Schmerz ist nur ein Mindset

Vorgestern feierte „Red Zone“ von Helene Hegemann und River Roux in der Schweriner M*Halle Premiere

Von Christian Franke und Til Rohgalf

Autorin Helene Hegemann ist bekannt für ihren zynischen, erbarmungslosen und hochfrequenten Ton in ihren Erzählungen. Auch in ihrer Adaption der Komödie „Die Weibervolksversammlung“ des antiken Dichters Aristophanes bleibt sie ihrem Ton treu, ebenso in den Motiven und dem Stoff, in denen sich die Kontinuität ihres Erzählens wiederfindet.

Sechs „optimierungsfreudige“ Menschen lassen sich auf dem Spinning-Bike in der Red Zone ihren Puls in den roten Bereich treiben. Die Zugehörigkeit zu einer nicht näher definierten privilegierten Gruppe, das Mithalten in Gegenwart und Zukunft, ist ihr erklärtes Ziel. Dabei ist es Praxagora (Agnes Hestholm), die im Ton eines Drill-Instructors die Teilnehmenden der Sunrise-Class zum Schwitzen und zum Zusammenbruch bringt. Die Indoor-Cycler sollen im Gleichschritt über ihre Grenzen hinausgehen, dabei aber immer den Gedanken des Einswerdens im Blick behalten. Den Schmerz aushalten und überwinden, um ihre Schwächen loszuwerden, selbst zu wachsen: „Never give up!“. Währenddessen vor allem das Denken vergessen.

Margherita Campostrini in der Rolle der Agnoste (Foto: © Gábor Hollós)

Was als Kurs zur Selbstverbesserung beginnt, kippt im Verlauf zusehends. Die Akteure brechen zusammen, erleiden Panikattacken oder übergeben sich. Praxagora nimmt diese Zeichen der Überforderung nicht als Warnung wahr, ignoriert sie und treibt die Gruppe weiter an. Schwäche gilt in diesem Raum nicht als Grenze, die es zu respektieren gäbe, sondern als Hindernis, das es zu überwinden gilt. Genau darin liegt der zynische Kern der Situation: Der Körper protestiert, doch das Regime des Mindsets erklärt den Protest zum Teil des Trainings.

Man könnte meinen, dass die Spinning-Class als transformativer Raum für die Selbstoptimierung der Teilnehmenden eine Parallele zum kollektiven Raum der Agora darstellt, in denen es jeweils um die Selbstermächtigung des Einzelnen geht. In der „Weibervolksversammlung“ nutzen die verkleideten Frauen den Ort des demokratischen Handelns, um das System von innen heraus mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. In „Red Zone“ hingegen bleibt von dieser subversiven Energie wenig übrig. Die Teilnehmenden werden im Schein der Selbstermächtigung selbst zu Figuren der Macht. Sie wenden die Logik der Leistung gegen sich selbst und wollen ihre eigene Ohnmacht immer wieder durch ein besseres Mindset überwinden. Wo die antiken Frauen das System austricksen, reproduzieren die Figuren der Gegenwart freiwillig die systemischen Mechanismen.

Das utopische und dysfunktionale Gesellschaftsexperiment, das Praxagoras durch radikale Reformen in der „Weibervolksversammlung“ einführt (u.a. Vergemeinschaftung von Eigentum, Macht und Liebe), ist ebenso zum Scheitern verurteilt wie der Gedanke der eigenen Selbstüberwindung in der Red Zone. Keine der Figuren gelangt zu einer entlarvenden Erkenntnis. Stehen sie kurz davor, geben sie auf.

Unter der Regie von Bibiana Mendes und der Dramaturgie von Urška Brodar agieren die sechs Schauspieler*innen in einem realitätsnahen Fitnessstudio-Szenario, das mit einigen Licht- und Trockeneis-Effekten bereichert wird: Nicole Marianna Wytoyczak (Bühne) lässt die Spinning-Class im Kreis trainieren, eine riesige Leinwand gibt Auskunft über die individuellen Herzfrequenzen. Der Bildschirm wird anfangs auch für einen Einspieler des Red-Zone-CEOs genutzt. Er ruft in einer klassischen Mischung aus Influencer, Entrepreneur und Big-Tech-Faschist angesichts der drohenden Apokalypse und der Konkurrenz durch künstliche Intelligenz zur körperlichen und geistigen Optimierung auf.

Begleitet wird das Szenario über das gesamte Stück durch die live aufgelegte Musik von DJane Gadutra. Sehr authentisch ist vor allem ein treibender Fitness-Techno inklusive Vocal-Sprengseln mit Wiedererkennungswert, u.a. von Fatboy Slim. Besonders gelungen sind die kurzen Momente, in denen die Musik aus dem Hintergrund hervortritt und zum begleitenden Medium des szenischen Spiels wird, Stimmungen evoziert oder koloriert.

Agnes Hestholm als Praxagora, Luca Kronast- Reichert als Kassandra/Joey (Foto: © Gábor Hollós)

Agnes Hestholm, Joana Damberg, Caleb Felder, Margherita Compostrini, Luca Kronast-Reichert und Julia Krukow verausgaben sich in ihren Rollen an diesem Abend körperlich, ihre Anstrengung ist authentisch, sie schafft unmittelbare Wirkung. Die Schauspieler*innen nutzen konsequent ironisierendes branchentypisches “Denglisch” und schaffen so überzeugend einen realitätsnahen Kontext.

Besondere Bühnenpräsenz zeigt Agnes Hestholm in der Rolle als Praxagora. Joana Damberg (Anke) bringt in dem einzigen längeren Monolog des Stückes ihr alternativloses Gefangensein in Selbstoptimierung, Trauma- und Therapiearbeit, Selbstzweifeln und Social-Media-Identitätspflege eindringlich zur Sprache – trotz einiger textlicher Unsicherheiten am Premierenabend.

Dieser Monolog ist einer der wenigen Momente bei „Red Zone“, in denen Raum für Selbstreflexion entsteht. Das mag angesichts der systemimmanenten Determiniertheit neoliberaler Selbstoptimierung beabsichtigt sein – alle Protagonistinnen agieren in einem buchstäblichen Hamsterrad, um der eigenen Angst und Bedeutungslosigkeit zu entfliehen. Das Ausagieren des Status quo reicht leider nicht für einen stabilen Spannungsbogen über das ganze Stück. Das Ensemble überzeugt fraglos schauspielerisch, ihre Rollen bleiben aber weitgehend blass und unterbestimmt. Vieles wird nur angedeutet, es fehlt dem etwa 70-minütigen Stück an einer erkennbaren Handlungskurve oder persönlichen Entwicklungen der Protagonistinnen. Vielleicht ist es aber gerade das, was diese Gegenwartsdiagnose ausmacht und unser Leben im Hier und Jetzt am treffendsten beschreibt.

Die Bezüge zu Aristophanes‘ „Weibervollversammlung“ sind eher sporadisch: So wie Aristophanes die von Frauen innerhalb patriarchaler Gesellschaftsstrukturen erdachte Utopie scheitern lässt, kommen Helene Hegemann und River Roux zu dem Schluss: Die wirtschaftsliberalen Logiken von Selbstoptimierung, Partikularisierung, Erfolg und Leistungen schaffen die Möglichkeit einer Zukunftsutopie ab, in diesem Paradigma habe „die Gegenwart die Zukunft bereits auserzählt“, wie es Bibiana Mendes formuliert. Was hieraus folgt oder ob eine Emanzipation aus den bestehenden Verhältnissen möglich wird, bleibt in „Red Zone“ unbeantwortet. Die Zuschauer*innen der ausverkauften M*Halle quittierten diese verzweifelte Momentaufnahme eines „Ist-Zustandes“ mit anerkennendem Applaus.

Die nächste Vorstellung von Red Zone in der M*Halle ist bereits heute um 18 Uhr. Alle Infos unter: Mecklenburgisches Staatstheater.

Titel: Agnes Hestholm, Ensemble (Foto: © Gábor Hollós)

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Christian Franke studierte Philosophie und Germanistik, ist im Schuldienst tätig und interessiert sich für Literatur, Philosophie und Musik.
Til Rohgalf studierte Sonderpädagogik, Philosophie und Geschichte (M.A.), er ist im Schuldienst tätig, musikbegeistert und musikalisch aktiv. Ihn interessieren politische, kulturelle und geistesgeschichtliche Themen.
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