Ute Kaiser verarbeitet Stefano Bennis Erzählband in szenischer Lesung
.
Von Til Rohgalf
In der Unterwasserbar gilt eine Regel: Heraus kommt nur, wer zuvor den anderen Gästen eine Geschichte erzählt hat. In seinem Erzählband „Die Bar auf dem Meeresgrund“ lässt der Schriftsteller Stefano Benni skurrile Figuren zusammentreffen, die komische Geschichten spinnen.

Für seine satirischen Schriften mit Hang zum Fantastischen ist der Dramatiker und Drehbuchautor Benni bekannt. Die gesammelten Erzählungen sind dabei stilistisch persiflierende Reminiszenzen an Schauergeschichten von Edgar Allen Poe, die Abenteuererzählungen eines Joseph Conrad oder klassische Kriminalromane von Agatha Christie.
Stefano Benni (Foto: © Claude Truong-Ngoc / Wikimedia Commons)
Stoff genug für eine szenische Lesung, fand die Theaterschauspielerin Ute Kaiser. Am 07. November rezitiert die Sängerin im Gutshaus Zarchlin aus Stefano Bennis „Bar auf dem Meeresgrund“. Dem Kulturkompass verriet Ute Kaiser einige Hintergründe zu dem Format. Auf die Idee sei sie im Zuge ihres letzten Projektes gekommen, das ganz anders geartet war: „Zu Beginn dieses Jahres war ich mit dem „Olga-Benario-Projekt“, einer Lesung über ein Holocaust-Opfer und seine Mörder, auf Lesereise in Spanien. Mit meinen Kolleg*innen lese ich aus dem im Gefängnis und im KZ entstandenen Briefwechsel und aus den Gestapo-Akten aus dieser Zeit. Ich bin Initiatorin dieses Projektes. Das Thema ist mir wichtig und, wie man sich sicherlich vorstellen kann, überaus ernst. Auch wenn wir professionell ‚nur‘ Vermittler dieser Thematik sind und den Beteiligten unsere Stimmen leihen, spürte ich nach dieser Reise, dass ich nun unbedingt etwas Fröhliches, Heiteres und Leichtes machen musste.“
Inspiriert habe sie dabei konkret der Prolog von Stefano Bennis Erzählband: „… ich weiß nur noch, dass es eine schwere Zeit war, ich aber aus irgendeinem seltsamen Grund glücklich war.“
Ute Kaiser erzählt, die Lektüre der „Bar auf dem Meeresgrund“ begleite sie seit mehr als 25 Jahren, und seither habe sie das Buch immer wieder gelesen. Für sie ist es ein temporeiches Feuerwerk aus Sprachwitz und fantasievollem Humor, verbunden mit zeitloser Gesellschaftskritik, Umweltbewusstsein und einer wunderbaren Schrägheit.
„Seit Langem hatte ich vor, das mal ganz auswendig zu lernen“, verrät sie. Es sei eine Unmenge Text, und als Schauspielerin müsse sie sich die Zeit dafür nehmen. „Das muss man wollen …“, meint sie lakonisch: „Und nun war der Zeitpunkt, es in Angriff zu nehmen. Das Auswendiglernen hat die Arbeit noch mal um ein Vielfaches vertieft. Die Lesung hat sozusagen Flügel bekommen oder sind es doch eher Flossen …“
Die vielen unterschiedlichen Perspektiven, aus denen sich Bennis Erzählband zusammensetzt, spielen der Schauspielerin dabei in die Hände: „In andere Rollen zu schlüpfen, erweitert auch meinen eigenen Horizont. Das ist der eigentliche Grund, warum ich vor 35 Jahren Schauspielerin wurde. Der Beruf ist so facettenreich wie die Figuren Stefano Bennis. Und Geschichten zu erzählen ist an sich schon ein wunderbarer Vorgang. Ich erzähle sie einfach, so wie Benni seine Figuren erzählen lässt: Eine extravagante Gruppe in einer Bar unterm Meer erzählt sich Geschichten, hört sich zu. Die Zuschauer*innen sind im Idealfall auch Gäste dieser Bar.“
Taugt das gegenseitige Erzählen von Geschichten und die so gemeinsam erlebte Zeit in der Bar als Gegenentwurf zur Vereinzelung und Partikularisierung einer digitalen und zunehmend polarisierten gesellschaftlichen Gegenwart? „Unbedingt“, meint Ute Kaiser. „Sich Geschichten zu erzählen, ist eine der ältesten sozialen Unterhaltungsformen“, konstatiert sie und erinnert an Klassiker wie „Tausendundeine Nacht“ oder das „Dekameron“ von Giovanni Boccaccio.
„Geschichten lassen Bilder vor unserem inneren Auge entstehen. Wir können umgehend an alle Orte des Universums reisen, auch unters Meer, und dort erleben, was wir wollen. Das ist Phantasie. Herrlich anarchisch und frei.“
Zu erleben ist die szenische Lesung am 07.11. ab 20:00 Uhr im Gutshaus Zarchlin.