Die Bildkünstlerin Ruth Tesmar präsentiert „Gärten meines Lebens“

Umfassende Werkschau öffnet am 6. Juni im Kulturforum Schleswig-Holstein-Haus Schwerin

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Von Susanne und Peter Scherrer

Im Verlauf ihres künstlerischen Schaffens hat Ruth Tesmar eine große Fangemeinde um sich versammelt – und das, obwohl sie sich der digitalen Welt nur zurückhaltend öffnet. Die aus Potsdam stammende Künstlerin besticht durch ihre unerschöpfliche Fantasie und die Perfektion der von ihr scheinbar schwerelos beherrschten vielfältigen Ausdrucksformen. Unter der Leitung von Dörte Ahrens zeigt das Kulturforum im Schleswig-Holstein-Haus bis zum 30. August eine repräsentative Auswahl aus Ruth Tesmars Werk. Die Einzelausstellung umfasst insgesamt 246 Bilder, Collagen und Objekte; eine thematische oder chronologische Ordnung wird es jedoch nicht geben. Der Titel „Gärten meines Lebens“ verweist vielmehr darauf, wie die Künstlerin ihre Ideen, Impulse und Materialien zu sinnlich erfahrbaren Kunstwerken kultiviert.

Ruth Tesmar zu Besuch beim Kulturkompass MV.

Gezeigt werden unter anderem ihre „Bildbriefe“, in Bildwerke verwandelte Korrespondenzen. Statt Porträts zu malen, nähert sich Ruth Tesmar über die Form des handgeschriebenen Briefes bedeutenden Persönlichkeiten, etwa dem Mathematiker und Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz oder dem Naturforscher Alexander von Humboldt. Sie entwirft Brieftexte in filigraner Schrift und kombiniert diese mit Symbolen oder Objekten, grundiert in einem Farbton, den sie mit der jeweiligen Persönlichkeit assoziiert. Eingefasst und „beschützt“ werden die Bildbriefe durch einen angedeuteten Umschlag aus handgeschöpftem Büttenpapier.

Ruth Tesmar lässt sich von anderen Künsten inspirieren. An erster Stelle steht die Literatur, vor allem die Lyrik, deren Metaphorik sich besonders für eine bildnerische Umsetzung anbietet. Doch auch Briefe, Schriftkunst und Musik nimmt sie in sich auf. Durch Fantasie und Imagination erschafft die Künstlerin eine neue ästhetische Dimension. Es entstehen Werke, die sich ihrer Inspirationsquelle einfühlsam annähern – und sich zugleich frei und unabhängig als künstlerische Transformation entfalten.

Die Liste ihrer dichtenden und komponierenden Vorbilder ist lang und reicht Jahrhunderte zurück: von Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“ über Friedrich Hölderlin bis hin zu Marina Zwetajewa und der dänischen Poetin Inger Christensen, deren Gedicht „Det“ wiederum auf Dante anspielt. Johann Sebastian Bachs Klarheit und Felix Mendelssohn Bartholdys flirrende Melodien berühren sie besonders. Auch Mozarts vermeintliche Leichtigkeit fasziniert sie, vor allem sein Gespür für die Pausen zwischen den Tönen. Auf kopierten Partituren zeichnet Ruth Tesmar „Tonspuren“ ein, unterlegt diese farbig und kombiniert sie neu. Auch Texte werden durch Abschreiben und Überschreiben mit feiner Feder in eine bildnerische Kunstform verwandelt. Farben spielen dabei eine zentrale Rolle: Ingeborg Bachmann ist für sie zum Beispiel rot – daran lässt sie keinen Zweifel.

Wer wissen möchte, was sie als Professorin ihren Studierenden an der Humboldt-Universität zu Berlin zu vermitteln suchte, wie ihr Mann, der Grafikkünstler Lutz Tesmar, ihren Bildern „ein feines Kleid“anzieht oder warum sie sich selbst als „obsessiv“ bezeichnet, kann Ruth Tesmar hier im Kulturkompass-MV Podcast hören:

Weiterhin werden in der Ausstellung großformatige, farbige Abriebdrucke zu sehen sein, eine aufwändige Technik, die Ruth Tesmar für sich entwickelt hat. In zahlreichen Arbeitsschritten wählt sie „Fundstücke“ aus Holz aus, tränkt sie in Ölfarbe und reibt sie nacheinander mit einem geerbten Kochlöffel auf japanisches Seidenpapier oder Büttenpapier ab. Es entstehen Farbdrucke mit Tiefenwirkung in den für sie typischen satten Blau-, Grün- und Rottönen. „Oberon“ heißt eine solche Serie, benannt nach dem sagenhaften Elfenkönig.

Collagen haben sich zu einer bevorzugten Ausdrucksform der Künstlerin entwickelt. Sie bestehen aus übereinander geschichteten Motiven, Fotografien und Schriftfragmenten, die auf Transparentpapier kopiert, golden oder farbig unterlegt werden und so von innen heraus zu leuchten scheinen. Fundstücke wie Blätter oder Federn werden ergänzt und mit Textabschriften in kleinen Rahmen zusammengefügt.

Ruth Tesmar hat einen Aphorismus von Novalis abgeschrieben, den sie in ihrem Atelier in Schwerin aufgehängt hat und der ihr Schaffen durchzieht: „Alles Sichtbare haftet am Unsichtbaren, das Hörbare am Unhörbaren, das Fühlbare am Unfühlbaren.“ Hinter den materiellen, erfahrbaren Dingen verbirgt sich eine spirituelle, metaphysische Dimension. Sich auf eine fantasievolle „Augenreise“ zu begeben, nennt sie das. Aus dieser Beschreibung lässt sich die titelgebende Metapher der „Gärten meines Lebens“ leichter erschließen: Es geht um „Inseln der Poesie, die Worte, die Buchstaben und Schriftländer. Reisen im Kopf zu den Traumlandschaften, musikalischen Gärten – dunklen und hellen –, vielfarbigen, vielstimmigen, vieltönigen Eyelands … Die sind mein Zuhause – fernnah … jeden Tag“, so beschreibt es die Künstlerin selbst.

Traum, Magie, Zauber, Metaphysik – diese Begriffe faszinieren, doch wer Esoterik vermutet, irrt. Ruth Tesmars Kunst will erhellen und auch erheitern. Dem Bösen stellt sie den Glauben an das Gute entgegen, die Kraft der Liebe und die Fähigkeit, das Dunkle zu überwinden – und sei es in einer Traumvorstellung oder einer Märchenwelt. Die Kunstkritikerin Renate Reschke schrieb dazu: „Aus der zur Gewissheit gewordenen Ahnung um die Gefahren für alles Menschliche erwächst der Unheil abwehrende Gestus ihrer Bilder.“ Damit trifft Ruth Tesmar die Sehnsüchte unserer Zeit.

Die Ausstellung „Gärten meines Lebens“ wird am 6. Juni um 17:00 Uhr eröffnet. Wie die Künstlerin ihre Arbeiten sieht und interpretiert, können interessierte Besucher bei einer der angebotenen Führungen erfahren. Acht Termine sind bislang angesetzt.

Ruth Tesmars Arbeiten sind in diesem Sommer auch in Vorpommern zu sehen. Vom 27. Juni bis zum 4. September 2026 stellt Ruth Tesmar ihre Bildwerke im Wolfgang-Koeppen-Literaturhaus in Greifswald aus. „Wolfgang Koeppen – eine Annäherung“ ist die Schau betitelt, die am 26. Juni um 18 Uhr eröffnet wird.

Anmerkung: Die Pluralformen der Nominative im Beitrag umfassen die weibliche, männliche und diverse Personenbezeichnung.
Fotos: Titelfoto,2,6: @Ruth Tesmar. 1,3,4,5,7,8: @Peter Scherrer.

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Susanne Scherrer, studierte Dipl.Pol., forscht zur Familie Mendelssohn, vermittelt und unterstützt Literatur, Konzert- und Kunstevents. Lebt in Schwerin.
Peter Scherrer, gelernter Metallfacharbeiter, Historiker, Gewerkschafter und Europäer, lebt in Schwerin. Er arbeitet als freier Journalist und seit November 2024 gibt er den Kulturkompass-MV heraus.
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