Juliane Hendes’ Komödie „Kulturhaus, mon amour” in der M*Halle uraufgeführt
.
Von Til Rohgalf
Die Institution des Kulturhauses ist das Zentrum einer Uraufführung von Juliane Hendes, „Kulturhaus, mon amour”, die am vergangenen Freitag in der Schweriner M*Halle Premiere feierte.
Kulturhäuser waren Teil der sozialistischen Kulturpolitik und etwa 2.000 große und kleine Häuser wurden geschaffen. Mit dem Ende der DDR schlossen nach und nach ein Großteil der ehemaligen Kulturzentren. Die Gemeinden konnten die Häuser nicht mehr finanzieren. Einige Kulturhäuser erinnern als leer stehende Ruinen an die sozialistische Vergangenheit – wie der imaginäre Spielort des Stückes in einer mecklenburgischen Kleinstadt: „Die Türen sind verrammelt”, wie es zu Beginn heißt, „der Stuck und Weiteres kommen von der Decke und durch alle Räume zieht so ein merkwürdiger Geruch. Menschen wurden hier schon lange nicht mehr gesehen.”

Der letzte Wunsch der örtlichen Landärztin – Annemarie Schade – war es, die Trauerfeier zu ihren Ehren in genau dieser Kulturhausruine stattfinden zu lassen. So treffen ihre Kinder, Olaf, Gabi und Heike, Heikes Exmann Günther sowie deren gemeinsamer erwachsener Sohn Daniel – gemeinsam mit dessen Freundin Fanny – nach Jahren wieder aufeinander, um die Bestattung zu organisieren.
Die Zusammenkunft ist konfliktreich: Gabi hatte vor Jahrzehnten der Familie den Rücken gekehrt, nachdem Heike ihrer damaligen Freundin Günther ausgespannt hatte. Auch Olaf hat längst die mecklenburgische Provinz verlassen, arbeitet als ITler bei der Bahn und verliert sich auf der Suche nach der eigenen Identität. Daniel studiert friesische Philologie und seine „Freundin” (obwohl sie nicht mehr “in solchen Kategorien” denke), Fanny, aus dem baden-württembergischen Tuttlingen, besucht Daniels Heimat mit der Neugier für das Exotische. Günther ist ein chronisch untreuer Tausendsassa, für dessen sexistische Witze sich die gesamte Familie fremdschämt. Heike bildet das Zentrum der Familie: Sie zog Daniel allein groß, pflegte die verstorbene Mutter und ist als die vor Ort Gebliebene das organisatorische Herz der Bestattungsvorbereitungen.

An der Oberfläche manövriert das Schweriner Ensemble voller humorvoller Pointen, manchem Slapstick und “makabrem” Nonsense durch die verstaubten Überreste des Kulturhauses. Immer wieder scheitern die Zusammengekommenen an den testamentarischen Wünschen der Mutter (Wein vom Martensmann, Bestattung in der Waldglasurne), den hemdsärmeligen Lösungsansätzen Günthers sowie diverser innerfamiliärer Streitigkeiten. Das Verständnis füreinander und für die Lebensentwürfe des Gegenübers erscheint getrübt: Man hat sich durch Jahre in unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten auseinanderentwickelt.
Die Familienmitglieder erzählen eine Geschichte des Verlustes, der sich im ruinösen ehemaligen Kulturhaus manifestiert und einhergeht mit den transformatorischen Erfahrungen der Nachwendezeit. Wie durch ein Brennglas symbolisiert der Zerfall der Familie Schade den Zerfall vieler gesellschaftlicher Strukturelemente nach 1989 in Ostdeutschland. Dieser Verlustschmerz begleitet auch jene, die der Heimat den Rücken gekehrt haben, und wird auch noch in der Nachwendegeneration als leidvolles Erlebnis erlebt, wie es Rudi Klein in der Rolle als Daniel in einem emotionalen Monolog ausführt. Annemarie Schades letzter Wunsch ist am Ende auch die einlösbare Hoffnung, einen verlorenen Ort, eine verlorene Gemeinschaft und Tradition wiederzubeleben.
Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk führte die Autorin Juliane Hendes aus, sie als gebürtige Rostockerin wünsche sich aus jahrelanger Erfahrung in Westdeutschland, dass die kommunikativen Ost-West-Gräben hinterfragt würden: „Ich würde mir von westdeutsch sozialisierten Menschen wahnsinnig wünschen, dass sie mit einer Offenheit auf die ostdeutsche Realität gucken und die eigenen Vorurteile und Bilder von Klischees hinterfragen. […]. Und ich würde mir aus ostdeutscher Perspektive wünschen, dass man sich nicht nur anguckt, was mal war, sondern was sein könnte […]”.
Mit „Kulturhaus, mon amour” gelingt Juliane Hendes dies auf den zweiten Blick: Die Ruine des Kulturhauses ist ebenso ein DDR-Spezifikum wie die vernarbten Biographien der Familie Schade.
Im Verlauf des Stückes tritt die Kulisse zunehmend in den Hintergrund und die familiären Verwerfungen treten hervor. Anders ausgedrückt: Wir beobachten die typische Interaktion einer dysfunktionalen Familie, die unfreiwillig zusammenfindet, um die eigene Mutter, Oma und Schwiegermutter zu bestatten. Dieses abgründige Familienspektakel kann ebenso in Ostdeutschland wie in Westdeutschland, Nordfrankreich oder Südschweden stattfinden.
Und ist nicht die Erfahrung des Verlustes von Gemeinschaft und Sinnstiftung, wie sie selbstredend in massiver und struktureller Form in den Jahren nach 1989 in Ostdeutschland gemacht werden musste, insbesondere in ländlichen und strukturschwachen Landstrichen in Westdeutschland und anderswo in Europa präsent? Wenn im ostfriesischen Dorf der AWO-Treff schließt und der Kirchenkreis nicht mehr stattfindet? Oder die Dorfkneipe in der nordhessischen Provinz schließt?
Das Unverständnis und das Misstrauen, mit dem sich unter anderem Günther und Fanny begegnen, verweisen zudem auf Konfliktlinien jenseits der Ost-West-Trennung: Es ist die Sprachlosigkeit zwischen unterschiedlichen Milieus, zwischen urbaner und ländlicher Lebenswirklichkeit, die Unterschiede der Bildungshintergründe, die beide einander fremd erscheinen lassen.

Juliane Hendes entscheidet sich für die Komödie, um diese Konflikt- und Verlusterfahrungen zu thematisieren. Das ist eine gute Entscheidung: Unter der Regie von Jakob Weiss verarbeitet das Ensemble diese thematische Schwere gut verdaulich, kurzweilig und voller Humor. Katrin Heinrich brilliert in der Rolle der Heike: Sie stellt sehr eindrücklich dar, unter welcher Mehrfachbelastung die alleinerziehende Mutter und pflegende Tochter stand und steht. Heike ist wohl die komplexeste und vielschichtigste Rolle des Stückes. Andere Charaktere wirken zum Teil etwas holzschnittartig: Fanny, die aus Baden-Württemberg stammende Philosophiestudentin und Veganerin, „Wessi”, die Wert auf gendergerechte Sprache legt, oder deren Antipode Günther. Diese Überspitzung ist für humoristische Elemente und Dialogkaskaden hilfreich und Joana Damberg wie auch Sebastian Reck wissen, ihre Rollen ausdrucksstark zu besetzen. Eine Dekonstruktion dieser Klischees findet allerdings nicht statt.
Die Einzelheiten der Familiengeschichte offenbaren sich dem Publikum sukzessive, oft durch kurze Andeutungen oder gegenseitige Vorwürfe. Viel wird über das Vergangene geschwiegen, es ist ein strukturelles Schweigen. Dennoch mäandern die Dialoge unnötig und zu oft an der Oberfläche. Vieles wird nur kurz angerissen.
Trotz allem ist „Kulturhaus, mon amour” ein sehenswertes Stück, das Themen und Menschen in den Fokus rückt, die es selten auf die Bühne schaffen.
Titelfoto:© Silke Winkler
.
