Werner Mönch und sein begehbares „Naturtheater“ in Göhren
.
Von Peter Scherrer
Der Mecklenburger Installationskünstler Werner Mönch schafft seine Arbeiten im Austausch mit dem jeweiligen Ort, sei es ein Ausstellungsraum oder eine offene Landschaft. Stets treibt ihn dabei dasselbe Anliegen um: die Spannung zwischen der geometrischen Grundform und dem, was er ihr entgegensetzt – die Schiefe, die Abweichung von Vertikale und Horizontale. Er verbindet plastisches und malerisches Arbeiten zu räumlichen Gebilden, deren bemalte Flächen sich durch Witterung, Licht und Jahreszeit immer wieder verändern.
In Tramm (Göhren) stellte er seine jüngste Arbeit vor: Einen begehbaren, roten Würfel aus Dachlatten. Mit dem Kulturkompass-MV sprach Werner Mönch über das, was ihn antreibt, über die Farbe Rot, über das offene Projekt – und die Schafe, mit denen er sich angefreundet hat.
„Ich habe keine Lust mehr auf vertikal und horizontal“ – das Gespräch
Herr Mönch, wie ist dieser Würfel entstanden?
Werner Mönch: Es sind 400 Meter Dachlatten, 6 × 4 cm, im Segwald auf vier Meter geschnitten. Ich habe das Maß übernommen und den nicht ganz exakten Würfel gezimmert und geschraubt. Er ist begehbar, und innen gibt es eine Zwischenstruktur, die Stabilität gibt: ein Raster aus 16 × 4 Meter, für die vier Wände, oben und unten Quadrate von etwa einem Meter.
Warum steht diese Arbeit hier, inmitten mecklenburgischer Landschaft?
Mönch: Ich bin Installationskünstler, und mich interessiert die Umgebung – hier der Kontrast zwischen dem Kunstgebilde und der mecklenburgischen Landschaft, aber auch ihre Verwandtschaft, das Integriertsein in die Landschaft. Außerdem ist die Landschaft ein guter Partner, um ein Anliegen von der Vertikalen und Horizontalen zu lösen. Ich habe die Welle im Gelände genutzt, um den Würfel vorne hochzubringen, unterstützt durch eine Balkenkonstruktion, die von Anfang an die Schiefe mitgegeben hat. Das ist mir ein großes Anliegen: Ich habe keine Lust mehr auf vertikal und horizontal.

Da bietet sich der Weltraum als Vergleich an?
Mönch: Ich habe das in meiner Rede zur Vernissage auch bemüht. Solange wir auf der Erde stehen, sind wir nur in Bezug auf die Vertikale im Mittelpunkt. Ansonsten stehen wir in alle Richtungen weg – im Extremfall mit dem Kopf nach unten.

Sie sagten, der Würfel sei bewusst unexakt. Ist das ein Prinzip Ihrer Arbeit?
Mönch: Ich bewege mich in einem Spannungsfeld. Die Arbeit, die ich in dem Raum in der Schweriner Goethestraße gemacht habe, war ganz exakt konstruiert – von Anfang an war klar, wie die Fläche ist. Hier ist es aber mehr Gewachsenes: Der Würfel ist mit Blech ausgestattet, und mit diesen Flächen bekomme ich nie einen exakten Würfel, sondern immer nur eine Annäherung. Die Grundkonstruktion bleibt aber geometrisch, es ist die Würfelform aus Latten. Da stehe ich in der Tradition von Konstruktivismus und Suprematismus, von Malewitsch und natürlich Mondrian mit seinen Rastern. Das Ganze dreht sich dann, wenn ich dagegen anfange zu arbeiten – in die Schiefe zu gehen, auch in der Oberfläche. Im Grunde ist es die plastische Arbeit eines Malers: Jede Fläche ist für sich gemalt wie ein Bild, und aus diesen bemalten, fast zweidimensionalen Gebilden mache ich ein dreidimensionales, indem ich sie um die Ecke aneinanderbringe. Plastizität mit malerischen Mitteln.
Warum die Farbe Rot?



Mönch: Ich habe eine Faszination für die Farbe Rot – die roten Bilder, die hier stehen, sind schon vier Jahre alt. In der Ausstellung in Schwerin habe ich gemerkt: Rot ist ideal, um einen Raum zum Schwingen zu bringen, bis hin zum ganz roten Raum. Hier habe ich alles aufgetrieben, was ich an roter Künstlerölfarbe hatte, und jede Fläche wieder anders gestrichen. Mit der Farbe kommt das Thema Witterung dazu: Die Seitenfläche hatte vor vier Monaten eine ganz andere Farbigkeit und hat sich inzwischen wieder verändert – ich musste sie wieder bearbeiten, damit sie funktioniert.
Die Verwitterung ist Ihnen also ein künstlerisches Mittel?
Mönch: Ja. Es gibt Flächen, die rot bemalt wurden und durch vier Monate Verwitterung und Moosbefall eine Patina bekommen haben – eine ganz andere Farbigkeit, eine Dunkelheit. Ich arbeite schon länger malerisch und mit Installationen im Freien und beziehe die Veränderung durch Wetter, Sonne, Regen und Winter in die Arbeit ein. Ich schaue, was das mit dem macht, was ich bemalt und installiert habe.
Und dahinter steht noch etwas Persönliches?
Mönch: Die Arbeit ist meiner Liebe Karin gewidmet – das ist ein wichtiger Aspekt für mich. Beim Schreiben der Eröffnungsrede ist mir Franz Kafka eingefallen: Sein Roman „Amerika“ endet im utopischen Entwurf des Naturtheaters von Oklahoma – ein Ort, an dem alles gut ist. Diese Utopie hat er aber nie fertig geschrieben. Und ich dachte: Dieses Teil könnte dorthin passen, denn es hat etwas Theaterhaftes, fast Bühnenhaftes, und „Naturtheater“ passt auch zu diesem Ort hier.

Und Sie wohnen derzeit gegenüber im Wohnwagen?
Mönch: Genau – und dann sehe ich morgens schon, was die Sonne mit dem Würfel macht. Je nachdem, ob sie da ist oder nicht, sind es immer völlig andere Ansichten. Ich mag es total, in der Natur zu arbeiten; auch von der Form her und von der Unexaktheit ist das für die Natur gemacht. Seit Juli bin ich hier – mit Unterbrechungen. Und die Schafe auf dem Gelände sind seitdem oft bei mir. Sie sind sehr interessiert und irgendwie meine Freundinnen geworden.
Wie lange wird die Installation stehen bleiben?
Mönch: Darüber habe ich noch keine Entscheidung getroffen – das Ende ist offen. Ich bin in der glücklichen Lage, hier als Kurator eingeladen zu sein. Mir steht dieser eine Hektar Kunstland zur Verfügung. Ich kann selbst etwas darauf machen und Kollegen einladen, hier zu arbeiten. Das werden wir angehen – und ab nächstem Jahr werden die Künstler bei ihren Arbeitsaufenthalten vor Ort untergebracht, in Zelt und Wohnwagen.
Seit 1987 zeigt Werner Mönch in Einzel- und Gruppenausstellungen Malerei, Installationen und Zeichnungen. Seine künstlerischen Wurzeln liegen in der klassischen Moderne der 1910er- und 1920er-Jahre: Dadaismus, Konstruktivismus, Suprematismus und Kubismus; Holz ist sein bevorzugtes Material. Bekannt wurde er u.a. mit den großen Ensembles im öffentlichen Raum auf der Gmünder Art (2006–2019, unter dem Pseudonym KRETA K.), der Installation „Der Weiße Palast“ im Skulpturenpark Pampin (2021–2023), der Installation „Schiefe Ebenen – Prekäre Lagen“ auf der Lupinale ZEIT:ZEICHEN 2023 sowie „2. Ebene“ in der Reihe KEEPGOING im Kunstraum Schwerin.