Schwerin vor 100 Jahren – Start der Fluglinie Stettin-Schwerin-Hamburg am 1. Juni 1926

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Von Bernd Kasten

Einen traurigen Anblick bot der 1913 von der Stadt mit großen Hoffnungen nördlich der Rogahner Chaussee in Görries errichtete Fokker-Flugplatz. Zwischen 1921 und 1925 ruhte der Flugbetrieb nahezu vollständig. Die leerstehenden, teilweise von heftigem Vandalismus heimgesuchten Gebäude verfielen immer mehr. Die Beschaffenheit des von Maulwurfshügeln übersäten Rollfeldes stellte höchste Anforderungen an die Piloten, die auch noch den dort weidenden Kühen ausweichen mussten. Nicht immer war dies möglich. Polizeiwachtmeister Thorwesten berichtete im September 1925: „Am 29. vorigen Monats wollte ein Verkehrsflugzeug der Linie Stettin-Hamburg auf dem Flugplatz landen, um Betriebsstoff aufzunehmen. Der Flugzeugführer hat die Landung wegen der vielen Kühe auf dem Platz aufgegeben und musste 30 km vor Hamburg wegen Mangels an Betriebsstoff eine Notlandung vornehmen“. 

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Trotzdem bemühte sich der Schweriner Oberbürgermeister Otto Weltzien hartnäckig um eine Wiederbelebung des Flugplatzes. Anders als vor 1914 hatte er nun aber außer warmen Worten kaum etwas anzubieten, weil Flugplatzgesellschaft und Stadt jetzt nach seinen Worten „arm wie eine Kirchenmaus“ waren. Weltzien appellierte daher an die Landesregierung, die Einrichtung einer Fluglinie Stettin–Schwerin–Hamburg zu unterstützen: „Ich habe die Überzeugung, dass Mecklenburg, falls es sich jetzt nicht rührt, Gefahr läuft, ebenso wie im Eisenbahnverkehr auch im Luftverkehr von den großen Verkehrsstraßen ausgeschaltet zu werden. Ein Nachteil, der nie wieder gut zu machen sein wird“.

Foto: Otto Weltzien, Oberbürgemeister (1919 bis 30.6. 1926) von Schwerin

Ministerpräsident Brandenstein beeindruckte dieses Krisenszenario wenig; als bodenständiger Gutsbesitzer sah er schlicht kein „Bedürfnis für die Beteiligung Mecklenburg-Schwerins am innerdeutschen Luftverkehr“. Weltzien gab sich aber nicht geschlagen und entschied sich für einen Alleingang. Für die Aufnahme der Linienverbindung nach Hamburg und Stettin am 1. Juni 1926 zahlte die Stadt Schwerin 10 000 Mark an die Lufthansa und übernahm auch noch das Gehalt des in Görries stationierten Mechanikers.  Dies war übrigens die einzige Zeit in der militärlastigen Geschichte des Schweriner Flughafens, in der er wirklich dem zivilen Verkehr diente. 

Täglich um 11:20 Uhr startete jetzt eine Linienmaschine nach Hamburg, um 16:50 Uhr ging der Rückflug nach Stettin. Der Flug dauerte eine Stunde und kostete 20 Mark pro Person, nach Stettin dauerte es zehn Minuten länger und war doppelt so teuer. Die hochfliegenden Erwartungen wurden freilich arg enttäuscht. Vom 1. Juni bis zum 16. August 1926 nutzten nur 142 Passagiere die neue Verbindung. Die meisten wollten nach Hamburg, zwischen Schwerin und Stettin flog der Pilot meist allein. In Anbetracht der geringen Nachfrage kündigte die Provinz Pommern, die bis dahin den Großteil der Kosten der Verbindung getragen hatte, im August 1926 die umgehende Beendigung dieses kostspieligen Experiments an. Der Luftverkehr war in den zwanziger Jahren zu keiner Zeit ein gewinnträchtiges Unternehmen. Die Preise waren zu hoch, die Transportkapazitäten zu klein und die Flugzeuge zu anfällig. Prominente mit einem Hang zum Abenteuer wie Graf Luckner, der im August 1926 die Linienmaschine von Schwerin nach Hamburg nahm, mochten sich dieses Verkehrsmittels bedienen, aber die normalen Reisenden nahmen damals dann doch lieber den Zug.

Titelfoto: Lageplan des Fokker Flugplatzes in Görries 1925, (Fotos und alle Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchiv Schwerin)

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Bernd Kasten, Dr., Jg. 1964, Studium von Geschichte und Englisch, seit 1993 Leiter des Stadtarchivs Schwerin. Privatdozent an der Universität Rostock und Autor zahlreicher Monografien und Aufsätze zur mecklenburgischen Landesgeschichte. 

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