Kontemplationen „unter den Bäumen“

Juliane Vowinckel und Anne Rosinski im neuen KUNSTraum“ Schwerin

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Von Til Rohgalf

Unter dem Titel „Shinrin yoku“ sind derzeit Werke der Künstlerinnen Anne Rosinski und Juliane Vowinckel im neuen Ausstellungsraum des Berufsverbands Bildender Künstler*innen (BBK) MV zu sehen. „Shinrin yoku“ – ist ein japanisches Konzept, das im Deutschen am ehesten mit dem Begriff „Waldbaden“ übersetzt werden kann. Es ist weniger Freizeitaktivität als eine Philosophie der Entschleunigung: ein absichtsloses Sich-Hingeben an den Wald, bei dem das Rascheln der Blätter, der Duft feuchten Mooses und das gedämpfte Licht unter dem Blätterdach zum eigentlichen Erlebnis werden. In Gegenwart einer universalen Beschleunigung wirkt dieses Konzept fast provokativ – denn es verlangt nichts außer Anwesenheit. 

Anne Rosinski und Juliane Vowinckel nähern sich diesem Konzept künstlerisch auf sehr unterschiedliche Art. Der Wald sei aber das Verbindende, was zu der Idee einer gemeinsamen Ausstellung geführt habe, berichten die beiden Künstlerinnen. Nahezu alle Werke sind exklusiv für die aktuelle Ausstellung entstanden.

Die in Stralsund geborene Anne Rosinski ist ausgebildete Ergotherapeutin und Grafikerin. Sie lebte lange in Dresden, bevor sie 2023 in ihre Geburtsstadt zurückkehrte. Als „Quereinsteigerin“ wählte sie nicht den klassischen Weg über die Kunsthochschule. In den ausgestellten Arbeiten begleitet sie Pappeln in ihrem Garten grafisch über die jahreszeitlichen Veränderungen. Neben Graphit und Aquarellfarbe nutzt sie diverse Naturmaterialien wie Erde und Schnee, um vor allem in Großformaten und mit der Reduktion auf das Wesentliche die feinen Verästelungen der Bäume in ihrem Spiel mit Licht und Schatten jahreszeitlich zu porträtieren.

Anne Rosinski „Erde auf Licht“, Graphit, Erde auf Papier

Anne Rosinski stellt die Natur nicht als das Andere, als das Objekt der Kontemplation dar. In ihrer Arbeit geht es ihr um das Verwobensein, um die unauflöslichen Beziehungen von Mensch und Natur. Zu erleben ist dies insbesondere bei dem großformatigen Werk „Unter den Bäumen“, das in der Ausstellung so gehängt ist, dass die Vormittagssonne das Pappelgeäst mit ihrem Licht umspielt – die Grenzen von Bild und Raum verschwimmen auf diese Weise. Geprägt sei sie unter anderem durch das Konzept der „Schenkökonomie“, wie es die indigene US-Ökologin Robin Wall Kimmerer entwickelt hat, führt die Künstlerin aus. Kimmerers Kerngedanke ist so einfach wie radikal: Die Erde schenkt, also schulden wir ihr etwas zurück. Nicht als abstrakte Nachhaltigkeitspflicht, sondern als gelebte Beziehung – wer nimmt, muss danken, teilen, erhalten. Das ist im Kern Kapitalismuskritik: Gegen die Logik des Marktes, der alles in Ware verwandelt, setzt Kimmerer die Logik der Gabe, in der Reichtum nicht im Besitzen liegt, sondern im Weitergeben. 

Anne Rosinski, „unter den Bäumen“ Graphit auf Japanpapier und „Im Frühling“, Graphit, Erde, Aquarellfarbe auf Papier

Anne Rosinskis stille Werke mit ihrer zurückgenommenen Bildsprache laden zur Kontemplation über das komplexe Beziehungsgeflecht von Mensch und Natur ein – ganz unmittelbar, denn in der Ausstellung laden Sitzkissen und dezentes Vogelgezwitscher zum Verweilen ein.

Präsentieren in der Reihe Cubed/Uncubed ihre Ausstellung „Shinrin yoku – Juliane Vowinckel (links) und Anne Rosinski

Juliane Vowinckel ist in Halle an der Saale geboren. Studien der Kulturgeographie, biologischen Anthropologie sowie der Neueren und Neuen Geschichte führten sie nach Freiburg/Breisgau und nach Stockholm. Nach künstlerischem Schaffen in Santa Barbara (Kalifornien) kehrte sie 2018 nach Deutschland zurück. Anthropologie und Kunst ist eine Kombination, die ihr Werk prägt: Sie beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Klimawandel, Nachhaltigkeit und dem Verhältnis von Mensch und Natur, die sich in ihrer vielseitigen künstlerischen Praxis und im Umgang mit Materialien spiegeln. Ihre Arbeiten umfassen unter anderem Installationen, Fotografie, Malerei, Zeichnungen sowie performative Experimente. In der Schweriner Ausstellung sind analoge Fotografien sowie Cyanotypien. 

Cyanotypien – Juliane Vowinckel nutzt ein altes Verfahren für aktuelle Fragestellungen

Die Cyanotypie ist ein fotografisches Kontaktdruckverfahren aus dem 19. Jahrhundert. Papier, getränkt mit einer Eisensalzlösung, wird unter freiem Himmel belichtet – die Sonne selbst wird zur Dunkelkammer. Was die UV-Strahlen berühren, verwandelt sich in jenes tiefe Cyanblau, während alles Abgedeckte weiß bleibt und so Schatten sichtbar macht, die sonst vergehen. Für die Ausstellung hat Juliane Vowinckel großformatige Pflanzenmotive mit diesem Verfahren auf Japanpapier gedruckt. Aufgrund der Faserstruktur der genutzten Pflanzen sei dieses Papier extrem reißfest, erläutert die Künstlerin. Sie habe das Papier immer wieder geknüllt und manuell bearbeitet, so dass zufällige Texturen auf dem Medium entstanden, die an pflanzliche Oberflächen erinnern.

Das Japanpapier als Symbol der Resilienzkräfte der Natur taucht in anderen Werken Juliane Vowinckels mosaikartig zusammengesetzt auf. Sie hat dazu Abfallprodukte und Papierreste verwendet, erklärt sie. Die Natur begegnet einem hier als das Verletzliche, von Zerstörung betroffene, das trotz Fragmentierung zum Weiterleben strebt. Der menschliche Beitrag oszilliert dabei zwischen großflächiger Umweltzerstörung, Bestrebungen zur Aufforstung und Renaturierung. Für ihre Analogfotografien arbeitet Juliane Vowinckel mit Mehrfachbelichtungen. 

Juliane Vowinckel vor „atmen“, Cyanotopie auf Restpapier mit Bastband

Motive und Rahmungen schaffen bewusst Reminiszenzen an den Topos des Waldes, wie er u.a. in der Romantik verwendet wurde. Zur Erfahrung des Waldes als etwas fast „Transzendentalem“ passt auch die Technik der Mehrfachbelichtung, die eine klare Zuordnung der Motive in Raum und Zeit verunmöglicht. Die Naturkontemplation ist keine ungestörte: Juliane Vowinckel erklärt, wie sie überlagerte Filme nutzt, um mit zufälligen optischen Störeffekten zu arbeiten. Das romantische Bild vom unberührten Wald wird so behutsam dekonstruiert.

Anne Rosinski und Juliane Vowinckel verhandeln in ihren kontemplativen Werken Fragen von Resilienz und Verletzlichkeit der Natur. Wie funktioniert das Beziehungsgeflecht zwischen allem Lebendigen, das sich wie unterirdische Wurzeln verzweigt und dabei keine Hierarchien kennt? In ihrer Arbeit gehen die beiden Künstlerinnen zu analytisch vor, um dabei in Mystisch-Esoterisches abzugleiten – ein Risiko, das der Thematik durchaus immanent ist. Auch sind die verwendeten Materialien und Techniken von zu spröder und vieldeutiger Natur, um als rein ästhetische Naturbilder durchzugehen.

Die Ausstellung im Rahmen der BBK-Reihe „cubed/uncubed_3“ ist eine gelungene und sehenswerte Eröffnung des neuen Kunstraum-Standortes in der Ritterstraße 1.

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Titel: BBK-MV Flyer, alle Fotos: © Peter Scherrer

Til Rohgalf studierte Sonderpädagogik, Philosophie und Geschichte (M.A.), er ist im Schuldienst tätig, musikbegeistert und musikalisch aktiv. Ihn interessieren politische, kulturelle und geistesgeschichtliche Themen.
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