Fotoreporter Rolf Nobel setzt im Schweriner Kulturforum maritimen Arbeitswelten ein visuelles Denkmal
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Von Manfred Scharnberg
„Die Leidenschaft für das Meer und die Menschen, die von ihm leben, habe ich von meinem Vater“, erzählt Rolf Nobel. Die bunten, exotischen Streichholzschachteln, die der Vater in den 60er Jahren als Schauermann im Hamburger Hafen von Seeleuten mitbrachte, öffneten dem Jungen bildhaft die Tür zu fernen Ländern. Es sind auch die fantastischen Geschichten über fremde Kulturen, ungewöhnliche Ladungen und als blinder Passagier mitgereistes Spinnengetier, die früh die Vorstellung einer fernen Welt nährten. Die galt es zu entdecken. Aus einer Mischung von Kindheitsstaunen, Fernweh und Neugier entstand der Wunsch, die Wirklichkeiten dieser Welt mit der Kamera zu erkunden – vorzugsweise an den Küsten und auf den Meeren.
Bei der Eröffnung seiner Ausstellung „Arbeiter des Meeres“ im Schleswig-Holstein-Haus beschreibt Rolf Nobel diese biografischen Aspekte seiner fotografischen Arbeit. Viele der Bildgeschichten, die er über Jahrzehnte gesammelt hat, kreisen um das Thema Arbeit – körperlich fordernde, oft gefährliche Tätigkeiten, die selten im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung stehen. In Schwerin sind dreizehn großartige Reportagen mit insgesamt 144 Fotografien zu sehen, die Besuchern diese für viele Menschen ferne Welt der Arbeit am und auf dem Meer näherbringen. Die Schau erzählt nicht nur vom Meer als Landschaft, sondern vor allem von den Menschen, deren Alltag vom Rhythmus der Gezeiten, vom Fang und ihrer gemeinschaftlichen Plackerei bestimmt ist.

Seine Arbeit führte Rolf Nebel auf vier Kontinente. Er begleitete Lichtfischer auf Borneo, dokumentierte Seetangsammler in Schottland und war bei Schwertfischjägern in Italien dabei. Er stand mit Riesenkrabbenfischern hinter dem Polarkreis in eisigen Gewässern und war mit Küstenfischern im Senegal unterwegs. In England fotografierte er die Seacoaler, in Belgien die Pferdefischer, die mit ihren Tieren im Brandungswasser arbeiten. Auch in Deutschland blieb ihm die Situation der Fischerei nicht fremd: Auf Rügen hat er Heringsfischer porträtiert, deren Lage durch die aktuelle Fischereikrise besonders schwierig geworden ist. Seine Bilder halten eine Arbeitswelt fest, die in vielen Regionen bereits im Verschwinden begriffen ist.

Der Fotograf macht deutlich, was er mit dieser Ausstellung erreichen will. „Es ist eine Würdigung der harten Arbeit der Protagonisten in meinen Reportagen“, sagt er über sein Projekt. „Meine Bilder sollen etwas von Ihrer Mühsal bewahren“, formuliert er seinen Anspruch, den körperlichen Einsatz, die Erschöpfung und die Risiken, die in dieser Arbeit liegen, in fotografischen Bildern festzuhalten. Er berichtet, dass sich anfängliche Skepsis ihm gegenüber oft schnell löste: Die Fischer und anderen Protagonisten merkten, dass der Fotograf nicht bloß Besucher war, sondern sich tief in ihr Thema hineinarbeitete und nach einem langen Tag am Hafen oder auf See ähnlich verausgabt war wie sie selbst. Das verschaffte ihm Respekt und öffnete Türen für ungewöhnliche Bildsituationen und intime Einblicke. „Überall auf der Welt habe ich so etwas wie die ›Kumpanei der Arbeit‹ erlebt“, sagt Rolf Nobel – eine Verbundenheit, die auf gemeinsam geteilten Anstrengungen beruht.
Wenn Rolf Nobel über die „Arbeiter des Meeres“ spricht, meint er mehr als ein abgeschlossenes Fotoprojekt. Für ihn ist es ein über Jahrzehnte gewachsenes Gesamtwerk, das ihm erlaubt, ein wichtiges Thema in vielen unterschiedlichen Facetten und in großer Breite zu erzählen. Mehr als dreißig Jahre hat er Menschen begleitet, deren Alltag von Wind, Salz und Unsicherheit geprägt ist. Der Hannoveraner bezeichnet das Projekt als seine „Herzensangelegenheit“, weil es eine Spurensuche nach Berufsständen ist, die vielerorts verschwinden.

Seit Jahrhunderten prägen Fischer, Seetangsammler, Krabbenfänger oder Leuchtturmwärter die Küstenregionen der Welt. Mit ihren Ritualen, ihrer Musik, ihren Erzählungen und ihrer Sprache haben sie die Kultur der Meereslandschaften geformt. Gleichzeitig sichern sie mit ihrer Arbeit die Ernährung vieler Menschen: Etwa 20 Prozent des globalen Eiweißbedarfs stammen aus dem Meer. Doch die Rahmenbedingungen haben sich drastisch verändert. Klimawandel, die Verschmutzung der Ozeane und die industrielle Fischerei setzen den „Arbeitern des Meeres“ zu. Viele können von ihren Erträgen nicht mehr existieren. Was früher Grundlage der wirtschaftlichen Existenz einer Familie war, wird heute immer öfter nur noch im Nebenerwerb oder als gelebte Familientradition fortgeführt.
Bekannt wurde Rolf Nobel als Fotoreporter und Fotojournalist durch Reportagen in großen Zeitschriften. Schon während seines Studiums arbeitete er für die Gewerkschaftspresse, später veröffentlichte er zahlreiche Bildgeschichten in Magazinen wie „stern“, „Geo“, „mare“ etc. Im Jahr 2000 wurde er Professor für Fotografie, zunächst an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, wechselte jedoch noch im selben Jahr an die heutige Hochschule Hannover. Dort gründete und leitete er von 2008 bis 2018 das LUMIX Festival für jungen Fotojournalismus, das sich zu einer bedeutenden Plattform für dokumentarische Fotografie entwickelt hat. 2013 eröffnete er die Fotogalerie GAF in der Eisfabrik. 2016 wurde Rolf Nobel mit dem Dr.-Erich-Salomon-Preis ausgezeichnet, einem der renommiertesten Preise für Fotojournalismus in Deutschland.

Ein zentrales Ergebnis seines künstlerischen Schaffens ist der Bildband „Arbeiter des Meeres“. Er erschien 2025 im Verlag “Bildperlen” und vereint auf 320 Seiten die Vielfalt seiner Reportagen. Der Band gilt als eine Art Kompendium seiner fotografischen Spurensuche an den Küsten der Welt. Die Ausstellung in Schwerin präsentiert eine Auswahl dieser Bilder und Nobels Fotografien geben den „Arbeitern des Meeres“ ein Gesicht. Im Anschluss wird die Schau an weiteren Orten im In- und Ausland zu sehen sein.
Ergänzt wird die Präsentation durch ein begleitendes Programm. Nicht zufällig trägt Rolf Nobels Projekt „Arbeiter des Meeres“ den gleichen Titel wie das schriftstellerische Werk von Victor Hugo. Immer dienstags stellt um 18.30 Uhr Margrit Wischnewski im Kulturforum dem Publikum „Schätze aus der Literatur“ zum Thema „Meer“ vor. Eine perfekte Verbindung von Bild- und Wortwelten. Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr noch bis zum 25. Mai 2026 zu sehen.
Titel: Nach dem Fischzug kommt der Pferdefischer Günther Vanbleu mit einem Kollegen zurück an den Strand, um die Netze zu entleeren. Schon seit über 500 Jahren werden an der belgischen Nordseeküste Garnelen mit schweren Arbeitspferden gefischt. (Foto: @ Rolf Nobel)
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