Der neue Roman der norddeutschen Erfolgsautorin spielt wieder auf dem Land
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Ein Buchtipp von Manja Wittmann
Nach „Zur See“ ist die Schriftstellerin Dörte Hansen nun auf das nordfriesische Festland zurückgekehrt. Sie erzählt uns von einem alteingesessenen Milchvieh-Bauernhof, den die Familie Bahnsen seit Generationen betreibt. Es ist der größte Hof der Gegend und mittlerweile ein Hochleistungsbetrieb mit Melkroboter und elektronischer Stallüberwachung.
Neben dem titelgebenden Broder Bahnsen gibt es seinen wenige Minuten älteren Zwillingsbruder Henning. Traditionell übernahm der älteste Sohn den Hof, obwohl Henning sich mehr für Fahrzeugtechnik interessierte. Broder, der Tiere liebt, wurde Tierarzt und kehrte nach einigen Wanderjahren wieder in die karge Heimatgegend zurück, zusammen mit seiner südfranzösischen Frau Marie-Claude, einer Künstlerin. Die ältere Schwester Karen wanderte aus und macht sich äußerst rar.
Die beiden Brüder gehen auf die 60 zu und haben Töchter, die in ihre Fußstapfen treten wollen. Broders Tochter Claire studiert ebenfalls Tiermedizin, jedoch wird sie nach einem Praktikum bei ihrem Vater zu seiner größten Kritikerin. Hennings Tochter Maibritt hat von ihrem Großvater das Gespür für Kühe geerbt und hilft schon tatkräftig mit. Der Großvater Paul lebt bereits im Altenteilerhaus, geht aber immer noch jeden Tag in den Stall. Großmutter Marga ist bettlägerig, die Schwiegertochter Ellen versorgt beide pflichtbewusst. Und dies, obwohl zwanzig Jahre zuvor ein großes Unglück auf dem Hof geschah. Marga hatte beim Bohnenpflücken nicht richtig auf die Enkelkinder geachtet. Darüber wird nicht viel gesprochen. Stattdessen werden Wutattacken und stille Anfälle von Hass an den Blumenbeeten ausgelassen oder beim Walken weggepowert.
Henning wächst der Betrieb schon seit einiger Zeit über den Kopf. Broder bemerkte dies schon sehr früh, auch die Tochter Maibritt ist unzufrieden. Die Tiere leiden, der Leistungsdruck ist einfach zu groß, und die Kritik der neuen Generation am Bauernstand setzt ihm ebenfalls zu. Jedoch gilt das unbarmherzige Familienmantra: „Ertrag kommt von Ertragen.“
Das sich hier entwickelnde Familienpanorama wird gerahmt von Begebenheiten mit vielen anderen Dorfbewohnern, die sich gegenseitig nicht aus den Augen lassen. Im Guten wie im Schlechten. Auch die unausgesprochene Konkurrenz zwischen den Bauernfamilien wird schneidend aufs Korn genommen.

Dörte Hansen hat ein realistisches und deshalb scharfkonturiertes Porträt einer Bauernfamilie im Umbruch gezeichnet. Wunderbar gelingen ihr die Passagen, in denen sich die im jahrzehntelangen Bruderzwist verhakten Männer in Dialogbruchstücken aneinander abarbeiten. Broder schreit erst, wenn er wieder in seinem Auto sitzt. Die Brüder sind sich sehr nah und doch können sie nicht miteinander. Die Kargheit der Dialoge spiegelt sich in den Landschafts- und Naturbeschreibungen. Man hat diese nordfriesische, raue Gegend plastisch vor Augen, der Wind pfeift quasi durch die Zeilen, und die Geräusche der Vögel hallen nach. Der Reiher auf dem Titelbild, der „schlechtgelaunte Frühlingsbote“, hält ein Fischlein im Schnabel, kurz vorm Hinunterschlucken. So wie dieses Fischlein fühlen sich vielleicht die beiden Brüder.
Dörte Hansen feilt lange an ihren Sätzen, bis sie ihr gefallen und den richtigen Rhythmus haben, erzählt sie in Interviews. Daraus entsteht ein mitreißender Sog, gerne liest man einzelne Passagen ein zweites Mal. Eine große Melancholie schwebt über allem. Doch als es schließlich zu einem weiteren schlimmen Ereignis kommt, bleibt am Ende die Hoffnung auf etwas Neues, das gut für alle sein könnte. Und immer wieder blitzt der sehr trockene, lakonische Humor der Autorin hervor, der an den genau richtigen Stellen die Schwere auflöst.
Dieser Roman ist ein großes, teilweise ergreifendes Leseerlebnis, das einen noch lange gedanklich begleitet.
Im Rostocker Literaturhaus liest sie am 13. November in Kooperation mit dem Norddeutschen Rundfunk. Die Veranstaltung wird für den Hörfunk aufgezeichnet und in der Sendung „Sonntagsstudio“ auf NDR Kultur ausgestrahlt.
„Broder“ von Dörte Hansen, 222 S. Penguin Verlag, 26 Euro.
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