Wieder im Fokus: die Sammlung Frank Brabant

Das Staatliche Museum Schwerin präsentiert eine Filmdokumentation über den Sammler und sein Leben.

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Von Susanne Scherrer

Der Name des Wiesbadener Kunstsammlers Frank Brabant ist Kunstinteressierten seit langem ein Begriff. Das Land Mecklenburg-Vorpommern hat allen Grund, dem 1938 in Schwerin geborenen Kunstliebhaber besondere Wertschätzung entgegenzubringen. Frank Brabant wird dem hiesigen Staatlichen Museum und dem Landesmuseum Wiesbaden seine mittlerweile auf 700 Kunstwerke angewachsene Privatsammlung nach seinem Tod zu gleichen Teilen vererben. Seine über Jahrzehnte zusammengetragene Sammlung umfasst herausragende Arbeiten des 20. Jahrhunderts. Ihr heutiger Wert ist kaum zu beziffern. Der Schwerpunkt liegt auf Werken des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit, jenen Epochen, die in der Sammlung des Schweriner Museums schwächer vertreten sind.

Mit einer Eintragung in das Goldene Buch der Landeshauptstadt ehrte Schwerin den Kunstsammler bereits 2017. Zu dessen 80. Geburtstag konnte im Staatlichen Museum eine hochkarätige Auswahl unter dem Titel „Von Beckmann bis Jawlensky“ gezeigt werden. Bei der Wiedereröffnung des Museums im vergangenen Oktober zählte Frank Brabant zu den prominenten Gästen.

Derzeit präsentiert das Schweriner Museum fünf charakteristische Werke aus der Sammlung Brabant. Im Mittelpunkt steht ein großes farbstarkes Gemälde, ein expressives Stillleben von Max Beckmann, gemalt 1941 im Amsterdamer Exil (Abb. links). In dieser Zeit verwendete Beckmann häufig ähnliche Motive: Blume, Vase, Buch, Glas. Auch ein repräsentatives Ölgemälde von Alexej von Jawlensky ist dabei: Meditation Winter, typisch für die Jahre 1934-1938, als der Maler wegen einer schweren Arthritis oft nur mit beiden Händen den Pinsel führen konnte. Er reduzierte seine Formsprache und wählte kräftige Farben (Abb. unten).

Jetzt ist als Auftragsarbeit der Staatlichen Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen M-V (SSGK MV) eine Filmdokumentation entstanden, die den besonderen Bezug des Kunstsammlers zu seiner Geburtsstadt Schwerin betont. Die Direktorin der SSGK, Dr. Pirko Kristin Zinnow, kündigte bei der Premiere an, dass diese Dokumentation von Andreas Clarysse dauerhaft im Museum, im Galeriesaal „The View“, gezeigt werden soll.  

Der Autor und Filmemacher Andreas Clarysse kennt Frank Brabant seit vielen Jahren und war schon oft zu Gast in Brabants Wiesbadener Fünfzimmerwohnung. Aus jedem Winkel, aus jeder Ecke, von jedem Türblatt, jedem Stückchen Wand, sei es in der Küche oder im Badezimmer, schauen die Bilder, Zeichnungen und Drucke die Besucher an: Kunstwerke von Max Pechstein, Emil Nolde, August Macke, Franz Marc, Kandinsky, Georg Tabbert oder Otto Dix. Eine schier unfassbare Fülle, deren geheimnisvolle Ordnung nur der Sammler Frank Brabant selbst erklären kann. Immer noch weiß er lebhaft und unprätentiös von seiner Sammlerleidenschaft zu berichten, selbst wenn das steigende öffentliche Interesse sowohl an seinen Bildern als auch an seiner Person ihn zunehmend anstrenge, so Clarysse.

Der Lebensweg Frank Brabants ist dabei ebenso außergewöhnlich wie seine Sammlung. In mehreren Interviews hat Frank Brabant wiederholt mit großer Offenheit und anekdotenreich davon erzählt. 

Hier eine Auswahl:

Frank Brabant, ein Sammler vor dem Herrn. Audiobeitrag von Jutta Szostak, 2023.
https://www.mediathek-hessen.de/medienview_29349_Frank-Brabant–Ein-Sammler-vor-dem-Herrn.html

Frank Brabant, Sammler und Mäzen, Video von Andreas Clarysse, Freunde des Museums Wiesbaden, 2025.
https://www.freunde-museum-wiesbaden.de/videos/

Frank Brabant wurde in Schwerin geboren und erlebte die Kriegsjahre bei der Familie seiner Mutter in Stettin und Pommern. Schließlich floh er mit seiner Mutter zurück nach Schwerin. Aufgrund seines nicht systemkonformen Verhaltens landete der junge Mann für einige Tage im Stasi-Gefängnis und beschloss daraufhin, die DDR illegal zu verlassen. Er ging nach Mainz und wurde dort mit der auch in Westdeutschland geltenden Kriminalisierung und Diskriminierung von schwulen Männern wie ihm konfrontiert. Auch seine Familie gab ihm keinen Rückhalt. Er verlor Job und Wohnung. Aus dieser existentiellen Krise kämpfte er sich jedoch heraus. Fast wie zum Trotz eröffnete er die erste bekannte Schwulen-Diskothek im Rhein-Main-Gebiet, die sich bald als Promi-Treff etablierte und keinesfalls nur von Schwulen frequentiert wurde. Zwanzig Jahre lang betrieb er mit ebenso viel Leidenschaft wie Stehvermögen das „Pussycat“, bis er sich 1988 aus dem Tagesgeschäft zurückzog. Seinen Lebenspartner, mit dem er 25 Jahre lang zusammen gewesen war, verlor er durch einen Autounfall. Wie lässt sich ein solches Leben erzählen? Als ein von Traumata, Krisen und Brüchen gekennzeichneter Weg? Oder als mutige und geradlinige Erfolgsstory?

Frank Brabant fand seine Rettung in der Kunst. Von einer ersten zufälligen Pechstein-Zeichnung, die er ein Jahr lang abstottern musste, bis zu namhaften und schon viel teureren Werken, die er auf Auktionen ersteigerte – die Sammelleidenschaft ließ ihn nicht mehr los. Er begann mit den Malern der „Brücke“-Gruppe und weitete sein Suchfeld stetig aus. „Sucht“ nennt er es selbst an verschiedenen Stellen. Sein gesamtes erworbenes Vermögen und viel geliehenes Geld steckte er in seine Bilder. Immer wieder wollte er aufhören, so lässt sich aus seinen Äußerungen schließen, aber Leidenschaft und Nervenkitzel lockten. Jetzt, mit bald 89 Jahren und einem Fundus von 700 Werken, soll endgültig Schluss sein.

In der Schweriner Dokumentation spielen biografische Details eine untergeordnete Rolle, der Fokus liegt auf den Kunstwerken. Wissen wir bereits, welche davon nach Schwerin gehen werden? Dr. Gerhard Graulich, langjähriger stellvertretender Direktor des Staatlichen Museums, hat lange und, wie er auf der Filmpremiere betonte, „einvernehmlich” mit dem Wiesbadener Kustos Dr. Roman Zieglgänsberger verhandelt. Schwerin wollte Beckmann, Wiesbaden bekam Corinth. Und so ging es weiter. Der Schenker selbst, Frank Brabant, hat keine Bedingungen für das Nachleben seiner Bilder gestellt. Man wünscht ihm, dass er seine vertrauten Schätze noch lange und wohlauf in seiner Wiesbadener Wohnung genießen kann.

Titelfoto: Staatliches Museum Schwerin. Aus der Sammlung Brabant: Karl Hofer: Die törichten Männer, 1940, Öl auf Leinwand. Rechts: Paul Kleinschmidt: Die Pianistin (aus der fünfteiligen Serie Die Damenkapelle), 1937, Öl auf Leinwand. Titelfoto sowie Foto 2,3: @ Peter Scherrer.

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Susanne Scherrer, studierte Dipl.Pol., forscht zur Familie Mendelssohn, übersetzt aus dem Ungarischen, vermittelt und unterstützt Literatur, Konzert- und Kunstevents. Lebt in Schwerin.

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