In der „Parabel“ – zum 100. Geburtstag von Harald Duwe
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Von Reinhard Kuhlmann
Er entzieht sich jeder schablonenhaften Etikettierung. Wenn überhaupt, dann in einer Annäherung: ein kritischer Realist, tiefgründig in der „Humanitas“ verwurzelt. Harald Duwe, 1926 in Hamburg-Rothenburgsort geboren, starb der Maler und Grafiker 1984 bei einem Verkehrsunfall bei Bad Segeberg. Zu seinem 100. Geburtstag ehrt das Hamburger Zentrum für Kunst „Parabel“ den Künstler mit einer exzellenten Ausstellung.
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Der Titel der Werkschau “Vivre en liberté”, ein programmatisches Bild aus einem Studienaufenthalt des Künstlers in Paris, gibt der Präsentation ein Motto; kaum besser könnte die Widerständigkeit, das Aufbegehren, der kritische Impetus des Malers auf den Begriff gebracht werden. Ideengebern und Kuratoren, hier besonders Dr. Maike Bruhns und der Familie Katharina, Tobias und Johannes Duwe, ist ein Glanzstück gelungen. Prägnante Werke aus der Familiensammlung, dem Hamburger Museum und Leihgaben schaffen eine aussagefähige Ausstellung. Sie eröffnet einen fokussierten Überblick über das Werk, und zugleich bildet sie die Schwerpunkte von Harald Duwes Arbeit strukturiert und durchaus repräsentativ ab.
Harald Duwe, Portrait (Foto: @cmyk_s)
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Offensichtlich wird die spezielle Handschrift Duwes außerhalb oder auch gegen den etabliert angepassten Kunstbetrieb der Nachkriegszeit. Nicht die vorgeblich zeitlose Gültigkeit der Trias des „Wahren-Guten-Schönen“ bestimmte seinen Blick und seine Malerei. Ein unverstellter Blick gilt den Widersprüchen, den sozialen und politischen, aber auch den persönlichen und gesellschaftlichen Spannungen.
Die Abstraktion ist Duwes Sache nicht. Ein figuratives und situatives Malen zeichnet ihn aus. Eben der Blick auf den Menschen in ganz unterschiedlichen Kontexten. Kinder im Überfluss des Kindergeburtstags, Familienidyll am vermüllten Sandstrand, Gewaltkonfrontation bei Brokdorf-Demonstration. Und starke Porträts – fragile Selbstporträts ebenso wie Porträts von Wegbegleitern, geprägt von Nähe und Distanz. Nähe als emotionale Zuwendung, Distanz eben als konsequenter Realist, der nichts verschweigt.
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Es sind vor allem „Figurenbilder“, in denen die Auswüchse der Wohlstands- und Konsumgesellschaft, die Umweltkrise, aber auch Ausbrüche von Gewalt ihren Ausdruck finden. Der Blick auf die Menschen ist realistisch – kritisch, manchmal ironisch, zugespitzt satirisch und er zeigt auch krude Gewalt. Kein Voyeurismus, kein Selbstzweck. Der Betrachter spürt die Untergründigkeit des Mitleids, besser des Mit-Leidens. Mensch bei den Menschen. In der komplexen Welt der Moderne gehört die Selbstzerstörung offenbar zum Alltag. Keiner will sie sehen. Harald Duwe schaut hin. Bis zum Schmerz genau.
Die Ausstellung, und auch das ist ein besonderer Verdienst, zeigt selten bis nie gezeigte Bilder. Ein herausfordernder Genuss und dabei Erkenntnis über den Wandel der Zeiten. Die pointierte und substantielle Auseinandersetzung mit der brutalen Gewalt der NS-Herrschaft muss die Ausstellung aussparen, ganz sicher auch aus Gründen der Verfügbarkeit der Bilder. Auch hier gilt der Grundsatz: Angesichts der Realitäten gibt es keinen Grund, den Betrachter zu schonen. Und eins noch für Liebhaber von Drucktechniken: Johannes Duwe erläutert prägnant die von seinem Vater so geschätzte „Handlithografie im Offsetverfahren“.
„Vivre en liberté“, Harald Duwe zum 100. Geburtstag, 27. Februar bis 17. Mai in der Parabel, Zentrum für Kunst.
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Titel: Harald Duwe, Metro1, 1966-77 (Foto: @cmyk_s)
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