In Teil X unserer Reihe „Perlen der Ostsee” beschäftigt sich Til Rohgalf mit dem Debütwerk der litauischen Komponistin Justina Repečkaitė.
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Von Til Rohgalf
Justina Repečkaitė ist eine markante Stimme der zeitgenössischen europäischen Musik. Die Komponistin, 1989 in Litauen geboren, lebt und arbeitet in Paris. Im Mai debütierte die Künstlerin mit dem Album „Tapestries”.
Ihre musikalische Ausbildung begann Justina Repečkaitė mit Gesang und Klavier in Litauen. Von 2008 bis 2012 studierte sie Komposition an der Litauischen Musik- und Theaterakademie, bevor sie im Rahmen eines Erasmus-Programms an die Sorbonne in Paris wechselte. Dort erwarb sie einen Abschluss in Musikwissenschaft mit dem Schwerpunkt mittelalterlicher Musik – ein Thema, das immer wieder in ihr kompositorisches Schaffen einfließt. Nach einem Aufenthalt am Konservatorium in Lyon kehrte sie nach Paris zurück und absolvierte einen Kurs am IRCAM, dem „Institut de recherche et coordination acoustique/musique”, einer der renommiertesten Adressen für Avantgarde und elektroakustische Musik.
Für das Debütalbum wählte Justina Repečkaitės Stücke aus, die zwischen 2012 und 2024 entstanden. Die namensgebenden „Wandteppiche” (engl. „Tapestries”) beschreiben Repečkaitės Stil treffend: Ihre Kompositionen sind hochgradig strukturiert, streng und komplex verwoben, vielschichtig und präzise.

Die Musik der Spätphase des Mittelalters treibt die Komponistin zu ihrem Schaffen an. Insbesondere die an der Schwelle zur Renaissance zwischen 1380 und 1420 in Südfrankreich, Aragón und Norditalien zur Blüte gereifte Schule der „Ars subtilior”, ist für Justina Repečkaitės eine wichtige Referenz. Als manieristische Weiterentwicklung der „Ars nova” markiert sie einen frühen Höhepunkt rhythmischer und notationeller Komplexität in der abendländischen Musikgeschichte. Die Arbeit mit polyrhythmischer Komplexität und die Verwendung musikalischer Proportionen finden sich in Repečkaitės Musik wieder.
Im ältesten Stück des Albums, „Chartres” (2012), wie auch in anderen Kompositionen greift Repečkaitė auf architektonische Prinzipien zurück. Visueller Ausgangspunkt für das Werk ist die Südrosette der Kathedrale von Chartres, entstanden um 1224, die im Zentrum Christus als Richter der Apokalypse zeigt. Um dieses Zentrum gruppieren sich neben einer Reihe anderer Figuren die sogenannten 24 Ältesten der Apokalypse – allesamt mit mittelalterlichen Musikinstrumenten in den Händen. Genau dieses Detail – musizierende Greise auf einem Kirchenfenster – ist für Repečkaitė die Quelle ihrer Komposition. Sie übersetzt dabei ein Bild von Musik im Bild zurück in tatsächliche Musik.
Bei „Chartres” nutzt die Komponistin die Proportionen 6:8:9:12 als Ordnungsprinzipien ihrer Musik. Diese auf die Zahlenlehre Pythagoras’ zurückgehehenden Verhältnisse entsprechen den Längenverhältnissen von Okave, Quinte und Quarte. Sie waren wichtiger Bestandteil der mittelalterlichen Musik- und Architekturtheorie und wurden unter anderem im gotischen Stil als geometrisches Ordnungsprinzip für Fensterrosen verwendet.
Ähnlich programmatisch knifflig und kompositorisch komplex geht es auch in den übrigen Werken auf „Tapestries” zu, denn das Album versammelt Orchesterstücke ebenso wie Kammer-, Solo- und Chorwerke. Besonders lassen elektroakustische Elemente in ihrer Musik aufhorchen. In manchen Stücken verschmilzt die Elektronik so eng mit dem akustischen Instrument, dass die Grenze zwischen beidem verschwimmt, wie auch bei “Incantare – For Flute and Tape”.
Während eines Corona-Lockdowns ist das klanglich zurückgenommene Stück “Sturnus vulgaris cohibitus” (frei übersetzt „Star im Käfig”) entstanden. Hier erzeugen insgesamt vier im Inneren eines Flügels angebrachte Transducer – Lautsprecher ohne Membran – Schwingungen, die die Oberfläche des Instruments zum Vibrieren bringen. In diese präparierte Klangwelt spielen die Transducer zugespielte Starenrufe direkt in den Korpus des Flügels – nicht über externe Lautsprecher im Raum, sondern von innen, durch das Instrument selbst. Dadurch entsteht ein entscheidender klanglicher Effekt: Die Vogelstimmen werden nicht bloß neben das Klavier gestellt, sondern durch dessen Saiten, Resonanzboden und präparierte Materialien gefiltert und verfärbt. Das Klavier wird zum Resonanzraum, in dem sich das Live-Spiel (zu hören sind auch das Rattern, Brummen und Scheppern der Pianomechanik) und das elektronische Signal physisch vermischen.

Einen finalen Höhepunkt auf dem Album stellt das jüngste und längste Stück „La muë” dar. Es ist für Elektronik, Kinderchor und Serpent komponiert. Der Serpent ist vielleicht eines der ungewöhnlichsten Instrumente der abendländischen Musikgeschichte und ist tatsächlich gewunden wie ein Schlangenkörper. Erfunden wurde es der Überlieferung nach 1590 von einem Kanoniker namens Guillaume im französischen Auxerre. Es entstand als Bassinstrument für die Begleitung des gregorianischen Kirchengesangs in Frankreich und ist ein entfernter Vorfahre der Tuba.
(Foto: © NASLENAS Kristijonas)
Klanglich changiert der Serpent zwischen den Welten: Er hat ein Mundstück wie eine Trompete, ist aber aus Holz gefertigt und besitzt Grifflöcher. Dadurch klingt er ein wenig wie ein Blechblasinstrument, obwohl er kein Metallinstrument ist – ein hybrider Klangcharakter zwischen weichem Holzblas- und schmetterndem Blechblasklang. Der titelgebende Begriff „la muë“ bezeichnet im Französischen den Stimmwechsel bei Jungen und im Stück wird explizit auf den 1754 erschienenen Essay „Essai sur la muë de la voix“ des Schweizer Arztes Samuel Auguste Tissot rekurriert – eine frühe medizinisch-wissenschaftliche Abhandlung über den Stimmwechsel bei Kindern.
In dem sich fast hypnotisch entwickelnden, zarten und klanglich intimen Wechsel von Kinderchor, historischem Text, archaischem Instrument und Elektronik wird Repečkaitės Interesse für fragile Klänge deutlich hörbar.
Bei aller kompositorischer Komplexität greift Repečkaitė in vielen ihrer Werke erzählende und bildreiche Quellen auf, wie u.a. auch auf das 1405 erschienene protofeministische Werk „La Cité des Dames” von Christine de Pizan. Zusammen mit ihrem spannungsreichen, an Klangfarben orientierten Stil, der Negation einer klaren Dramaturgie in ihren Stücken und der Orientierung an mittelalterlichen Formen und Bauprinzipien entsteht eine sehr individuelle, fast hermetische Klangwelt. Das macht Justina Repečkaitės Musik zu einem besonderen Erlebnis.
Titel: Justina Repečkaitė (Foto: © NASLENAS Kristijonas)
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