„Ob du wirklich richtig stehst …“

Starke Faust-Adaption „Walpurgisnacht: Das Erwachen“ in Schwerin

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Von Til Rohgalf

Die vielschichtige Handlung von Goethes „Faust I“ sprachfrei als Ballett zu inszenieren und zudem szenisch in die Gegenwart zu transferieren, ist ein mutiges Unterfangen. Der Schweriner Hauschoreographin Ana Isabel Casquilho ist dies mit ihrer Uraufführung von „Walpurgisnacht: Das Erwachen“ gemeinsam mit ihrem Ballettensemble hervorragend gelungen. Das Stück feierte am vergangenen Freitag im Schweriner Theaterzelt Premiere. Die zweite Aufführung folgte am Sonntag.

Die Produktion von Ana Isabel Casquilho und Judith Lebiez (Dramaturgie) interpretiert Goethes Werk aus der Gegenwartsperspektive als psychologische Reise, in der Faust zwischen drei Welten changiert: Es ist zunächst eine Arbeits- und Alltagswelt, die von Geschwindigkeit und Effizienz geprägt ist und in der sich das Individuum als Teil eines übermächtigen Systems verliert. Erst in der Begegnung mit Margarete erfährt Faust – als “Gegenwelt” – Entschleunigung und tritt in eine Welt echter Zwischenmenschlichkeit und Geborgenheit ein. Eine dritte Welt eröffnet sich für Faust in der Begegnung mit Mephisto, der das Rauschhafte und das dionysische Prinzip verkörpert. Der innerlich zerrissene Faust durchlebt in einer traumartigen Sequenz eine ritualhafte Walpurgisnacht, in der Identitäten und Willkür verblassen und das Instinkt- und Rauschhafte die Überhand gewinnen.

v.l.n.r. David Serrano, Inés Esteve Rico und Matteo Thiele © Leszek Januszewski

Diese Sequenz wirkt wie eine Katharsis für den von Zweifeln geplagten Faust: Zurück in den ihm bekannten Welten gelingt es ihm, sich für eine der drei zu entscheiden. Ana Isabel Casquilho gestaltet diesen emanzipatorischen Prozess – mit Augenzwinkern – als „partizipatives Finale“, bei dem die Zuschauer*innen in der Pause per Token zwischen den drei Varianten „Faust wählt Mephisto“, „Faust wählt Margarete“ und „Faust wählt keinen von beiden“ entscheiden können.

Ana Isabel Casquilho schafft es, mit ihren ausdrucksstarken Choreographien die Kräfte, zwischen denen sich Faust zerreißt, auf beeindruckende Weise auszumalen: In hohem Tempo, in häufig gleichförmigen und orchestrierten Bewegungen lässt Casquilho das Ensemble Robotern gleich eine Realität nachzeichnen, in der das Individuum als Rädchen im System Produktivität, Geschwindigkeit und Effizienz steigert. 

Mephisto (am Sonntag dargestellt von einem starken David Serrano) bewegt sich dagegen spielerisch und schillernder auf der Bühne, seine ausladende Choreographie atmet das Rauschhafte, das Groteske. Tänzerisch ruhiger, fließender, inniger personifiziert die sehr überzeugende Inés Esteve die Rolle der Margarete als natürlich selbstbewusste und in sich ruhende Frau. 

Herausragend ist Matteo Thiele als Faust, der diese Stile im Laufe des Stückes beeindruckend adaptiert: in den Szenen zu zweit mit Mephisto oder mit Margarete ebenso wie als „Rädchen im Getriebe“. Immer wieder tritt Matteo Thiele fast unmerklich aus den Szenen zurück und verharrt als zweifelnder Beobachter am Rande des Geschehens – eine überzeugende choreographische Umsetzung der Faust-Persönlichkeit. Höhepunkte stellen jene Szenen dar, in denen das Trio gemeinsam auf der Bühne agiert und Mephisto und Margarete wie die „zwei Seelen“ in Fausts Brust um diesen buhlen. Grandios weiß Matteo Thiele die Zerrissenheit seiner Rolle mit schnellen, unvorhersehbaren Bewegungen zu unterstreichen.     

Matteo Thiele und Inés Esteve Rico © Leszek Januszewski

Die Musik für die „Walpurgisnacht“-Produktion schrieb der in Italien geborene und in Deutschland lebende Komponist David Nigro in Zusammenarbeit mit Casquilho. Auf Basis der Oper „Faust“ des spätromantischen französischen Komponisten Charles Gounod erschafft er einen zeitgenössischen Klangkosmos. Die Originalkomposition hallt nach, David Nigro nutzt aber neoklassische Stilelemente, dezente Elektronika, Samples und Field Recordings, um eine zeitgemäße musikalische Handschrift zu kreieren. Mitreißend begleitet sie die Handlung. Nicht zufällig dürften dabei die subtil ironisierenden stilistischen Fingerzeige sein: Gerade in den düsteren Szenen rund um Mephisto und die Walpurgisnacht klingen David Nigros Kompositionen zeitweilig wie eine diffuse Mischung aus Carlos Peron, Dark Wave aus den frühen 90ern oder den frühen orchestralen Klangexperimenten der slowenischen Band Laibach. Für das Erscheinen von Margarete gegen Ende des Stückes erinnert das von Nigro genutzte Sample an Rammsteins „Engel“.

In Zusammenarbeit mit Anke Koch und Luca Labs zeichnet sich Ana Isabel Casquilho auch für das reduktionistische Lichtdesign verantwortlich, das die Bühne entweder in kaltem weißen Licht aus rechteckigen Strahlern erhellt oder ein schummriges Rotlicht erzeugt.

Am Sonntag entschied sich die Mehrheit der Zuschauenden für Fausts Hinwendung zu Margarete – zu menschlicher „Wärme, Empathie und Verletzlichkeit innerhalb eines unnachgiebigen Systems“, wie es im Programmheft heißt, und deshalb leuchtet das Licht gegen Ende des Stückes folglich über Margarete. Über Mephisto erlosch es – „ob du wirklich richtig stehst, siehst du, wenn das Licht angeht.“

Alle Tänzer*innen agieren auf einer ebenfalls von Casquilho entworfenen, extrem minimalistisch gehaltenen Bühne, die aus dem Vorraum, einer unteren sowie einer oberen Ebene besteht. Beide Ebenen sind über eine Rampe miteinander verbunden. Wer wo agiert, ist unklarer als im Originaltext: Anstelle des „Prologs im Himmel“ beginnt die Produktion mit einem Solo-Tanz des zerrissenen Faust im Bühnenvorraum. Mephisto steigt von oben herab in die „Welt“. Faust umgarnend versucht er, diesen die Rampe emporzuziehen – dem nächsten Höhepunkt, dem ekstatischen Elysium entgegen.

An dieser eigenwilligen und mutigen Faust-Adaption stimmt vielleicht alles: Ana Isabel Casquilhos wohl durchdachte Choreographien, David Nigros spannende Gounod-Interpretation, das minimalistische Zusammenwirken von Bühne und Licht – und natürlich die großartige Leistung von Matteo Thiele, Inés Esteve, David Serrano und dem übrigen Tanzensemble.

Nach einer gefeierten Premiere quittierte das Publikum diese starke Inszenierung mit frenetischem, lang anhaltendem Applaus und Standing Ovations.

Titel: Ballettensemble (Foto:© Leszek Januszewski)
Die nächste Vorstellung von „Walpurgisnacht: Das Erwachen” gibt es bereits am 4. November um 19 Uhr. Das volle Programm und Eintrittskarten unter Mecklenburgischen Staatstheater.

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Til Rohgalf studierte Sonderpädagogik, Philosophie und Geschichte (M.A.), er ist im Schuldienst tätig, musikbegeistert und musikalisch aktiv. Ihn interessieren politische, kulturelle und geistesgeschichtliche Themen.

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