Leben in der ostdeutschen Provinz

Punksänger Jan „Monchi“ Gorkow und Nordkurier-Chefredakteur Gabriel Kords diskutieren über Heimat und Rechtsruck

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Von Til Rohgalf

„Ist das schon mein Land? Ist das noch mein Land?“ – Unter diesem Motto tourte PEN Berlin mit einer Gesprächsreihe vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern durchs Land, um mit den Menschen vor Ort über Heimat, Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sprechen. Mit diesem Gesprächsformat und wechselnden Gästen bereiste die Schriftsteller*innenvereinigung in den Wahlkämpfen Berlin, Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.

Einen Abschluss fand die Tour durch Mecklenburg-Vorpommern vorgestern in der Schweriner M*Halle. Moderatorin Silke Hasselmann begrüßte zwei Gäste, die sich mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen dem Begriff der „Heimat“ näherten: Jan „Monchi“ Gorkow, Sänger der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“, ist in der linken Szene verwurzelt und arbeitet seit Jahren aktiv gegen Rechtsextremismus und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das Engagement in seinem Heimatort Jarmen ist eines seiner zentralen Anliegen und seit zehn Jahren veranstaltet er das Musikfestival „Wasted in Jarmen“. Im August ist sein Buch „Jenseits der Brandmauer. Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz“ erschienen, in dem er über das Erstarken der AfD in Jarmen schreibt.

Offene Bühne – Monchi on stage auf dem Dreesch (Foto: @Jan Dirck Budden)

Der zweite Gast an diesem Abend war Gabriel „Gabi“ Kords, Chefredakteur des Nordkuriers. Aufgewachsen ist Gabriel Kords im nordrhein-westfälischen Mettmann. Seit seinem Studium in Greifswald lebt er in Mecklenburg-Vorpommern und ist vor wenigen Jahren mit seiner Familie aufs Land gezogen.

„Ostsee, Hansa Rostock, Pyrotechnik, Pfeffi“ – Monchi gibt zu Beginn des Gesprächs eine augenzwinkernde Assoziationskette zum Begriff der „Heimat“. Das sei vor allem biographisch bedingt und er sehe und mache heute natürlich einige Dinge anders als in der Vergangenheit.

Nach Jahren in Rostock sei er bewusst nach Jarmen zurückgezogen, wobei er betont, seinem Heimatort nie wirklich den Rücken gekehrt zu haben. Jarmen sei ein wichtiger Bezugspunkt im Begriffsfeld „Heimat“, er schätze das persönliche Zusammenleben im dörflichen Kontext, das unmittelbare Aufeinandertreffen und das gemeinsame Engagement für das Dorfleben. Das hat Monchi mit seinem Gesprächspartner Gabriel Kords gemeinsam: Dieser bezeichnet sich aufgrund seiner rheinischen Migrationsgeschichte als zweiheimisch, habe aber insbesondere durch die persönliche Interaktion an seinem Wohnort ein Dorf gefunden, das er heute als „Heimat“ bezeichnet. Für ihn sei dies eine neue Erfahrung, er habe bisher nur die Anonymität von Städten kennengelernt. Aus dieser Begriffsbestimmung entfaltet sich im Gespräch schnell die Frage, wie umzugehen sei mit der Tatsache, dass im eigenen Lebensumfeld die politische Stimmung immer weiter nach rechts drifte.

Monchi und Kords verweisen zunächst überraschend übereinstimmend auf das Problem der „Informationsblasen“. Diese würden eigene Narrative verstärken, Ambiguitätserfahrungen verhindern und gesellschaftliche Spaltungen verstärken. „Schwarz-Weiß-Denken“ sei, so betont Monchi, auf der linken wie der rechten Seite des politischen Spektrums zu beobachten. Er selbst sei, als Teil einer klar linken „Bubble“ an seinem früheren Wohnort, der Kröpeliner-Tor-Vorstadt (KTV) in Rostock, dieser Denkweise verhaftet gewesen. Das sei aber in der Arbeit für eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft, bei dem Versuch, AfD-Wählende zum kritischen Nachdenken zu bringen, nicht zielführend.

„Die KTV ist nicht St. Pauli, wir sollten nicht nur in ‚gut‘ und ‚böse‘ trennen“, umreißt Monchi die Verhältnisse in Mecklenburg-Vorpommern pointiert. Bei den Vorbereitungen für das „Wasted in Jarmen“-Festival hätte er auch Jugendliche mithelfen lassen, die vorher noch am AfD-Wahlstand waren oder sich positiv über Björn Höcke geäußert hätten. Nur durch das gemeinsame Tun vor Ort hätte es die Möglichkeit gegeben, mit den Jugendlichen eine konstruktive Gesprächsebene zu finden. Er plädiert dafür, „Taten zu verurteilen, nicht die Menschen dahinter“ – mit Leuten zu sprechen, statt sie „abzuschreiben“. Dass dieser Ansatz bei ideologisch gefestigten Parteifunktionären und -kadern an seine Grenzen stößt, räumt Monchi im späteren Publikumsgespräch ein, dies sei aber auch nicht die Zielgruppe seines Engagements.

Im Dialog (Foto: @Jan Dirck Budden)

Einen stärkeren innergesellschaftlichen Diskurs wünscht sich auch Gabriel Kords. Er entwirft das Bild des „gemeinsamen Lagerfeuers“, um herauszustellen, dass gesellschaftliche Spaltungsprozesse und die Attraktivität rechter Echokammern in der Gegenwart auch als Resultat sozialer Vereinzelung zu deuten sind.

Kontroverser wird es an diesem Abend, wenn Kords auf die Rolle der Medien im Umgang mit politischen Themen angesprochen wird. Der Chefredakteur des Nordkuriers betont die besondere Rolle der Lokal- bzw. Regionalzeitung, die oft integrativer agieren müsse als überregionale Medien. Es gelte, so zu berichten, dass sich die Menschen vor Ort in ihren Besonderheiten auch darin wiederfinden würden. Er folgert daraus, dass möglichst zu vermeiden sei, in politischen Artikeln „alles einzuordnen“. Monchis Einwand, dass eine Zeitung, die notwendigerweise auf Abonnements angewiesen sei, sich mit dieser Haltung, dem gesellschaftlichen Diskurs folgend, nach rechts bewege, entkräftete Kords an dieser Stelle nur bedingt.

Begleitet wurde die Moderatorin Silke Hasselmann an diesem Abend von Deniz Yücel, der das PEN-Gesprächsformat mitorganisiert, und dem Autor, Moderator und Poetry-Slammer Aron Boks. Die rege beteiligten Zuhörer*innen berichteten in ihren Beiträgen über Ängste und Sorgen angesichts der politischen Verschiebung nach rechts, die sie auch im Alltag wahrnehmen würden. Wiederholt wurde der Wunsch nach einem offenen Diskurs geäußert.

Ein Wortbeitrag, der große Teile des Publikums merklich bewegte, stammte von einem 88-jährigen Zuhörer, der von seinem Aufwachsen und Leben in zwei totalitären Diktaturen berichtete. Er appellierte, mit den Tränen kämpfend, eindringlich an den Wert der Demokratie und der Freiheit. Das stattfindende Gesprächsformat definierte er als Inbegriff dieser Werte.

Am Ende des Abends nutzte Deniz Yücel, der selbst als Journalist in der Türkei inhaftiert war, die Gelegenheit, um auf die ehrenamtliche Arbeit des Vereins PEN Berlin zu erinnern, die darin besteht, Schriftsteller*innen, Journalist*innen und Aktivist*innen auf der ganzen Welt zu unterstützen, die für Meinungsfreiheit kämpfen und aufgrund staatlicher oder gesellschaftlicher Repressionen ihr Leben riskieren.

Auch Jan „Monchi“ Gorkow und seine Familie sind Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt. Trotzdem wählt er den Weg, sich diesen gesellschaftlichen Erosionskräften durch aktives Tun entgegenzustellen. Sein Buch „Jenseits der Brandmauer…“, in dem sich viele Themen des Abends wiederfinden, liest sich auch aus diesem Grund als Gegenentwurf zur betroffen-schockierten Resignation vor den Verhältnissen.

Fest steht nach diesem Abend: Der Bedarf nach Gesprächsformaten wie diesem ist auch in Schwerin vorhanden – gerade in wahlkampffreien Zeiten, wenn viele Themen wieder aus der Medienberichterstattung verschwunden sein werden.

Titel: Monchi und Helfer*innen beim Überraschungskonzert auf dem Dreesch (Foto: @Jan Dirck Budden)

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Til Rohgalf studierte Sonderpädagogik, Philosophie und Geschichte (M.A.), er ist im Schuldienst tätig, musikbegeistert und musikalisch aktiv. Ihn interessieren politische, kulturelle und geistesgeschichtliche Themen.
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