Das Schwarz an den Händen meines Vaters

Lena Schätte liest in Schwerin

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Von Peter Scherrer

„Meine Mutter bringt uns Töchtern Dinge bei. Andere Dinge, als mit geradem Rücken am Esstisch zu sitzen, als danke und bitte zu sagen, andere Dinge als ihrem Sohn. Sie bringt uns bei, dass Schnaps Ärger bedeutet.“ So beginnt Lena Schättes autofiktionaler Roman, der im vergangenen Frühjahr erschien. Am 16. März liest die Autorin auf Einladung der Buchhandlung littera et cetera in Schwerin. Vor ihrem ersten Besuch in Mecklenburg hatte der Kulturkompass Gelegenheit mit der gebürtigen Sauerländerin zu sprechen.

Das Schwarz an den Händen meines Vaters ist eine stille, zugleich schonungslose Erzählung über das Aufwachsen mit einem alkoholkranken Vater. Schätte schreibt autofiktional und mit großer Präzision vom Kreisen zwischen Nähe und Distanz, Liebe und Enttäuschung. Die Ich-Erzählerin Motte – so nennt sie der Vater – wächst im Schatten eines zwiegespaltenen Vaters auf: des nüchternen, geschickten Arbeiters, der zuverlässig in seiner Fabrik tätig ist, und des trinkenden, unberechenbaren Mannes, der Geld verspielt und völlig betrunken im Garten liegt. „Das steckt in der Familie“, sagt die Mutter. Alle Männer trinken. Und irgendwann trinkt auch Motte.

Lena Schätte fasst die Stationen der Sucht in 64 kurze Kapitel, Miniaturen, die wie Splitter einer Erinnerung aufblitzen. Ihre Sprache ist knapp, fast spröde, und deshalb berührend. Kein Lamento, kein Pathos – jeder Satz sitzt, jeder Bruch ist fühlbar. Kurze Sätze hat sie gewählt, „weil das Buch vom Ruhrgebiet und seiner Sprache geprägt ist. Da wird nicht so viel geschwafelt und schick geredet, und das, was gesagt wird, ist reduziert und hat Inhalt. Hinzu kommt, dass das Thema sensibel und fühlig ist, und umso emotionaler es wird, umso reduzierter kann man schreiben”, erläutert die Schriftstellerin ihren literarischen Stil. 

Lena Schätte schreibt erst seit kurzem hauptberuflich. Vorher arbeitete sie jahrelang als Krankenpflegerin in einer Entgiftungsklinik. Sie weiß, was Alkoholiker*innen sagen und was unausgesprochen kommuniziert werden kann. „Manches wird klar benannt, manchmal wird drumherum geredet, manchmal braucht es Humor, und manchmal brechen die Sätze ab, es wird genickt, und alle wissen, was gemeint ist“, beschreibt sie ihre Erfahrungen aus Gesprächen mit Alkoholkranken und deren Angehörigen. 

Im Roman bleibt die Ich-Erzählerin Motte auf Abstand zu ihrer Familie. Sie nennt sie: „Vater“, „Mutter“ und „Bruder“. „Das hat was mit meiner Biografie zu tun. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, es gab ein Armutsthema, ein Suchtthema, und da ist es immer wichtig, eine Distanz zu halten. Der andere Grund dafür, dass ich die Familienmitglieder nicht mit Namen, sondern nur mit ihren Funktionen benenne, ist, dass es eigentlich jede Familie sein könnte, die ich hier beschrieben habe“, erklärt Schätte den Hintergrund. „Sucht ist etwas, das durch alle Schichten geht, was in allen Regionen, in jedem Dorfkosmos stattfindet. Eine solche Geschichte wollte ich schreiben“, sagt die Autorin.

Lena Schätte (Foto: @ Boris Breuer)

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Lena Schätte, geboren 1993 in Lüdenscheid, hat nach ihrer Arbeit als Krankenschwester ab 2020 in Leipzig Literatur studiert. Ihr Schreibwerkzeug hat sie früh geschärft – 2014 erschien ihr Debüt „Ruhrpottliebe“. 2024 erhielt sie den Sebald-Preis für einen Auszug aus ihrem neuen Roman. 

„Für Papa“ steht in der Widmung ihres aktuellen Buchs – ein Hinweis darauf, wie nah das Thema an ihr eigenes Leben rührt. Die Autorin schreibt überzeugend, wie sich Sucht über Generationen fortsetzt, was Frauen aushalten, während Männer trinken, und wie trotzdem Zärtlichkeit bleibt. Hinter der Nüchternheit der knappen Sprache gibt es Wut, Mitgefühl und Zuwendung zugleich. Das Schwarz an den Händen meines Vaters ist kein versöhnliches Buch. Es zeigt weibliche Stärke. Und auch wenn von Liebe nur im Fernseher die Rede ist, so handelt es auch von der Kraft der Liebe.

Lena Schätte liest in der Buchhandlung „littera et cetera“ am 16. März 2026 um 17.00 Uhr aus „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“. Moderiert wird die Lesung von der Kulturwissenschaftlerin Marlen Kriemann. Eintritt 15,00 Euro. Das Buch ist im S. Fischer Verlag erschienen, hat 256 Seiten und kostet 24 Euro.

Titel: Lena Schätte (Foto: @ Boris Breuer)

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Peter Scherrer, Initiator Kulturkompass-MV, Jahrgang 1959, Europäer, Historiker und Gewerkschafter, lebt in Schwerin. Er arbeitet seit einigen Jahren als freier Journalist.
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