Broschur, 24,00 Euro, Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Juli 2026. 

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Christian Franke studierte Philosophie und Germanistik, ist im Schuldienst tätig und interessiert sich für Literatur, Philosophie und Musik.
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