Unser altes Leben ist in Moskau geblieben

Memorial-Gründerin Irina Scherbakowa betrauert Russlands Scheitern an den Ideen der Aufklärung

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Von Susanne Scherrer

„Es ist schwer auszuhalten, dass es so viele Menschen gibt, die der Propaganda glauben und Putin unterstützen; und vor allem so viele, die den Kopf in den Sand stecken und so tun, als wäre nichts passiert.“ Offen und sehr persönlich beschreibt Irina Scherbakowa, russische Historikerin, promovierte Germanistin und Bürgerrechtlerin, ihre Erfahrungen seit dem Ende der Sowjetunion bis hin zu Putins repressivem Machtsystem von heute. „Der Schlüssel würde noch passen. Moskauer Erinnerungen“ heißt ihr neues Werk. Es ist einer der acht Titel, die für den Deutschen Sachbuchpreis 2026 nominiert wurden.

Irina Scherbakowa, geboren 1949 in Moskau, ist als Gründungsmitglied der Menschenrechtsorganisation Memorial bekannt geworden, die sich für die Aufarbeitung des Stalinismus und für die Menschenrechte in Russland einsetzte. Nach Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 musste sie Russland verlassen und lebt seitdem in Deutschland und Israel.

„Unser altes Leben ist in Moskau geblieben“, stellt Irina Scherbakowa gleich zu Anfang fest. „Man kann es weder wiederbeleben noch imitieren, indem man sich mit vertrauten Gegenständen umgibt.“ Das klingt nüchtern. Hat sie sich wirklich damit abgefunden, die vertraute Wohnung in Moskau mit all ihren biografischen und familiären, aber auch historischen und politischen Bezügen niemals wiederzusehen? Sie gibt zu, dass sie Trauer empfindet. Gleichzeitig spürt sie den Wunsch, diesen immensen Verlust des „alten Lebens“ zu verdrängen. Vielleicht fühlt sie sich sogar mitschuldig? Sie fragt sich, ob sie, wie andere Historiker auch, Putins Absichten nicht schon früher hätte durchschauen müssen?

Der wilde Kapitalismus der neunziger Jahre

Wann hat die Entwicklung Russlands hin zu einer neuen Diktatur also begonnen? Zunächst konzentriert sich die Autorin auf die Zeit der Perestroika, gefolgt vom gesellschaftlichen Umbruch in Russland nach 1989. Was zunächst als Befreiung und Erlösung von einer ewig anmutenden Periode der bleiernen politischen Stagnation und des wirtschaftlichen Niedergangs der Sowjetunion gefeiert wurde, erwies sich bald als knüppelharter Übergang in eine ganz andere Periode, auf die die meisten Bürger nicht vorbereitet waren. Einige erkannten schnell neue Freiheiten, neue Möglichkeiten und die Chancen auf viel Geld. Andere waren vollkommen überfordert und gerieten in existentielle Nöte. Die Autorin schildert Schicksale aus ihrem Umfeld von Familie und Freunden. Sie zeigen, wie die Hoffnungen der neunziger Jahre auf eine freie, gerechtere und liberale Gesellschaft zerstoben und letztlich im alltäglichen Chaos, befeuert von Korruption, Kriminalität und Rechtlosigkeit, untergingen.

Gleichzeitig beobachtete Scherbakowa bestürzt, dass sich die Menschen, kaum aufgeklärt über die Verbrechen des Stalinismus, wieder in eine nostalgische Sehnsucht und die Verklärung der sowjetischen Vergangenheit flüchteten. Die sechziger und siebziger Jahre unter Staats- und Parteichef Leonid Breschnew wurden heraufbeschworen als goldene Periode von Sicherheit und Berechenbarkeit. Wer, außer den Dissidenten oder den Nachkommen der Opfer, interessierte sich noch für die Verbrechen der längst vergangenen Stalinzeit? „Muss man die alten Wunden aufreißen, jetzt, wo die krisengeplagten Neunziger endlich vorbei sind?“, zitiert die Autorin die aus ihrer Sicht vorherrschende öffentliche Meinung.

Die Historikerin Irina Scherbakowa (Foto: © Doro Zinn).

Die Sehnsucht nach dem starken Mann

Sie selbst glaubte anfangs, dass die wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen der neunziger Jahre „Folgen der notwendigen Reformen seien und es momentan eben nicht anders ginge“. Ihre Familie konnte die Situation irgendwie meistern, während andere Künstler und Intellektuelle nicht zurechtkamen. Eine Gruppe trauerte ihrem Nimbus als hofierte Staatskünstler nach. Andere, endlich frei, fanden im wilden Kapitalismus der neunziger Jahre keine Möglichkeit, als Kunstschaffende zu überleben. Eine Zäsur bedeutete für die Autorin der Tod ihrer langjährigen engen Freundin, der Dichterin und Aktivistin Tatjana Bek. Anfangs voller Hoffnung auf intellektuelle Entfaltung und voller Vertrauen in eine sich in Freiheit entwickelnde wahrhaftigere Kunst, nahm sich Bek 2005 das Leben. Sie war erschöpft von der Verlogenheit und der Ungerechtigkeit des Alltags und verzweifelte an ihrer eigenen Hilflosigkeit, diesen Zuständen etwas entgegenzusetzen.

In jener Zeit, so Irina Scherbakowa, wurde nicht nur die sowjetische Vergangenheit verklärt, es wuchs auch die Sehnsucht nach einem starken Mann, der Ordnung schaffen sollte. Vor diesem Hintergrund begann der Aufstieg des gelernten KGB-Agenten Wladimir Putin. Klar wird, wie der Ziehsohn des damals amtierenden Präsidenten Boris Jelzin die Situation ebenso gefühllos wie planvoll ausnutzte. Die Historikerin beschreibt, wie Putin eine scheinbare Stabilität und Ordnung im Land wiederherstellte, die die Menschen beruhigte und die Existenzängste weiter Teile der Bevölkerung minderte. Auch der Westen zeigte sich optimistisch. „Allein die Begeisterung in Deutschland, dass der neue Präsident so gut Deutsch sprach! Irritiert beobachtete ich im September 2001 die Reaktion des Bundestags auf Putins Rede und fragte mich, ob man vergessen hatte, zu welchem Zweck er diese Sprache gelernt hatte“, bemerkt Scherbakowa trocken.

Annexion der Krim öffnete die Büchse der Pandora

Anfang der Nullerjahre wurde die ukrainische Halbinsel Krim wieder ein beliebtes Urlaubsziel. Irina Scherbakowa und ihre Familie kauften 2002 ein kleines Sommerhaus am Fluss im ukrainischen Oblast Poltawa. Aber dann geschah das Unvorstellbare: „Was zwölf Jahre später passierte, hätte ich mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht ausmalen können. Russische Truppen besetzten praktisch ohne Gegenwehr die Krim“, berichtet die Autorin. Und die Reaktionen? „Ich musste fassungslos mit ansehen, wie die Menschen um mich herum die Annexion nicht nur befürworteten, sondern sogar feierten. Nachbarn kamen mir freudestrahlend entgegen […] mein Friseur Wassili sagte zu mir: ‚Du weißt, was ich von Putin halte, aber jetzt, wo er die Krim zurückgeholt hat, bin ich bereit, ihm vieles zu verzeihen.‘“

Für Irina Scherbakowa hatte Putin mit der folgenlosen Annexion der Krim 2014 „die Büchse der Pandora“ geöffnet. Seine aggressiven Angriffskriege gegen Nachbarstaaten folgten dem offen formulierten Ziel, die Stellung Russlands als imperiale Weltmacht wieder auferstehen zu lassen, selbstredend unter seiner alleinigen Führung. Dazu brauchte er eine zuverlässige Gruppe von ergebenen wie korrupten Vasallen, die ihn bedingungslos unterstützten. Putins innenpolitisches Terrorsystem charakterisiert die Historikerin als eine schillernde Mischung aus Gewalt und Angst. Bekanntlich zögerte Putin nicht, potenzielle oder reale Gegner auszuschalten. Scherbakowa erinnert an die Ermordung Anna Politkowskajas, Reporterin und Menschenrechtsaktivistin, und an Alexej Nawalny, der 2024 in einer sibirischen Strafkolonie starb.

Es war schwer, nicht zu verzweifeln

Wie konsequent Putin vorgeht, wie er die Schlinge langsam, aber sicher zuzieht, zeigt die Autorin im zweiten Teil ihres Buches am Beispiel von Memorial. Die Organisation wurde jahrelang als „ausländischer Agent“ schikaniert und Ende 2021 ganz offiziell durch den Obersten Gerichtshof der Russischen Föderation liquidiert.

Wer konnte, verließ Russland. Irina Scherbakowa hatte durch ihre Übersetzungs- und Lehraufträge gute Beziehungen nach Deutschland. „Es war schwer, nicht zu verzweifeln“, beschreibt sie ihre Gefühlslage. „Das Ideal der Aufklärung […] in deren Geist Memorial 1989 gegründet worden war, diese Idee war offenbar gescheitert. Wir hatten geglaubt, dass sie eines Tages obsiegen würde, wenn die Menschen endlich die ganze Wahrheit erfahren.“ Doch das war nicht der Fall. „Wie viel ist über die Folgen des politischen Terrors geschrieben worden, über Verrat, Denunziation, Feigheit und Opportunismus.“ Es hat offenbar nicht gewirkt; denn Scherbakowa resümiert: „Und jetzt ist so vieles davon wieder da.“

Dass Memorial im Herbst 2022 nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine den Friedensnobelpreis erhalten würde, erfüllte Irina Scherbakowa mit zwiespältigen Gefühlen. Der Preis kam, nachdem knapp fünfzig Jahre zuvor der russische Physiker und erste Vorsitzende von Memorial, Andrej Sacharow, ihn erhalten hatte. „Es war, als hätten wir uns nur im Kreis bewegt, und das Gefühl wog schwer“, bekennt die Autorin.

Bereits andere Historiker*innen haben die Entwicklung des postsowjetischen Russlands hin zum Angriff auf die Ukraine analysiert und anschaulich beschrieben, allen voran Karl Schlögel. Das Besondere an Irina Scherbakowas Erinnerungsbuch ist die Perspektive der unmittelbar Betroffenen, aus der sie erzählt. Unsentimental und sachlich beschreibt sie die inneren und äußeren Kämpfe angesichts der heranziehenden neuen Diktatur. Immer wieder hinterfragt sie ihre eigene Wahrnehmung und Einordnung des Geschehens zur Zeit des Geschehens und bemüht sich um Authentizität. In der Rückschau spart sie nicht mit Selbstkritik wie: „Waren wir naiv?“

Die Autorin degradiert weder Opfer noch Täter oder Mitläufer zu bloßen Beispielfiguren. Sie beschreibt sie als Menschen mit Schicksalen und mit guten und schlechten Eigenschaften, die alle miteinander in Beziehung stehen. Mit einer Ausnahme: Wer so empathielos und berechnend vorgeht, entzieht sich jeder Einordnung als Mensch und ist vielmehr eine Gefahr für die Menschheit.

Wer den Deutschen Sachbuchpreis 2026 gewonnen hat, wird am 8. Juni in der Hamburger Elbphilharmonie bekannt gegeben.

Irina Scherbakowa spricht und liest am 10. Juli 2026 um 19:00 Uhr in Stralsund, Alte Eisengießerei, auf Einladung der Strandläufer Verlagsbuchhandlung.

Irina Scherbakowa. Der Schlüssel würde noch passen. Moskauer Erinnerungen. Aus dem Russischen von Jennie Seitz und Ruth Altenhofer, erschienen im Droemer HC Verlag, München 2025. 328 Seiten kosten 25 Euro (E-Book: 21,99 Euro).

(Anmerkung: Die Pluralformen der Nominative im Beitrag umfassen die weibliche, männliche und diverse Personenbezeichnung.)
Susanne Scherrer, studierte Dipl.Pol., forscht zur Familie Mendelssohn, vermittelt und unterstützt Literatur, Konzert- und Kunstevents. Lebt in Schwerin.

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