Panta rhei – alles fließt

Worum geht’s im KunstWasserWerk? Ums Wasser!

.

Von Til Rohgalf

Opulente, fremdartige Skulpturen, die aus vielfarbigen Nylonstrümpfen gefertigt sind. Von der Decke hängend scheinen sie mit der Industrieästhetik des alten Wasserwerks in den Dialog zu treten. Übergroße Fotografien von Unterwasser- und Wolkenmotiven, die – langsam hin und her schwingend – bewegte, surreale Naturszenen konstruieren. Eine Kaffeepflanze mit Bewässerungssystem als Teil einer multimedialen Installation. 

Die Ausstellung „strömen“ der Künstlerinnen Mirjam Elburn, Monika Ortmann und Ramona Seyfarth im Schweriner Kunst-Wasser-Werk (KWW) nähert sich auf handwerklich wie inhaltlich sehr unterschiedliche Weise dem Thema „Wasser“ und zeigt Skulpturen, Installationen, Zeichnungen und Fotografien der drei Künstlerinnen.

Dem Kulturkompass MV berichteten Mirjam Elburn, Monika Ortmann und Ramona Seyfarth über das Konzept und die Hintergründe dieser Werkschau.

„Ramona [Seyfarth] und ich waren mit einem gemeinsamen Konzept dem Aufruf des KWW gefolgt. Monika Ortmann hat der Verein als dritte Künstlerin als Kooperation ausgewählt – das macht der Verein zur Anregung eines Austauschs. Monika kannte ich bis dato nicht persönlich – nur ihre Arbeiten“, erzählt Mirjam Elburn die Ursprünge der Ausstellungsidee.

Da Ramona Seyfarth und sie ortsspezifisch arbeiteten, sei das KWW als „industriegeschichtlich bedeutendes Gebäude“ mehr als bloße Kulisse: „Ein Bezug zum Thema Wasser war naheliegend, allerdings wollten wir uns dem Sichtbaren wie dem Unsichtbaren – dem Fließen, Versickern und Überlaufen – physisch und symbolisch nähern können“, daher der Titel „strömen“. „Das offene Konzept erlaubte uns, in einen Gedanken- und Arbeitsprozess zu kommen, der das Tun selbst in den Mittelpunkt stellte und uns mit dem Ort und uns selbst im Gespräch hielt“, fasst Ramona Seyfarth den gemeinsamen kreativen Prozess zusammen.

Monika Ortmann arbeitet mit dem für sie charakteristischen skulpturalen Gebilde aus Nylonstrümpfen – „ein auf den ersten Blick simples Nylongewebe. Allerdings macht die besondere Eigenschaft dieser hauchzarten Gewebe, die hohe Flexibilität mit Transparenz und Belastbarkeit verbindet, sie zu einem idealen bildhauerischen Material“, führt die Künstlerin aus. Sie stellt diesen Werkstoff in den konzeptionellen Rahmen von „strömen“, indem die Füße ihrer Skulpturen mit PET-Wasserflaschen beschwert sind: „Es reizt die in gebrauchten Materialien eingeschriebene Vergangenheit“, erklärt sie, „sowohl als persönliche Erinnerung einer (möglicherweise sogar nicht mehr lebenden) Person als auch als eine Reflexion der ‚verbrauchten‘ Dinge in die Gegenwart.“ Die Herstellung von Nylons verbrauche erhebliche Mengen Wasser. So entstehe in einer der Installationen für die Ausstellung „strömen“ eine diffuse Kausalität zwischen Verschwendung und Schönheit: „Im ehemaligen Wasserwerk tragen die Objekte ihren Herstellungsprozess immanent mit sich. Das durch sie einst geströmte Wasser findet sich allegorisch in den Füßen der Nylons, blockiert ihre tänzerische Leichtigkeit und wird zu einer belasteten Flaschenpost an den Beinen.“

Ramona Seyfarth beschäftigt sich multimedial mit der Kulturgeschichte des Kaffees – und ihren ökologischen, ökonomischen, politischen und kulturellen Konnotationen: „Die Einladung zum gemeinsamen Kaffeetrinken gilt als soziales Ritual, bei dem in der Regel der Kaffee selbst ausschließlich als Genussmittel wahrgenommen wird“, meint die Künstlerin. Sie betont den Wasserverbrauch für eine Tasse Kaffee: „Die ausgestellte Videoarbeit dokumentiert, in welchem Mengenverhältnis 140 Liter benötigtes Wasser für die Produktion einer einzigen Tasse Kaffee stehen“, rechnet Ramona Seyfarth vor. Mit ihrer Performance versucht sie, die Abstraktion der Zahl selbst in eine unmittelbare Erfahrung zu übersetzen und die Entfremdung zu den zugrundeliegenden Prozessen ein wenig aufzubrechen: „Wenn wir im Durchschnitt 2 Liter Wasser am Tag trinken, reichen 140 Liter, um ca. 70 Tage zu überleben.“ 

Ein zentrales Moment in der Arbeit von Mirjam Elburn ist die Offenheit und das Prozesshafte. Digitale Fotografie und Transfertechnik hätten sich, so berichtet sie, erst während der Ausstellungsentstehung mit analogen, „sehr handwerklichen Techniken“ verbunden. Ursprünglich getrennte Projekte seien im Verlauf „ineinander geflossen“.  In ihrer Installation „underwater in the sky“, bestehend aus vier großdimensionierten Fotografien von Unterwasserpflanzen und Wasserspiegelungen auf der Peene und einem großen Wasserbecken, interagieren alle Elemente ebenso miteinander wie mit den Besucher*innen der Ausstellung: „Ich konnte die Spiegelung der Fotografien nicht vorab testen, die Bewegung der Fotografien entzieht sich meiner Kontrolle, sie hängt u.a. von den Personen im Raum und deren Bewegung ab.“ Dadurch entstünde immer wieder ein neuer Raum, ein neues Bild. Alles fließt.

Während Ramona Seyfarth und Monika Ortmann das gemeinsame Thema der Ausstellung in sozialen, kulturellen und ökologischen Dimensionen verhandeln, richtet Mirjam Elburn den Blick auf die Bedeutung des Wassers als psychologischen Topos: „Ich habe mich mit der Ambivalenz in der Wahrnehmung von Gewässern beschäftigt: Wasser löst in uns eine gleichzeitige Existenz von völlig gegensätzlichen Gefühlen aus: Neben Entspannung existiert immer auch Bedrohung“, beschreibt die Künstlerin die Hintergründe ihrer Arbeiten. „Das Gehirn nutzt die ‚leere‘, dunkle Fläche unter Wasser als Projektionsfläche. Es holt nicht nur schöne Erinnerungen hoch, sondern spiegelt uns oft unsere eigenen unbewussten Ängste, Sorgen oder unverarbeiteten Erlebnisse der Vergangenheit.“

Die Ausstellung bietet somit künstlerisch sehr unterschiedliche Annäherungen an das Thema „strömen“. Diese reichen von Ramona Seyfarths forschendem Ansatz mit politischem und ökologischem Gestus über Monika Ortmanns charakteristische Nylonästhetik bis zu den assoziativen, introspektiven und symbolischen Arbeiten Mirjam Elburns.

Monika Ortmann, in Bochum geboren, studierte Kunst und Fotografie in Berlin und Dortmund, leitete von 1979 bis 2002 die Galerie K. L. E. C. K. S. in Herne und arbeitet seit den 1970er-Jahren mit gefundenem Material wie Strumpfhosen zu raumgreifenden Installationen. Heute lebt sie in Wittenhagen (Vorpommern-Rügen), Bochum und Berlin.

Mirjam Elburn, 1976 in Siegen geboren, studierte Kunstgeschichte und Freie Kunst in Saarbrücken und verbindet als Künstlerin und freiberufliche Kuratorin Bildhauerei, Installation, Fotografie und Mixed Media mit einem starken Interesse an Kunstvermittlung. In diesem Sommer waren ihre Werke bereits u.a. in Schwerin und Neubrandenburg zu sehen.

Ramona Seyfarth (*1980) lebt seit 2013 wieder in ihrer Geburtsstadt Neubrandenburg und beschäftigt sich künstlerisch mit dem Thema Zeit sowie mit gesellschaftlichen Fragen wie Flucht und Heimatverlust. Ausgezeichnet wurde sie u.a. 2021 mit dem Ersten Upcycling-Kunstpreis im Zentrum für Zirkuläre Kunst in Lübz – für eine Installation aus geschredderten Werbeprospekten, die sie zu Teppichen verarbeitete.

Die Ausstellung „strömen“ ist noch bis zum 18. Oktober im Kunst-Wasser-Werk in Schwerin zu sehen.

(Alle Fotos: @Til Rohgalf)

.

Til Rohgalf studierte Sonderpädagogik, Philosophie und Geschichte (M.A.), er ist im Schuldienst tätig, musikbegeistert und musikalisch aktiv. Ihn interessieren politische, kulturelle und geistesgeschichtliche Themen.
Sie möchten auf eine Veranstaltung aufmerksam machen?
Nutzen Sie unseren Event-Kalender: https://www.kulturkompass-mv.de/veranstalter/
Sie möchten ihre Meinung sagen? Mail an: info@kulturkompass-mv.de

Verwandte Beiträge