Caspar-David-Friedrich-Zentrum zeigt Einzelausstellung der Preisträgerin Hajin Jeong
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Von Til Rohgalf
Seit einem Jahr steht fest, dass Hajin Jeong den Caspar-David-Friedrich-Preis 2026 erhält. Unter dem Titel „Soft Hours“ sind ihre Werke ab Oktober im Caspar-David-Friedrich-Zentrum zu sehen. Den Kulturkompass MV ließ die Künstlerin bereits jetzt in Ihre Arbeit blicken.
Hajin Jeong ist 1995 in Seoul geboren und aufgewachsen. Dort studierte sie Malerei und wechselte dann an die Hochschule für bildende Künste Dresden. Nach einem weiteren Jahr Studium im niederländischen Utrecht lebt und arbeitet sie heute in Berlin.

„Ich glaube, dass jeder Ort, an dem ich gelebt habe, seinen eigenen Reiz hat und meine Werke beeinflusst“, fasst sie die Eindrücke ihrer verschiedenen Stationen zusammen. Dabei reize es sie, sich von den unterschiedlichen Stimmungen eines Ortes inspirieren zu lassen: „Was mir beim Wechsel zwischen Orten aber am meisten Freude macht, ist eine bestimmte Ästhetik mit den Augen einer Zugezogenen zu entdecken und die Lücke zwischen dem, was ich sehe und meinem eigenen kulturellen Hintergrund wahrzunehmen.“
Sie habe die Tapetenwechsel-Momente des Lebens und Reisens in verschiedenen Städten genossen, während sie, so konstatiert sie, ihre „koreanische Identität im Kern bewahrt habe“.
Das Hinterfragen und Überschreiben des vertrauten Blicks beschreibt sie als essentiell für ihre Arbeit: „Ich suche immer nach Landschaften und Figuren, die ich noch nicht gesehen habe, und versuche, Ansichten zu sammeln, die auch mit bestimmten Gefühlen und Emotionen verbunden sind. Zum Beispiel haben mich exotische Anblicke, die man nur im Ausland erleben kann, wie die flache Landschaft in Mecklenburg, beeindruckt und sogar sentimentale Gefühle geweckt, die mich motiviert haben, zu malen.“
Im Vergleich zum Anfang ihrer Zeit in Europa wirke vieles heute nicht mehr so neu oder überraschend auf sie. Trotzdem motiviere sie sich immer wieder, vertraute Ansichten mit einer kreativen Haltung zu betrachten. „Ein Ortswechsel gibt mir definitiv schöne Inspiration, jedoch muss ich nicht immer unterwegs sein. Ich trainiere mich auch darin, meine Umgebung mit neugierigen und kreativen Augen zu beobachten, egal, wo ich mich befinde.“

Hajin Jeongs Gemälde entstehen aus flüchtigen Landschaftseindrücken, die sie nicht abbildet, sondern durch Erinnerung und Gefühl verändern lässt. So wird die Landschaft zum Spiegel eines inneren Zustands, Bewegungsspuren bleiben im Bild erhalten.
Diese bildliche Fixierung des Flüchtigen definiert die Künstlerin als inneren Prozess: „Ich bin überzeugt, dass die Szenen und Figuren, die ich in meine Werke mitnehmen möchte, von meinem Unterbewusstsein selbst ausgewählt und in meinem kurz- oder langfristigen Gedächtnis abgelegt werden.“
Deshalb fühle sich der Malprozess für sie an wie ein fortlaufender Dialog mit ihrem Unbewussten: „Ich frage mich dabei immer wieder selbst, warum genau dieser Moment besonders war und aus welchem Grund er als visuelle Erinnerung in meinem Kopf geblieben ist. Dieser Prozess ist für mich ernsthaft, gleichzeitig aber auch unterhaltsam und sogar lustig. Wenn ich anderen mein Gemälde zeige, kann ich manchmal klar erklären, warum ein bestimmtes Motiv in dieser Szene auftauchen muss und manchmal eben nicht.“

Die Entstehung eines Bildes sei für Hajin Jeong ein suchender Prozess, der nicht auf ein klar definiertes Ziel hindeute. Sie folge einer visuellen Erinnerung, die nie zu hundert Prozent klar sei, und setze diese als Bildsprache um. Deshalb sei auch die Grenze zwischen Figuration und Abstraktion in ihren Bildern eher eine spontane und intuitive Wahl als eine bewusste Entscheidung. Auch die ästhetischen Entscheidungen, die sie während der Arbeit an einem Bild treffe, seien für sie eher wenig geplant.
Dieses Sammeln von Erinnerungen und Beobachtungen, die sich sukzessive zu einem Bild zusammensetzen, teilt die Preisträgerin mit Caspar David Friedrich. „Was mich mit Friedrich verbindet“, beschreibt Hajin Jeong, „ist nicht nur, dass wir beide Landschaften malen, sondern vor allem dieser eine Moment vor seinen Augen, der für ihn selbst bedeutsam war.“
Als Künstlerin kenne sie das Gefühl gut, „dass einen etwas Naheliegendes, wie große Natur, Wetter oder Licht, plötzlich überwältigen kann und dass man genau diesen Moment im Bild festhalten möchte. Was wir jeweils sehen, liegt durch Zeit und Ort weit auseinander. Doch das Bedürfnis, etwas, das einen berührt hat, mit den eigenen Händen neu entstehen zu lassen, ist für mich sehr nachvollziehbar.“
Hajin Jeong illustriert dieses persönliche Erleben der Malerei mit einem Zitat von Caspar David Friedrich: „Jedes echte Kunstwerk wird in geweihter Stunde empfangen und in glücklicher geboren, oft dem Künstler unbewusst, aus innerem Drange des Herzens.“
„Soft Hours“ ist die erste institutionelle Einzelausstellung der Künstlerin. Der Titel verweist explizit auf ihre Arbeitsweise: „Ein Bild, das man aus der Erinnerung wieder hervorholt, kann sich beliebig verändern, verzerrt werden und manchmal auch gegen den eigenen Willen einfach lange bestehen bleiben.“
„Soft“ stehe für diese Flexibilität, dafür, dass eine Erinnerung nie endgültig festgelegt sei, sondern immer wieder neu gedeutet werden könne. „Hours“ wiederum beziehe sich auf den Lauf der Zeit selbst: Ihre Bilder hielten keinen einzelnen, klar abgegrenzten Moment fest, sondern vermittelten den Eindruck, dass sich einzelne Bildteile noch immer in Bewegung befänden, als wäre die Szene noch unterwegs, nicht endgültig angekommen.
Diese Unbestimmtheit, Flüchtigkeit und Flexibilität sieht Hajin Jeong auch als Möglichkeit der Rezeption ihrer ausgestellten Werke: „Ich glaube, dass wir durch unsere eigenen Augen am selben Ort ganz unterschiedliche, sehr persönliche Landschaften sehen. Die Werke in der Ausstellung zeigen weniger eine klare, eindeutige Landschaft, sondern eher Gefühle und Spuren, die in der Erinnerung zurückgeblieben sind.“
Die Ausstellung ist ab dem 10. Oktober im Caspar-David-Friedrich-Zentrum in Greifswald zu sehen. Die Preisverleihung an Hajin Jeong findet im Rahmen der Vernissage statt.
Titelbild: Bahnhof, 2026, 155 x 190 cm, Öl auf Leinwand. Alle Fotos: @Hajin Jeong
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