Ein Meinungsbeitrag von Wolfgang Kowalsky
Nach dem gelöschten Waldbrand im Müritz-Nationalpark hat das Aufräumen begonnen, aber für die Einsatzkräfte ist nach dem Feuer vor dem nächsten Feuer. Seit Jahrzehnten prognostizieren Klimaforscher eine Zunahme von Extremwetter und Bränden, doch die vorausgesagten, derzeit wütenden Brände in Europa haben viele Menschen überrascht. Europa ist der Kontinent, der sich am schnellsten erwärmt. Seit Wochen und Tagen wüten nie dagewesene Waldfeuer in Frankreich, Spanien und Italien und erst jetzt äußert sich die Europäische Kommission dazu.
Im Raum um Madrid und um Bordeaux gerieten die Feuer tagelang außer Kontrolle und neue Brände sind aufgeflammt. In Planspielen wurde darüber nachgedacht, wie Bordeaux zu evakuieren wäre. Zahlreiche Anwohner und Touristen waren gezwungen, das beliebte Bassin d’Arcachon, Cap Ferret, Lacanau und die Seekiefernwälder im Forêt des Landes mit ihren vielen Campingplätzen fluchtartig zu verlassen; eine Ortschaft brannte völlig nieder. Der französische Staatspräsident Macron fand die passenden Worte, als er von der schwierigsten Situation seit dem 2. Weltkrieg sprach. Gegen die Brände müsse nicht gekleckert, sondern geklotzt werden, und zwar unter Einsatz aller Mittel – eben wie in Kriegszeiten. Folgerichtig hat Macron am 23. Juli den „Europäischen Mechanismus zum Zivilschutz“ ausgelöst.
Was das ist, erklärt die zuständige Europäische Kommissarin Hadja Lahbib: Über diesen EU-Katastrophenschutz kann jederzeit Hilfe von den 27 EU-Mitgliedsstaaten angefordert werden. Das Kernstück dieses Katastrophenschutzes sei die Europäische Koordinationsstelle für Notfälle ERCC. Dort müsse ein Antrag gestellt werden, der dann an die Mitgliedstaaten weitergeleitet werde. Darüber hinaus wies die Kommissarin darauf hin, dass es eine strategische Reserve des rescEU-Systems gebe, die über Flugzeuge vom Typ Canadair und Hubschrauber verfüge. Die Kommissarin präzisierte nicht, wie viele es gibt. Aber 5 Canadair und 4 Hubschrauber seien in die Gironde, das Département um Bordeaux, geschickt worden. Auf die Nachfrage, ob das ausreiche, antwortete sie, dass das System „funktioniert“, es stehe aber unter Druck. Überall würden „Experten hingeschickt“ (Le Soir 29.7.26). Dass die Ausstattung unzureichend ist, erwähnt sie mit keinem Wort.
Am 27. Juli meldete Euronews, die EU-Kommission habe das europäische Notfallsystem rescEU aktiviert und zugleich gestanden, dass die Feuer „unsere Kapazitäten übersteigen“. Die EU verfügt insgesamt nur über 22 Flugzeuge und 5 Helikopter, aber beabsichtigt, das rescEU-System auszubauen, nämlich um 12 Canadair, die wahrscheinlich 2030 lieferbar sind.
Bis dahin werden weitere Sommer mit Extremhitzen auf uns zukommen. Inzwischen hat Frankreich 7 Flugzeuge zugeteilt bekommen, Spanien 6. Euronews machte darauf aufmerksam, dass in Spanien stationierte russische Hubschrauber zur Brandbekämpfung nicht eingesetzt werden dürfen wegen der EU-Sanktionen. Euronews hakte bei der Kommission nach, aber die Kommission reagierte nicht auf die Anfrage, warum die Kommission nicht Sanktionen, die Europa erheblichen Schaden zufügen, zügig aufheben könne.
Bereits letztes Jahr ist eine Fläche von 1 Million Hektar den Flammen zum Opfer gefallen (Waldbrandinformationssystems (EFFIS)). In der Gironde brannten jetzt 42 000 km² und über 220 000 Menschen mussten evakuiert werden. 2750 Feuerwehrleute arbeiteten jeweils 8–10 Stunden im Rotationsverfahren, unterstützt von 18 Flugzeugen, 1500 Militärangehörigen und 1440 sonstigen Kräften. Über 500 Bauern brachten auf Traktoranhängern riesige Wasserzisternen – eine Zisterne enthält mehr Wasser als ein Feuerwehrwagen. Unterstützung kam ebenfalls von einer fitten Zivilgesellschaft: Allein 12.000 freiwillige Helfer waren im Raum Bordeaux tätig, um zu helfen, u. a. Betten aufzustellen, Essen und Getränke, vor allem Wasserflaschen, und Masken gegen den Feinstaub bereitzustellen. Anwohner unterstützten ihre Nachbarn mit dem Gartenschlauch oder mit Wohnwagen voller Wasserkanister. Diese große Mobilisierung von Freiwilligen ist beeindruckend.

Noch fehlen Analysen über die gesundheitlichen Schäden durch Feinstaub und Qualm, den viele einatmen mussten, ob mit oder ohne Masken. Noch nicht absehbar sind die Folgen für die Pflanzen und Tierwelt und die vielen Menschen, die ihre Wohnung verloren haben oder verlassen mussten, und natürlich auch für den Tourismus in Spanien, Frankreich, Italien, etc. Die Verantwortlichen geben zu, dass sie für außergewöhnliche Brände nicht gerüstet sind. Die Politik steckt den Kopf in den Sand – das Prinzip Hoffnung herrscht vor. Immerhin werkeln in Frankreich Startups an Drohnen, die mit hoher Geschwindigkeit über eine Tonne Wasser oder Feuerverzögerer transportieren können. Der früheste Einsatz wäre wohl 2028/29 (Le Figaro 29/07/26).
Meine Meinung
Seit Jahrzehnten prognostizieren Klimaforscher eine Zunahme von Extremwettern und Bränden, doch die Europäische Kommission hat noch immer keine Strategie. Sie erschöpft sich in Erklärungen, dass Klimaanpassung und Zivilschutz zusammengehören, und wiederholt, was Experten seit langem analysieren: Die Brände überschreiten historische Normen und werden sich weiter ausbreiten. Auf die Frage, was man tun kann, außer hinterher Experten zu schicken, kommt keine überzeugende Antwort. Klar ist, dass der mangelhafte Waldschutz und viel zu geringe Mittel für die Brandbekämpfung wie Brandbeschleuniger wirken. In Teneriffa am Vulkan Teide, wo es regelmäßig brennt, hat sich die Kanadische Kiefer dem Feuer angepasst und übersteht Brände – solche Baumarten sind nun auch anderswo in Europa gefragt.
Der Europäische Katastrophenschutz kommt zum Einsatz, funktioniert jedoch nicht: Der oft bemühte Tropfen auf den heißen Stein kann keine Brände löschen. Wieso gibt es keine Krisensitzung der Kommission? Angesichts der ungeheuren Dimension der Feuer muss koordiniert gehandelt werden, doch vor dem Hintergrund einer sich ausbreitenden Klimawandelskepsis scheint es so, als kapituliere die EU-Klimapolitik. Die Kommission hat offenbar andere Prioritäten, wie aus den Tagesordnungen der letzten Sitzungen ersichtlich ist. Sie bestätigt so den Eindruck einer weltfremden Behörde, die der Devise „zu wenig, zu spät“ huldigt, statt sich um die brennenden Sorgen ihrer Bürger zu kümmern.
Angebracht wäre es, Sanktionen, die Europa erheblichen Schaden zufügen, umgehend auszusetzen und alle verfügbaren Mittel gegen die Feuerkatastrophen einzusetzen. Doch die zuständige Kommissarin benennt nicht die Herausforderungen, sondern beschönigt und beschwichtigt. Das zeigt, welchen geringen Stellenwert der Katastrophenschutz in der EU-Kommission hat. Eine Diskussion über europäische Prioritäten und insbesondere den Stellenwert von Katastrophenschutz wäre bitter nötig und nicht nur Ansage à la Merz, den europäischen Budgetvorschlag um mehrere 100 Milliarden zu kürzen. Wollen die Nationalstaaten mehr Katastrophenschutz gegen die europaweiten Feuersbrünste oder wollen sie die lokale und regionale Ebene mit dem Brandschutz allein lassen? Es macht durchaus Sinn, dass nicht jedes Land eine Flotte von 50 oder mehr Brandschutzflugzeugen vorhält, die auch ständig gewartet und repariert werden müssen. Eine ausreichend große Flotte sollte im Notfall in den Feuergebiete einsatzbereit sein. Ein Weckruf wäre angebracht, denn weitere Hitzewellen liegen vor uns.
Titelfoto: pixabay@biollama
.

Wolfgang Kowalsky, Dr., Dipl.-Soz., Studium in Berlin und Paris-Nanterre, tätig bei Grande Ecole HEC bei Paris, bei der IGMetall Grundsatzabteilung, Fellow am Wissenschaftszentrum NRW, zuletzt Referent beim Europäischen Gewerkschaftsbund. Diverse Publikationen zu europäischen und anderen aktuellen Themen.