Menschen im modernen Kapitalismus

Die „Dreigroschenoper“ feiert Premiere in Schwerin

Das Mecklenburgische Staatstheater bringt Bertolt Brechts Klassiker über die Londoner Bettlerbande erneut auf die Bühne. Was die aktuelle Aufführung unter der Regie von Patrick Wengenroth im Theaterzelt besonders macht, haben sich für den Kulturkompass-MV Christian Franke und Til Rohgalf bei der Premiere angeschaut.

Die Geschichte des Stücks ist schnell erzählt: Macheath, genannt Mackie Messer (Rudi Klein), Anführer einer Verbrecherbande, heiratet Polly Peachum (Jennifer Sabel), die Tochter des Bettlerkönigs Jonathan Peachum (Sebastian Reck). Dieser fürchtet um sein Geschäft und will Mackie am Galgen hängen sehen. Gewarnt von Polly, flieht Mackie ins Hurenhaus, wird dort aber von der Ex-Geliebten Spelunken-Jenny (Joana Damberg) verraten und durch die Polizei verhaftet. Im Gefängnis trifft Polly auf Mackies frühere Geliebte Lucy (Annika Gräslund), Tochter des Polizeichefs Tiger Brown (Jonas Steglich). Mit Lucys Hilfe entkommt Mackie, sucht erneut Unterschlupf bei den Huren und wird wieder verraten und gefasst. Statt am Galgen zu enden, wird er von einem königlichen Boten gerettet, in den Adelsstand erhoben und mit einer großzügigen Pension versorgt.

Marko Dyrlich, Jennifer Sabel, Rudi Klein. Edward Ruben Auerbach (Foto:© Silke Winkler)

Diese unverhohlen unglaubwürdige Wendung ist nicht zufällig, sie ist pointierte Gesellschaftskritik: Brecht lässt die „Moral von der Geschichte“ bewusst ironisch ins Leere laufen und entlarvt damit die Doppelmoral einer kapitalistischen Welt. Diese ist durchzogen von Korruption und Ungerechtigkeiten und behauptet für sich zugleich Rechtmäßigkeit.

Brüche sind kein Zufall, sie sind Programm. Die Dreigroschenoper gilt als Paradebeispiel für Brechts Konzept des epischen Theaters: Es geht nicht um das Eintauchen in eine Illusion, sondern hier soll der Zuschauer immer bewusst erfahren, dass alles Inszenierung ist. Dieses Konzept setzt das Schweriner Ensemble par excellence um. Der Moritatensänger (Jochen Fahr) leitet als erzählende, kommentierende und regiegebende Instanz auf eine höchst amüsante Art durch das Geschehen. Auch die übrigen Beteiligten durchbrechen im wörtlichen Sinn die vierte Wand und heben damit immer wieder die Illusion auf. Das Lachen im Publikum ist ein Verlachen, denn es gilt der Doppelmoral der Protagonisten.


Das Durchbrechen der vierten Wand wird dabei auf die Spitze getrieben. Hinter dem Vorhang, der regelmäßig von den Schauspielern heruntergerissen wird, zeigt sich die Garderobe der pausierenden Akteure, auch die Techniker sind Teil dieser Inszenierung. Eine prominente Position besetzt das Orchester, das fast die Hälfte der Bühne einnimmt. Unter der Leitung von Martin Schelhaas stellt dessen Darbietung der ikonischen Stücke zwischen Jazz, Operette, Chanson und Blues aus der Feder von Kurt Weill einen der Höhepunkte der Inszenierung dar. Die Musiker*innen brillierten mit einem sehr nuancierten Zusammenspiel, das klanglich Raum für alle Instrumente ließ. Der pointierte Einsatz ungewöhnlicher Klänge wie der Slide-Gitarre ließ zudem aufhorchen. 

Philip Klose und Nina Steinhilber (Dramaturgie) belassen die Sprache bewusst in den 1920er Jahren. Nur sparsam kommen moderne sprachliche Wendungen zum Vorschein. Es zeigt: Das Kritisierte ist nichts, was aus der Zeit gefallen ist und der Übersetzung bedarf, es kann auch heute erzählt werden. So wundert es nicht, dass auch Maske und Kostüme auf die zeitliche Kontinuität der gesellschaftlichen Verhältnisse verweisen: Rudi Klein, der in der durchweg starken Besetzung besonders als Mackie Messer überzeugt, erinnert optisch dann eher an eine Hamburger Kiezgröße der 70er Jahre als an den Kleinkriminellen aus Brechts Zeit. Auch Brechts Liedtexte werden weitgehend originalgetreu verwendet. Diese seien, wie Jennifer Sabel in einem NDR-Interview einschätzte, bisweilen ziemlich misogyn. Sie weisen unaufdringlich auf eine weitere Dimension gesellschaftlicher Zerwürfnisse hin, die der Aufmerksamkeit Brechts vielleicht entgangen sein mögen: Im Kontext stark hierarchischer Geschlechterstereotypen wird die von Armut betroffene Frau zur mehrfach marginalisierten Person eines patriarchalischen Gesellschaftssystems.

Verhandelt der erste Teil der Inszenierung vor allem die persönlichen Verwicklungen der Protagonist*innen, weitet sich in der zweiten Hälfte der Blick auf die gesellschaftlichen Abgründe. Das Erzähltempo nimmt spürbar an Fahrt auf, einige anfängliche Längen werden so wettgemacht.

Annika Gräslund in der Rolle der Lucy (Foto:© Silke Winkler)

Eindrucksvoll: die Arie der Lucy. Hier überzeugt Annika Gräslund in der Rolle der Polizistentochter in besonderem Maße. Die Bettler*innen scheitern in dieser Szene an einer Gruppenchoreographie –  trotz ihres Einsatzes wirkt Ihre Tanzperformance asynchron, ungelenk, tragikomisch. Doch gerade dieses Scheitern ist inszenatorisch gewollt: In Nuancen wie diesen schält die Inszenierung die habituelle Dimension der Armut gekonnt heraus: es ist nicht nur der materielle Mangel, sondern auch und vor allem das – frei nach Pierre Bourdieu – Fehlen kulturellen Kapitals, das Türen der gesellschaftlichen Teilhabe verschließt und Ungleichheit systemisch zementiert und weiter vererbt.

Es wäre leicht gewesen, die Inszenierung durch eindeutige Gegenwartsbezüge zu schmücken. Der gesellschaftlich vergiftete Diskurs um Sozialleistungsbetrug oder sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ bietet genug Vorlagen. Es ist Regisseur Patrick Wengenroth sowie der Dramaturgie um Nina Steinhilber und Philip Klose hoch anzurechnen, dass sie dem Reiz des interpretatorischen Holzhammers widerstanden haben. Dem Ursprungswerk verpflichtet, bietet die Inszenierung dem Publikum die Möglichkeit, das Geschehene selbst zu deuten und einzuordnen. Dieses honorierte die Premiere der Dreigroschenoper mit langem und begeistertem Applaus.

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Titel: Edward Ruben Auerbach, Annika Gräslund, Antje Trautmann, Christoph Götz, Rudi Klein, Joana Damberg Foto: © Silke Winkler

Die nächste Vorstellung im Theaterzelt am Küchengarten ist am 25. Juni. Alle Termine finden sich auf der Website des Mecklenburgischen Staatstheaters.

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Christian Franke studierte Philosophie und Germanistik, ist im Schuldienst tätig und interessiert sich für Literatur, Philosophie und Musik.
Til Rohgalf studierte Sonderpädagogik, Philosophie und Geschichte (M.A.), er ist im Schuldienst tätig, musikbegeistert und musikalisch aktiv. Ihn interessieren politische, kulturelle und geistesgeschichtliche Themen.
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