Joanna Lewicka inszeniert „Thyestes“ im Schweriner Theaterzelt
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Von Til Rohgalf
Am Freitag gab Joanna Lewicka, seit Beginn dieser Spielzeit Schauspieldirektorin des Mecklenburgischen Staatstheaters, mit der Premiere von „Thyestes“ ihr Schweriner Regiedebüt. Mit der Dramaturgin Anna Langhoff inszenierte sie die freie dramatische Bearbeitung des belgisch-flämischen Autors Hugo Claus (1929–2008), basierend auf Senecas gleichnamiger Tragödie.
„Thyestes“ ist fraglos eine der blutigsten Rachetragödien der Antike – exzessive Gewalt, Zerstörung und Entmenschlichung sind zentrale Motive des Werkes. Im Geist von Antonin Artauds „Théâtre de la cruauté“ („Theater der Grausamkeit“) stehend, legt Hugo Claus‘ Fassung gegenüber dem textlichen Primat einen Schwerpunkt auf die unmittelbare physische Wirkung auf das Publikum.
Wie ein Fluch beherrscht das System von Gewalt und Gegengewalt das Herrscherhaus der Pelopiden. Die Brüder Atreus und Thyestes, Söhne des Pelops, kämpfen um den Thron von Mykene. Thyestes hat einst mit Atreus‘ Frau Aerope Ehebruch begangen und ihm das goldene Widderfell – das Symbol der Königsherrschaft – gestohlen. Atreus vertreibt ihn ins Exil, sinnt aber auf grausame Rache.
Zu Beginn des Stückes tritt der Geist des Tantalos auf. Er wird von einer Furie gezwungen, das Haus der Pelopiden mit neuem Frevel zu verfluchen, wodurch sich der Fluch über Generationen fortsetzt. Tantalos war der Vater des Pelops. Mit seiner grausamen Tat hat er den Fluch über die Familie gebracht: Er tötete seinen Sohn Pelops, zerstückelte ihn und setzte ihn den Göttern als Mahl vor, um deren Allwissenheit zu testen. Die Götter durchschauten ihn, sie erweckten Pelops wieder zum Leben und bestraften Tantalos mit seinen sprichwörtlichen „Tantalosqualen“ in der Unterwelt.

(Fotos: © Gábor Hollós)
In der Welt der Lebenden beschließt Atreus, sich mit Thyestes scheinbar zu versöhnen. Er lockt ihn mit seinen Söhnen zurück nach Mykene, um seine Rache zu vollziehen. Thyestes, misstrauisch, aber müde vom Exil und der Armut, lässt sich überreden und kehrt mit seinen Söhnen zurück. Atreus tötet heimlich Thyestes‘ Söhne, zerstückelt sie und lässt sie als Festmahl zubereiten. Er setzt seinem Bruder das Fleisch der eigenen Kinder vor – Thyestes isst ahnungslos davon. Nach dem Mahl präsentiert Atreus ihm triumphierend die Köpfe der Söhne. Thyestes erkennt entsetzt, was geschehen ist. Das Stück endet mit Thyestes‘ Verzweiflung und einem Fluch gegen Atreus, ohne dass es zu einer unmittelbaren Vergeltung kommt – diese liegt außerhalb des dargestellten Geschehens. Der Kreislauf von Rache und Vergeltung setzt sich fort.
Die Familientragödie findet in Schwerin auf einer zweigeteilten Bühne statt: Der vordere Teil unterhalb der Bühne besteht vornehmlich aus einer dunklen Sandfläche und einem Tisch, der wahlweise als Altar oder als Tafel für das kannibalistische Festmahl verwendet wird. Es ist überhaupt die Fläche, in der sich mehrere Protagonist*innen buchstäblich im Dreck der Familiengeschichte aus Gewalt und Rachsucht wälzen.
Die Bühne selbst dahinter stellt Atreus‘ Palast dar – ein Ort, der mit seinen heruntergerissenen Mustertapeten, uralten Küchenmöbeln, zusammengestapelten Barhockern und einem Waschbecken mit Handtuchspender atmosphärisch zwischen 30er-Jahre-Küche, verlassenem Landgasthof und Horror-B-Movie changiert.

In dieser Welt des sichtbaren Verfalls agiert Astrid Meyerfeldt in der Rolle des Atreus sehr überzeugend als Herrscher, der trotz Krone eine hinfällige und traurige Figur abgibt. Aus Rachsucht ist er merklich dem Wahnsinn nahe. Die Kostümbildnerin Marta Góźdź, die mit Joanna Lewicka seit Jahren eng zusammenarbeitet und auch bei Thyestes für die Kostüme verantwortlich ist, kleidet Atreus in Unterwäsche – nur die Krone deutet auf seine Rolle hin. Allem Prunk und aller Herrschersymbolik entledigt, offenbart sich die „Banalität des Bösen“. Inszenatorisch schwach ist lediglich eine kurze Sequenz mit Textfragmenten aus dem Song „Alman Angst“ von Kraftklub. Diese liefert Gegenwartsbezüge mit dem Holzhammer, die ohnehin allzu offensichtlich sind.
Eva Habenicht, Frank Büttner, Edward Ruben Auerbach (Foto: © Gábor Hollós)
Hervorzuheben ist Norbert Stöß in der Rolle von Atreus‘ Bruder Thyestes. Mit großem Sinn für kleine Gesten und Nuancen durchlebt er als tragische Figur des Stückes eine steile emotionale Kurve: Aus einer anfänglichen Phase der Gleichgültigkeit gegenüber der Macht und dem Reichtum, die von seiner Zeit des ärmlichen Exils geprägt war, lässt sich Thyestes von Atreus überzeugen und mit sanftem Druck zur Mitherrschaft drängen. Seinen emotionalen Zusammenbruch erlebt Thyestes, als Atreus ihm von seiner grässlichen Rache erzählt.
Mit dem Zwiegespräch zwischen dem Geist des Tantalos und der Furie schaffen Frank Büttner und Svetlana Belesova gleich zu Beginn des Stückes eine sehr emotionale und aufwühlende Atmosphäre. Es ist insbesondere Frank Büttner in der Rolle des Tantalos, der in langen, verzweifelten Monologen seine Verzweiflung und seine Wut über die Unumkehrbarkeit der Zustände herausschreit. Nicht nur Frank Büttner verausgabt sich körperlich in dieser Szene, auch als Zuschauer*in ist das stellenweise schwer aushaltbar. Aber authentisch.
Eine gewichtige Rolle nimmt zudem der in der griechischen Tragödientradition stehende Chor ein. Er agiert von den Zuschauerrängen aus, kommentiert und strukturiert die Handlung. Wie durch ein Brennglas paraphrasieren die rund um die Bühne eingeblendeten, symbolträchtigen Videosequenzen von Aleksander Janas die Tragik eines weitervererbten, intergenerationalen Gewaltkreislaufes.
Joanna Lewicka inszeniert die Tragödie als spartenübergreifende Produktion. Als Furien – rasende „Rachegöttinnen“ – treten Mitglieder des Schweriner Balletts pointiert in das Geschehen. Ihre exzentrisch-krampfende Performance in Schlüsselszenen der Handlung deutet aus, was angesichts der Grausamkeit und der rachsüchtigen Raserei im Haus der Pelopiden nicht in Worte zu fassen ist.
Die Entscheidung, ein Sextett aus Streichern und Schlagwerk des Mecklenburgischen Staatsorchesters in die Inszenierung einzubinden, erweist sich als ein heimlicher Höhepunkt des Abends: Die international erfolgreiche deutsch-kubanische Komponistin Yudania Gómez Heredia komponierte die Musik eigens für die Thyestes-Inszenierung und dirigierte an diesem Abend. Ihre spannungsvollen und cineastischen Kompositionen tragen mit ihrem narrativen Charakter in besonderer Weise zum dramatischen Bogen der Inszenierung bei. Die Musiker*innen des Staatsorchesters bringen Yudania Gómez Heredias kompositorische Präzision an diesem Abend voll zur Geltung. Zudem war es eine kluge Entscheidung, das Sextett links vor der Bühne zu positionieren: So entsteht für das Publikum eine klangliche Unmittelbarkeit und Klarheit, die jeden Pizzicato-Anschlag, jedes perkussive Element bedeutsam werden lassen.

Den beteiligten Theatersparten unter der Leitung von Joanna Lewicka gelingt eine intensive, äußerst expressive, manchmal auch derbe und kompromisslose Inszenierung einer allegorischen Tragödie. Sie zeigt, wie rohe Gewalt, grenzenlose Rache in Verbindung mit despotischer Macht, jede Ordnung zerstört. Die Zuschauer*innen quittieren diesen Abend mit langem Applaus.
Problemlos sind diverse Gegenwartsbezüge oder Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit zu finden: von George W. Bushs „War on terrorism“ bis zum Gaza-Krieg, vom iranischen Ajatollah-Regime bis zum Bürgerkrieg im Sudan.
Seneca ging mit „Thyestes“ – der stoischen Denkschule verpflichtet – in drastischer Weise der Frage nach, was mit dem Menschen und der Welt geschieht, wenn Vernunft (ratio) und Tugend (virtus) dem Zorn (ira), der Raserei (furor) und der Rachsucht weichen. Im heutigen Sprachgebrauch wäre vielleicht eher von „Besonnenheit“ statt von „Vernunft“ und von „Werteorientierung“ statt von „Tugend“ die Rede.
Auch Seneca wusste darüber aus erster Hand zu berichten: Er war Erzieher und später Berater Kaiser Neros und wurde von diesem schließlich zum Selbstmord gedrängt.
Senecas Thyestes zeigt aber vor allem: Erst wenn wir Kränkungen nicht mit Wut und Rachsucht begegnen, sondern uns im zwischenmenschlichen Miteinander – real oder im digitalen Raum – integer und wertegebunden begegnen, können wir als Gesellschaft solidarisch und friedlich agieren.
Die nächste Vorstellung gibt es schon heute um 17:00 Uhr. Alle weiteren Termine finden sich auf der Website des Mecklenburgischen Staatstheaters.
Titel: Ballett Schwerin, Eva Habenicht, Edward Ruben Auerbach, Frank Büttner, Astrid Meyerfeldt (Foto: © Gábor Hollós)
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