Reisejournalistin Beate Schümann empfiehlt 80 Glücksorte
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Von Susanne Scherrer
In Schwerin und Wismar sollte man glücklich sein, schon allein deshalb, weil man aktuell nicht in Mariupol oder Beirut oder in Kiew oder Teheran lebt. Jetzt ist eine weitere Animation zum Glück vor Ort hinzugekommen. Die erfahrene Reisejournalistin Beate Schümann hat 80 Anlaufstellen in Schwerin und Wismar identifiziert, die Glücksgefühle hervorrufen, so ihr Ansatz. Ihre Sammlung ist in der broschierten Reihe „Glücksorte“ des Düsseldorfer Droste-Verlags erschienen und konkurriert glücksmäßig nun mit New York, Venedig oder Dithmarschen.
Die Autorin kennt Schwerin bestens, lebt sie doch seit vielen Jahren in dieser Stadt. 60 besondere Orte mit Glückspotential in der kleinsten Landeshauptstadt Deutschlands aufzuzählen, würde keinem der hier Ansässigen leichtfallen. Beate Schümann schafft das, indem sie Natur, Kultur und Kommerzielles miteinander kombiniert. Als „Swing des Frühlings“ benennt sie zum Beispiel das Straßenfest „FrühjahrsErwachen“ in der Schweriner Altstadt, das in diesem Jahr am 18. und 19. April wintermüde Bürger*innen zum Swingen und Singen bringen soll. „Es ist ein Fest zum Träumen, Glücklichsein und Zusammensein“, so lockt die Autorin. Also: ausprobieren.



Himmlisches Glück kann man rund ums Jahr erbitten, wenn man in den Schweriner Dom geht und sich die blauen Uecker-Fenster anschaut. Noch näher kommt man dem Paradies auf dem Turm des Doms. Irdisches Glück findet sich in verschiedenen Cafés, Restaurants, Bars, oder in den wenigen Geschäften, die noch Besonderes zu bieten haben. Schwerins historische Kulturschätze zu inhalieren, triggert Glücksgefühle bei kulturbedürftigen Menschen ebenso, wie bei Konzerten, Kino, Theater live dabei zu sein. Naturglück gibt es ohne Frage vor allem an, auf oder in einem der zahlreichen Seen. Glück durch Sport spielt keine große Rolle, aber man kann ja zu diversen Glücksorten walken, joggen oder mit dem Rad hinfahren. Das Schweriner Glück endet: auf dem Alten Friedhof. In Wismar geht es ähnlich zu. „Schwein gehabt“ beginnt an der Wismarer Schweinsbrücke und endet nach zwanzig Stationen in St. Nikolai.
Jeder Glücksort ist auf einer Seite beschrieben und mit einem illustrierenden Foto auf der gegenüberliegenden Seite attraktiv bebildert, blauer Himmel dominiert. Es ist zu spüren, dass die Autorin die von ihr ausgewählten Orte kennt, Wissenswertes genau recherchiert hat und viele dieser Plätze mit eigenen Wohlfühlerfahrungen verbindet. Die Texte sind leicht verständlich geschrieben, der Grundton ist, wie zu erwarten, positiv bis euphorisch.
Zu bedenken ist, dass einige der aufgezählten Glücksorte erfahrungsgemäß einem Verfallsdatum unterliegen. Wird es all die kulinarischen Treffpunkte oder Shopping-Empfehlungen im nächsten Jahr noch geben? Gehören sie zwischen zwei Buchdeckel oder wären sie in einem Lifestyle-Magazin verlässlicher aufgehoben?
Glück als Programm, das bringt weitere, grundsätzliche Schwierigkeiten mit sich. Man gerät in eine Schieflage. Es gibt, kaum zu glauben nach dieser Lektüre, auch eine große Anzahl wenig glücksbegünstigter Orte in Schwerin und auch in Wismar. Man kann sie nicht übersehen, denn auf dem Weg zu Glücksorten verhakt sich der Blick zuweilen in sozialem oder bildungsfernen Unglück, bleibt an Armut, Verfall, Leerstand und Gleichgültigkeit hängen. Schwerin ist keine Wohlfühloase, sondern reale Lebenswelt. Normal eben – mit Potenzial zum Besseren. Solche komplexen oder ambivalenten Geschichten werden hier ausgespart.
Aber bleiben wir im Glück. Für Einheimische bietet die Sammlung vor allem in dunklen Stunden, wenn die mecklenburgische Provinz sich jedem Sehnen nach Weltoffenheit und urbaner Dynamik verschließt, und auch der Gedanke an Mariupol sträflicherweise nicht tröstet, eine wichtige Erkenntnis: Stimmt! Schwerin macht glücklich, und Wismar ebenso. Und hier finden sich in kompakter Form sechzig belegte Argumente – und immerhin zwanzig für Wismar. Für Neubürger*innen sollte die Lektüre zur Pflicht werden. Ja, hier seid ihr richtig, bitte bleiben. Gäste und Urlaubende, die die rosarote Brille tragen dürfen, sollten das Gefühl bekommen: Ich muss wiederkommen, habe erst ein Drittel auf dem Weg zum Glück geschafft.
Beate Schümann: Glücksorte in Schwerin mit Wismar, Droste-Verlag, Düsseldorf 2026, Paperback, 168 S., 16,00 Euro
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Susanne Scherrer, studierte Dipl.Pol., forscht zur Familie Mendelssohn, übersetzt aus dem Ungarischen, vermittelt und unterstützt Literatur, Konzert- und Kunstevents. Lebt in Schwerin.