Mirjam Elburn präsentiert Fotografien und Installationen
Von Til Rohgalf
Mirjam Elburn ist viel beschäftigt: Gleich zwei Ausstellungen in Mecklenburg zeigen ihre Werke. In Neubrandenburg beteiligt sich die Künstlerin am Ausstellungsprojekt „Wohnkomplex“ – einer künstlerischen Annäherung an das soziale und architektonische Phänomen des Plattenbaus. Zu sehen sind Fotografien und Installationen der Künstlerin. Für die bereits in Potsdam gezeigte Ausstellung und die Begleitpublikation wurde ihr Kurator Kito Nedo mit dem Justus-Bier-Preis für Kurator:innen 2026 ausgezeichnet. Im Schweriner Co-Working-Space „tisch“ eröffnete Mirjam Elburn vergangenen Mittwoch ihre Einzelausstellung in der Reihe „Im kleinen Rahmen“. Für ein Interview mit dem Kulturkompass gibt die in Dargun lebende Mirjam Elburn Einblick in ihre Arbeit.

So verrät sie, dass sie nicht programmatisch an ihre Werke ginge und der Zufall und die sukzessive Entwicklung eine zentrale Rolle spielten: „Ich denke nicht, ich möchte jetzt etwas zu diesem Thema machen und dann suche ich Material dafür, sondern vielmehr finden die Themen mich durch das Material oder Fundstücke.“ Einiges fand sie auf zufälligen Erkundungswegen durch ihre Wahlheimat: „Ich wohne erst seit Ende 2022 in Mecklenburg-Vorpommern, habe meine unmittelbare und dann weitere Umgebung erst zu Fuß und dann mit dem Auto erkundet und Fotos gemacht, um die Gegend kennenzulernen. Das ist eine Angewohnheit von mir, wenn ich neu an einem Ort bin.“
Die Werke der Ausstellung „Wohnkomplex“ seien in diesem Kontext entstanden, als sie zufällig auf das verlassene Wohnprojekt „Basepohl am See“ stieß – vordergründig ein von Zerfall bestimmter Ort, der für Mirjam Elburn eine ganz eigene Ästhetik entwickelt: „Ich habe das Gelände und die Innenräume erkundet und eine Vielzahl von Fotos gemacht. Aber gerade die sich langsam von den Wänden lösenden Tapeten haben es mir angetan – jeder Raum eine andere Farbe – ein Bild zwischen Verfall, Zeit, Geschichte und Schönheit – barocke Faltenwürfe in einem verlassenen Gebäudekomplex aus den 1970er Jahren.“
Vor allem die sozialen Aspekte des Plattenbaus interessieren die Künstlerin. Auch durch das Janusköpfige in der historischen Einordnung erscheine der Plattenbau zugleich als Symbol für Fortschritt und für das Scheitern einer Gesellschaftsvision – „oder für beides zugleich“. Hierbei verweist sie auf die nicht immer konvergenten Blickweisen auf den Plattenbau in West- und Ostdeutschland – und die unerwartete Aktualität serieller Bautechniken in der Gegenwart: „In der westdeutschen Narration wird der Plattenbau zum Symbol für gesellschaftliche Probleme und Entfremdung. Allerdings habe ich selbst andere, positive Erfahrungen gemacht – und mittlerweile – gerade in Zeiten von Wohnungsnot – wird ja auch das Bild gerade von Stadtforscher:innen differenziert betrachtet.“
Ebenfalls schaut sie differenziert auf die massiven Transformationsprozesse in Ostdeutschland der Nachwendezeit: „Transformation an sich ist nicht schlecht, sondern die empfundene Unsicherheit, die mit ihr verbunden wird, kann zum Gefühl von Kontrollverlust und Identitätsverschiebung führen.“ Transformation mache immer Spannungen sichtbar. Aber der „Schmerz der Transformation“ sei kein exklusiv ostdeutsches Phänomen: „Große Teile der Bevölkerung in Deutschland und Europa erfahren gerade tiefgreifende Veränderungen, die sie als negative Erfahrung erleben.“
Der wirtschaftliche Druck erhöhe sich, soziale und finanzielle Unsicherheit wüchsen und einige Menschen nähmen einen Wertewandel wahr, der ihnen Angst mache und der als Bedrohung empfunden werde. Nicht zuletzt empfänden sie sich nicht mehr vertreten in Politik und durch Institutionen. „Diese Unsicherheit ist Nährboden für Extreme“, konstatiert Mirjam Elburn.

Ortsspezifische Elemente finden sich auch in der neu eröffneten Schweriner Einzelausstellung, in der die Künstlerin Installationen aus Textilien zeigt – allerdings unter gänzlich anderen Vorzeichen: Mirjam Elburn taucht tief in erkenntnistheoretische Überlegungen ein. Sie beschäftigt sich mit Ähnlichkeit als Orientierungshilfe – als real vorhandene und als Kategorisierung, die durch die eigene Wahrnehmung erst konstruiert wird. Die Frage, ob sich „echte“ von konstruierten Mustern unterscheiden lassen, bezeichnet Mirjam Elburn als „philosophische Herausforderung“.
Mirjam Elburn (Foto:© privat)
Das zentrale Problem liege darin, dass Menschen von Natur aus zur Sinnstiftung neigten. Ein absoluter Beweis bleibe in dieser konstruktivistischen Lesart grundsätzlich ausgeschlossen. Die Unterscheidung zwischen „echter“ und konstruierter Ähnlichkeit sei damit kein lösbares Problem, sondern ein fortlaufender, nie abgeschlossener Prozess kritischen Denkens.
Diesen Prozess durchschreitet Mirjam Elburn mit ihrer künstlerischen Praxis, die Bedeutung zufälliger Fundstücke zu dekonstruieren, indem sie sie in neue Kontexte einarbeitet: „Das Material für die textile Installation ist eine Mischung aus Fundstoffen, Bettlaken meiner Großmutter, gebrauchter Leinen, Gardinen von einem spanischen Flohmarkt, industriell hergestelltem Stoff für einen Sichtschutz, den ich von der Rolle in einem Supermarkt gekauft habe, und alten eigenen Leinwänden sowie Leinwandstoff von der Rolle. Für die mit Sprühlack aufgetragene Struktur, die ich dann mit einer kleinen Schere ausgeschnitten habe, diente ein oranger Kunststoff-Fangzaun als Schablone.“
In einer Zeit, die Effizienz und schnelle Ergebnisse prämiert, setzt Mirjam Elburn auf die Praxis des „langsamen Begreifens“ als Haltung: die tastende Annäherung, das geduldige Durcharbeiten eines Materials mit den Händen, das bewusste Zulassen von Scheitern. „Es ist meine Art, mich den Dingen zu nähern. Ich brauche Zeit, um mich einem Material oder Dingen zu nähern und mich auf sie einzulassen.“

Seit Jahren ist die 1976 in Siegen geborene Künstlerin als Kunstvermittlerin in der Jugendarbeit und in anderen Bildungskontexten tätig. Dies sei eine auch für ihre eigene Kunst prägende Erfahrung: „Ich nehme das spielerische Herangehen, das Nicht-Zielgerichtete und den Mut, vermeintliches Scheitern nicht als solches zu betrachten, mit. Oft erstaunen mich einzelne Aussagen zu Kunstwerken – über Dinge, die ich auf Bildern so noch nicht entdeckt habe, oder Fragen, die ich mir nie gestellt hätte. So dass ich am Ende das Gefühl habe, wir haben gemeinsam gelernt und Erfahrungen gemacht.“
Nicht zufällig sind der Fokus auf das Prozesshafte und die unkonventionelle Annäherung an das Material prägende Elemente in Mirjam Elburns Schaffen.
Die Sonderausstellung „Wohnkomplex – Neubrandenburg. Kunst und Leben im Plattenbau“ ist noch bis zum 02. August in der Kunstsammlung Neubrandenburg zu sehen. Der „tisch” in Schwerin zeigt Mirjam Elburns Werke noch bis zum 10. Juli.
.
