Der Schimmel auf den Schwimmbadkacheln

Paulina Semkowicz nähert sich in Szczecin dem Charme alter Badehäuser

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Von Til Rohgalf

Ein großflächiges Fresko der polnischen Künstlerin Paulina Semkowicz ist derzeit als ortsspezifische Installation in den Kellerräumen der Galerie „Trafo” in Szczecin zu sehen. „Glaze” (Glasur) benannte die Künstlerin ihr Werk und es ist im März exklusiv für den gesamten Ausstellungsraum im Untergeschoss der Galerie entstanden. 

Die 1980 in Kraków geborene Paulina Semkowicz arbeitet in ihrem nicht-figurativen Werk mit dem Zusammenspiel von Licht, Farbschichten und Wandtexturen. Inspiriert wurde sie dabei von Merkmalen aus der Geschichte Szczecins – wie der Verbindung der Stadt zum Wasser und zum Segeln. Historische Badehäuser – wie das ehemalige Stettiner Hallenschwimmbad – waren ebenso eine Inspiration wie der kitschige Stil polnischer Badezimmer in den ersten Nachwendejahren: „In meinem Elternhaus war auch mal ein Geschäft zu finden, das ‘exklusive’ Badezimmerfliesen verkaufte. […]. Ich kann mich bis heute an deren Farbgestaltung erinnern: Braun-, Beige- und Weißtöne”, wird die Künstlerin im Begleitmaterial zur Ausstellung zitiert.

Das ganzräumige Fresko im ansonsten leeren Ausstellungsraum erzeugt die unruhige Aura eines „Nicht-Raumes”, wie der Umkleidebereich eines Schwimmbades. Die Unwirtlichkeit des TRAFO-Kellerraums mit seinen Stützpfeilern wird dabei Teil von Semkowiczs ortsspezifischem Ansatz. Die fliesenartige Bemalung scheint den typischen Zeiterscheinungen von Hallenbädern ausgesetzt zu sein: Spuren organischer Zersetzung, Patina und Schimmelablagerungen. 

Paulina Semkowicz erzeugt mit stark reduzierten Mitteln der Farbverläufe eine narrative Dichte, die Zeitlichkeit, Verfall und Transformation dokumentiert. Dabei arbeitet sie mit der Distanzwirkung von Farbe und Farbverläufen. Ihr abstrakter Stil schafft die Offenheit der Assoziation. Beim Betrachten aus der Nähe wird die Interaktion von Farbschichten und Wandtextur stärker wahrnehmbar. Offenbart wird ein endloses Zeichenmuster, das voller Bedeutung erscheint, sich aber der Entschlüsselung entzieht.

Der narrativen Wirkung von Fresken und Wandgestaltung ist sich Paulina Semkowicz bewusst. Neben der Malerei studierte die heute in Wien lebende Künstlerin in Kraków und Porto Bühnenmalerei. Für ihre Arbeit prägend ist nicht zuletzt ihre jahrelange Berufserfahrung in der Theaterbühnengestaltung. 

Die Ausstellung „Glaze” ist noch bis zum 31. Mai 2026 in der Galerie „Trafo” in Szczecin zu sehen.
Alle Fotos: © Til Rohgalf

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Til Rohgalf studierte Sonderpädagogik, Philosophie und Geschichte (M.A.), er ist im Schuldienst tätig, musikbegeistert und musikalisch aktiv. Ihn interessieren politische, kulturelle und geistesgeschichtliche Themen.
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