Vom Traum zum Alptraum

„American Cycles – Philip Montgomery“ im PHOXXI, Haus der Photographie temporär, Deichtorhallen Hamburg.

Von Reinhard Kuhlmann

Sehnsuchtsland waren die USA hier für viele Generationen. Die Träume von Freiheit, Vielfalt, Toleranz und Aufstieg waren eng mit einem ganz besonderen Bild der Vereinigten Staaten von Amerika verwoben. Die USA hatten nicht nur eine bedeutende Rolle bei der Befreiung von Nazi-Deutschland, sie waren auch Überbringer guter Botschaften westlicher Kultur und Zivilisation. Vielen erschienen die USA als ein „gelobtes Land“. Brüche und Risse wie Rassismus, Waffenirrsinn und Auslandskriege trübten das grundsätzliche Bild kaum. „Westbindung“ war nicht nur geopolitisches Leitbild, vielmehr Ausdruck einer willkommenen Grundausrichtung von Alltagskultur und Lebenswelt.

Die dokumentarischen Schwarzweiß-Fotografien von Philip Montgomery sind durchweg situative Momentaufnahmen des heutigen Amerika. Wie Menschen ihren Alltag gestalten und erleben, wird dokumentiert. Die Fotos spiegeln so etwas wie eine „Chronik des letzten Jahrzehnts amerikanischer Gegenwartsgeschichte“ wider, erläutert der Einladungsflyer zur Ausstellungseröffnung. Sie dokumentieren aktuelle Konflikte in ihren jeweiligen Kontexten. Betroffene, Beteiligte, auch Aktivisten werden in Lebenssituationen des Alltags erfasst. Beeindruckend ist die strikte Sachlichkeit, die sich der Fotograf verordnet. So sind es zumeist Opfer von gesellschaftlicher und staatlicher Gewalt, Unterdrückung – und Naturkatastrophe. Aber es sind auch eindrucksvolle Bilder gesellschaftlicher Solidarität und geteilter Verantwortung.

Ihre Stärke, ihren Sog entfalten die Aufnahmen aus dieser strikten Sachlichkeit. Keine Anklage, kein Protest, schon gar keine Agitation. Zeigen, was Menschen in alltäglichen Lebenssituationen von Gewalt, Ausbeutung, Rassismus und Naturkatastrophen widerfährt: ganz leise, ganz behutsam, ganz empathisch. Immer an der Seite der viel beschworenen „kleinen Leute“ – auch dann, wenn in wenigen Aufnahmen Träger staatlicher Macht porträtiert werden. Es sind die Realitäten des Alltagslebens, die so überzeugen – ohne jede katastrophische Zuspitzung, immer aber mit einer untergründigen Beunruhigung.

Der Fotograf ist Dokumentar, kein Voyeur. Wer Bilder von Mar-a-Lago, Donald Trumps prunkvollem Anwesen in Palm Beach, dem Hightech-Standort Silicon Valley oder vom kalifornischen Promiviertel Pacific Palisades sucht, der wird nicht fündig. Nein, Hochglanzästhetik des Mainstreams, das ist nicht sein Ding. Seine Ästhetik des Schwarz-Weiß und der schattierenden Töne erzeugt eine implizite und unverstellte Sympathie. Die selbst auferlegte Rolle des Dokumentars flüchtet sich eben nicht in eine scheinbare Neutralität, die Täter und Opfer mit Äquidistanz verhandelt. Vielmehr spricht aus den Bildern eine ganz leise „Ästhetik des Widerstands“, weit entfernt von jeglicher Agitation und Propaganda.

Auf ein geradezu emblematisches Bild sei besonders verwiesen. Es zeigt eine Frau, die in einem gefluteten Raum in Rückenansicht mit beiden Händen an die Decke greift. Das Wasser steht ihr bis hoch an den Rücken, fast schon bis zum Hals. Es ist ein anderes Amerika, das hier gezeigt wird. Jenseits der Hochglanzbilder, jenseits der Mächtigen und Einflussreichen Ein Bild der Zerrissenheit und der kleinen Solidarität gleichzeitig. Es zeigt die Grauzonen, in denen ein Traum zu zerbersten droht und schon zum Alptraum wird.

Aus der Reihe „American Mirror“ (Foto: Reinhard Kuhlmann)

.

Die 113 Bilder, entstanden zwischen 2014 und 2025, werden in Werkblöcken chronologisch präsentiert. „Fragmente der Gegenwart“, „Risse und Allianzen“, „Kontrollräume“, „Nervöse Systeme“ und „American Mirror“ gliedern das Konvolut. Eine kleine, sehr sachverständig ausgeführte Kommentierung der Bilder wird mit dem Ticket ausgehändigt. Die Ausstellung im Haus der Photographie läuft bis zum 10. Mai 2026.

.Titelfoto: Screenshot Deichtorhallen

.

Reinhard Kuhlmann, IG Metall und SPD-Mitglied, ehemals: Vorstand und Arbeitsdirektor ThyssenKrupp Marine Systems, CEO Hellenic Shipyards, Generalsekretär Europäischer Metallgewerkschaftsbund, IG Metall – Grundsatzabteilung und Hans Böckler Stiftung – Forschungsförderung.

Sie möchten auf eine Veranstaltung aufmerksam machen?
Nutzen Sie unseren Event-Kalender: https://www.kulturkompass-mv.de/veranstalter/
Sie möchten ihre Meinung sagen? Mail an: info@kulturkompass-mv.de

Verwandte Beiträge