„Keine Zeit für Apathie, keine Zeit zu schweigen“ heißt die neue Textsammlung des Publizisten und Autors Harald Roth.
.
Von Gerald Ullrich
Der Band ist inhaltlich fokussiert auf die unübersehbare Krise der liberalen Demokratie, insbesondere im Zuge des erstarkenden Rechtspopulismus in Deutschland, aber auch in anderen demokratisch verfassten Ländern. In der ankündigenden Korrespondenz des Verlags heißt es zu diesem Buch vollmundig, es „macht Mut, sich einzumischen, eigene Ideen einzubringen und Verantwortung zu übernehmen“. Dazu analysiere es autoritäre Tendenzen in der Gesellschaft und versammle „ermutigende Beispiele, wie Demokratie vor Ort gelebt wird“. So sollen auch praktische Wege aus „der politischen Lähmung“ aufgezeigt werden, wobei sich das Buch „an Menschen – gerade auch Jugendliche – (richtet), die nicht nur lamentieren, sondern Einsatz zeigen wollen für eine liberale, offene Gesellschaft“. Während sich vielerorts ein Gefühl breit mache, angesichts deprimierender, zuweilen katastrophaler Weltnachrichten in Privatismus abzutauchen und diesen mit dem Verweis darauf zu rechtfertigen, dass der Einzelne „eh nichts bewirken kann“, geht es dem Herausgeber mit diesem Buch also umgekehrt darum, wachsam zu bleiben und sich einzumischen.
Das Buch beinhaltet 24 Texte unterschiedlicher Autoren, gegliedert in drei Kapitel. Der erste Abschnitt („Alles kann passieren“) ist mit 130 Seiten deutlich länger als die beiden anderen zusammen (80 Seiten). Das Kapitel bezieht sich auf die Analyse der Krise, auf die Abgründe, die ein Abgleiten in Autoritarismus darstellen würden Der zweite Teil („Ich stehe hier, laut und wütend“) enthält überwiegend Beiträge mit deutlich subjektiver Tönung, darunter einen mit Texten von Schülerinnen und Schülern aus der Sekundarstufe II eines Gymnasiums in Niedersachsen. Sie sollten in einem Projekt zur Leitfrage Stellung beziehen: „Die Demokratie braucht dich. In welcher Weise möchtest du dich für die Demokratie einsetzen?“. Das dritte Kapitel („Ein Versprechen, das Mutlosigkeit und Lähmung überwinden hilft“) enthält Beiträge, die auf die konkrete Handlungsdimension verweisen, also darauf, was getan werden kann oder sollte. Hier sticht – für den Rezensenten – der Text von Jürgen Wiebicke („Den Maschinenraum der Demokratie betreten“) als besonders lesenswert heraus. In ihm wirbt der Autor für eine lebendigere und offenere Streitkultur. In homogenisierten Meinungsblasen egal welcher Couleur werde die Demokratie nicht wiederbelebt werden können.

Sechs der 24 Beiträge wurden bereits andernorts publiziert, das Gros also für dieses Buch verfasst. Der HerausgeberHarald Roth, Jahrgang 1950, hat bereits diverse Publikationen zur NS-Zeit vorgelegt, darunter eine für junge Leser bzw. für den Schulunterricht vorgenommene Auswahl aus den berühmten Tagebüchern Viktor Klemperers. Er ist zudem Mitglied des Vereins „Gegen das Vergessen – Für Demokratie“, dessen Zentralmotiv auch die Kernbotschaft des vorliegenden Buchs ist, nämlich dass Demokratie wichtig, aber nicht selbstverständlich ist, also des bürgerschaftlichen Engagements zwingend bedarf.
Harald Roth (Foto: @ Dietz Verlag)
Manche der Autoren sind als prominente Intellektuelle ausgewiesen und bekannt, etwa die Historiker Heinrich August Winkler und Wolfgang Benz, die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan oder die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. Zwei Drittel der in dem Band versammelten Autoren sind als Akademiker einzustufen, haben also zumeist eine Professur. Dennoch weist das Buch schon durch die große Zahl der Autoren, die jeweils mit Textbeiträgen im Umfang von 4 bis 15 Seiten vertreten sind, eine erfreuliche Vielfalt von Schreibstilen auf. Insofern ist es nicht schwierig, mindestens den einen oder anderen Beitrag zu finden, den man als „richtig lohnend“ erleben wird. Ob das Buch seinem Anspruch gerecht werden kann, gerade Jugendliche anzusprechen, darf allerdings sehr bezweifelt werden. Weder scheint dafür das Medium besonders naheliegend, noch die Art der Texte, zumal gerade mit Blick auf Jugendliche negativ auffällt, wie knapp die Ausführungen zum „Was tun?“ ausfallen im Vergleich zu denen, die den problematischen Status Quo ausleuchten. Dem Ziel der Ansprache gerade von Jugendlichen dürfte zudem nicht förderlich sein, dass keiner der Autoren nach dem Jahr 2000 geboren wurde (und die erwähnten Schüler-Autoren im Verzeichnis der Autoren unerwähnt bleiben).
Keine Zeit für Apathie, keine Zeit zu schweigen, Harald Roth (Hg.) ist ab sofort lieferbar und im Buchhandel erhältlich, hat 254 Seiten und kostet 22 Euro.
.
