Milan Peschel und Ensemble erforschen Möglichkeitsräume von Utopien
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Von Christian Franke und Til Rohgalf
Milan Peschels „Sterni und die Astronauten” feierte am Freitag in der Schweriner M*Halle Premiere. Es ist der letzte Teil einer Trilogie, die gar nicht als solche geplant war.
Das neue Stück, das Milan Peschel mit dem Ensemble auf die Bühne bringt, arbeitet mit ähnlichen Ingredienzien wie die beiden vorherigen Schweriner Uraufführungen, „Chico Zitrone im Tal der Hoffnungen” und „Ich werde dich lieben”: Fernab stringenter Handlungsstränge oder Dramaturgien verwandeln die Schauspieler*innen die Bühne in einen Diskursraum, der zwar um Kernthemen zirkuliert, aber immer wieder durch Absurdes, durch humorvolle Intertextualität oder selbstironische Brüche auf überaus unterhaltsame Weise durcheinander gewirbelt wird.

„Sterni und die Astronauten” wird in einem Science-Fiction-Kontext verortet. Die Schauspieler*innen tragen von Magdalena Musial treffend entworfene Kostüme, die an eine Star Wars-Persiflage erinnern. Magdalena Musial zeichnet auch für die Bühne verantwortlich, sie weiß diese mit allerhand Retro-Science-Fiction-Chick auszugestalten. Jan Speckmann ist erneut verantwortlich für die Live-Video-Sequenzen, die das per Handkamera eingefangene Geschehen auf und neben der Bühne überlebensgroß projizieren. Diese Sequenzen erweitern den Blick der Zuschauenden um eine weitere Perspektive. Und diese Perspektiverweiterung ist ein zentraler Topos des Stückes. Die Bestandsaufnahme ist eine ernüchternde: Die Zeit der Utopien sei vorbei, realisierte gesellschaftliche Utopien hätten sich geschichtlich zu Dystopien verkehrt.

Die Dauerpräsenz globaler Krisen und Katastrophen – sowie kleiner und großer individueller Alltagssorgen und Lebenskrisen – verhindere die Vorstellung positiver Zukunftsperspektiven.
Wir tendierten dazu, in einem systemimmanenten Denken zu verharren, das in Resignation münde: „It’s easier to imagine the end of the world than the end of capitalism”, konstatiert Mark Fisher in „Capitalist Realism”. Dabei sei der Weltuntergang „zeitlos”, die drohende Apokalypse eine geistesgeschichtliche Konstante der Menschheit. Auch die starken Beharrungskräfte, das „anspruchslose” Abfinden mit dem Status Quo, würden so erklärlich – Haltungen der Indifferenz, die perspektivisch im „technokratischen Faschismus” mündeten.
Sterni, „Pförtner einer staatlich geförderten Spelunke”, zeige den einzigen Ausweg aus diesem Dilemma. Sein Idealismus, mit einer selbstgebauten Rakete „die Schwerkraft zu überwinden”, eröffne positive Möglichkeitsräume jenseits eines hermetischen Systems.
Die Überwindung der Schwerkraft als treibendes Motiv der Dialoge ist eine Metapher für das Einnehmen neuer Perspektiven, für den Antrieb, „das Unmögliche zu versuchen in diesen Zeiten” und eine “humanistische Utopie” zu entwickeln. „Without all those wide-eyed dreamers down through the ages, we would all still be poor, hungry, dirty, afraid, stupid, sick, and ugly. Without utopia, we are lost”, fasst es der niederländische Historiker und Aktivist Rutger Bregman in „Utopia for Realists” zusammen.
Das zentrale Motiv ist hier vor allem parabolisch zu verstehen. Das, was uns auf der Erde in unserer Umlaufbahn gefangen hält, ist zum einen die Gravitation, aber eben auch das Banale, das Selbstverständliche und das Alltägliche. Sternis zentrale Frage hebt eben genau auf diesen Erkenntnisprozess ab und so werden die Fragen figurativ unzählig erweitert. Mit diesen Fragen erweitern sich auch die Perspektiven auf das eigene Dasein, das sich ganz im Heidegger’schen Sinne als in die Welt geworfenes Sein erfährt und nun auch an der Schwere leidet. Wie soll man mit diesem Leiden umgehen? Man schafft Utopien, die Hoffnung geben, die Neues erfahrbar machen und uns in Welten bringen, die vorher nicht existent waren. Dies beseitigt zwar nicht die eigene Bedeutungslosigkeit in der Erfahrung der Unendlichkeit des Seins und des „zeitlosen Weltuntergangs“, aber es schafft Hoffnung, die das Absurde nicht überwindet, sondern dagegen revoltiert. Damit können alle ihr eigenes Sein und einen Sinn erschaffen.
Das Stück lässt sich als ein Entwurf für die bereits in der Antike gedachte Selbstsorge und Selbsterkenntnis lesen und führt weiter über die Existenzphilosophie Camus‘ bis hin zu Foucault. Foucault beschreibt das Subjekt nicht als souveränes, autonomes Zentrum, sondern als gesellschaftlich konstruiert und von Machtmechanismen durchzogen. Dennoch besitzt das Subjekt Möglichkeiten, sich aktiv zu formen – durch Praktiken der Selbstsorge. Diese Selbstsorge besteht für die Astronauten eben in der Schaffung von sozialen Utopien. Die aber nicht Realität werden dürfen, sondern als Utopien, aus denen sich Ideale entwickeln, aufrechterhalten werden müssen. Diese Utopien selbst sind also Kunst.

Sie sind notwendigerweise soziale Utopien, keine technischen, die sich im aktiven, gemeinsamen Tun als Opposition gegen eine systemimmanente Verwertungslogik zeigen. Der Plan, gemeinsam nach Halberstadt zu fahren, um den nächsten Tonwechsel von John Cages 639 Jahre langem Orgelstück ORGAN²/ASLSP („as slow as possible”) zu hören, konkretisiert diese Befreiung von Zweckmäßigkeit, die Kunst als utopischen Akt realisieren kann.
Dass das utopische Potenzial von Kunst selbst wieder zum verwertbaren Produkt wird oder werden kann, darauf verweist das Ensemble um Christoph Götz, Julia Keiling, Sebastian Reck, Jennifer Sabel, Jonas Steglich, Antje Trautman und Frank Wiegand wiederholt auch, wenn es auf die Personalentscheidungen des Staatstheaters und deren persönliche Konsequenzen rekurriert und diese – frei von persönlicher Abrechnung – diskursiv aufarbeitet. Das besitzt dann auch Anklänge zur Kritik der Frankfurter Schule an der Kulturindustrie.
Trotz seiner inhaltlichen Schwere ist der Impetus des Stückes niemals ein belehrender. Dafür sorgt die humoristische und ironisierende Einbettung der diskursiven Exkurse – auch wenn „Sterni und die Astronauten” etwas nachdenklicher und kontemplativer wirkt als seine beiden Vorgänger. Intertextuelle Anspielungen reichen von Star Trek über Louis de Funès‘ außerirdische Kohlköpfe, Stanisław Lem oder „Galaxy Quest: Planlos durchs Weltall” bis zum Schweriner Flippermusueum. Voller Hingabe ergehen sich die Protagonist*innen in Fachsimpelei über Science-Fiction-Technikblüten wie dem Quantum Flux Regulator, dem Omega 13 oder über die Möglichkeit der Zerschlagung von Zeitknoten. Die Bühnenästhetik erinnert in augenzwinkernder Weise an Science-Fiction-Klassiker wie „Raumpatrouille Orion“ oder „Eulomea: Der schweigende Stern”.
So bleibt am Ende des Stücks ein Appell für die Kunst. Wir brauchen die Kunst, um die Schwerkraft des eigenen Daseins zu überwinden und um gleichsam Ideale und Utopien zu erschaffen, die Hoffnung schenken und uns dabei helfen, nicht von dem Leid erdrückt zu werden.
Die nächste Vorstellung gibt es am 8. März in der M*Halle um 18 Uhr.
Titel: Frank Wiegard, Antje Trautmann, Jonas Steglich, Julia Keiling (Alle Fotos: @ Silke Winkler)
Zu den Autoren: Christian Franke und Til Rohgalf