.
Von Manja Wittmann
James Joyces „Ulysses“ ist bestens bekannt, zumindest haben viele davon gehört. Aber wer kennt Sylvia Beach? Sie ist eine amerikanische Buchhändlerin in Paris, die 1922 zu James Joyces Verlegerin wird, da alle anderen Verlage wegen zu vieler obszöner Passagen abgewunken hatten. Ernest Hemingway ist bestens bekannt, zumindest haben viele schon mal seinen Namen gehört, aber wer weiß, dass er in seinen jungen Jahren viel Zeit in Sylvia Beachs Buchhandlung „Shakespeare and Company“ verbrachte und sich gerne dort Bücher auslieh?
In „Die Buchhandlung der Exilanten“ tauchen wir noch viel tiefer ein in die literarische Welt um Sylvia Beachs englischsprachigen Buchladen und ihre berühmten Kunden und Kundinnen. Auch Gertrude Stein und F. Scott Fitzgerald waren oft dort. Direkt gegenüber hatte ihre Freundin und zeitweilige Lebensgefährtin Adrienne Monnier schon zuvor mit ihrer Buchhandlung „La Maison des Amis des Livres“ (Das Haus der Bücherfreunde) einen intellektuellen Mittelpunkt von Paris geschaffen.
Hier traf sich die künstlerische Avantgarde: André Gide, Pablo Picasso, Paul Valéry, Jean-Paul Sartre, Erik Satie und Simone de Beauvoir. Da beide Buchläden in der Rue de L’Odéon lagen, wurde dieser Kreis bald die „Odéonie“ genannt. Es muss ein äußerst anregendes Miteinander gewesen sein, das jedoch bald eine andere Bedeutung erhielt. Mit Hitlers Machtergreifung flohen immer mehr deutsch-jüdische Exilanten nach Paris, und Beach und Monnier gaben vielen von ihnen Zuflucht, darunter Gisèle Freund, Walter Benjamin, Siegfried Kracauer oder Arthur Koestler. Eindringlich wird beschrieben, wie das kulturelle Leben nach der Besetzung Frankreichs durch die Nazis zunächst erschwert wird und bald ein Ende findet.
Um einer Plünderung ihrer Buchhandlung zuvorzukommen, packt Sylvia Beach im Dezember 1941 in Windeseile ihre gesamten Bücher in Kisten und stellt sie bei einer Bekannten unter. Sie hatte sich geweigert, einem deutschen Besatzungsoffizier ihr letztes Exemplar von „Finnegan’s Wake“ zu verkaufen. Dieser drohte daraufhin, wiederzukommen und alle Bücher zu konfiszieren. Das war das Ende von „Shakespeare and Company“ an diesem Ort.
Bald danach, 1942, wurde Sylvia Beach als feindliche Ausländerin interniert. Doch es gelang Adrienne Monnier, sie nach einigen Monaten freizubekommen. Auch Walter Benjamin und Siegfried Kracauer hatte Monnier bereits die Flucht ermöglicht, die für beide jedoch noch weiterging und für Walter Benjamin tragisch endete. 1944 mit der Befreiung Frankreichs und der symbolischen Befreiung der Buchhandlungen in der Rue de L’Odéon durch Ernest Hemingway endet dieses Buch. Adrienne Monnier führte ihre Buchhandlung noch bis 1951 weiter. „Shakespeare and Company“ wurde nicht wiedereröffnet. Im ausführlichen Schlusskapitel fasst der Autor im Schnelldurchlauf die weiteren Lebensläufe und Schicksale der wichtigsten Protagonisten zusammen.
Uwe Neumahr hat akribisch recherchiert und bringt so neben dem großen historischen Bild auch viele kleine Anekdoten und Begebenheiten ans Licht, die in Tagebüchern oder Briefen festgehalten wurden. Es entsteht ein überaus abwechslungsreiches Leseerlebnis, das viel mehr ist als nur Name-Dropping für Literatur- und Kunstinteressierte. Einzig das von ihm gewählte „Reißverschlussverfahren“ der Erzählung mit zwei Zeitebenen, die sich aufeinander zubewegen – der Zwischenkriegsjahre und der Jahre der Okkupation – lässt einen manchmal die Orientierung verlieren.
Mit diesem Buch, das im Februar erschienen ist, wird zwei Buchhändlerinnen ein Denkmal gesetzt, ohne die die französische und amerikanische Avantgarde zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht denkbar gewesen wäre. Genauso wichtig ist aber auch, dass ihr besonderer Mut als widerständige Helferinnen in der Not vieler Exilanten endlich ausführlich gewürdigt wird.
„Die Buchhandlung der Exilanten“ von Uwe Neumahr ist im C.H. Beck Verlag erschienen, hat 320 Seiten und kostet 26 Euro.
.
