In Lübecks Altstadt hat das Behnhaus nach dreijähriger Sanierung seine Pforten wieder geöffnet. Seit Anfang November präsentiert das Museum seine Schmuckstücke unter dem Titel „Von Caspar David Friedrich bis Edvard Munch“.
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Von Peter Scherrer
Das Lübecker Behnhaus ist Generationen von Kunstliebhabenden ein Begriff. Der Lübecker Arzt Dr. H. G. Behn kaufte das klassizistische Stadtpalais im Jahre 1823. Seine Nachkommen lebten hier bis 1920. Ein Jahr später wurde es zum „Behnhaus“ und beherbergt heute Kollektionen des Lübecker Museumsverbunds.
Die Sammlung des Hauses als Galerie des 19. Jahrhunderts und der klassischen Moderne umfasst insgesamt 1000 Gemälde, 12.000 Grafiken und 50.000 Fotos. In der neugestalteten Ausstellung werden davon etwa 90 Exponate präsentiert. Moderne Technik ergänzt den Erhalt der historischen Substanz. Das Nachbargebäude, das Drägerhaus, soll bis 2027 saniert sein. Gemeinsame Präsentationen sind nach kompletter Sanierung beider Häuser im Gespräch.



Die Ausstellung „Von Caspar David Friedrich bis Edvard Munch“ spannt einen Bogen von der Romantik zur Moderne. Die Werkschau ist in zahlreiche Kapitel gegliedert. Impressionisten (Max Liebermann), Vertreter der Nazarener (wie Friedrich Overbeck, geb. 1789 in Lübeck) sowie des Expressionismus (Max Pechstein) sind ebenso zu sehen wie Gemälde mit Lübecker Szenen von Lyonel Feininger und Oskar Kokoschka. Anfang des 20. Jahrhunderts besuchte der norwegische Maler Edvard Munch regelmäßig die Hansestadt. Er war Gast seines Lübecker Mäzens Dr. Max Linde. Etwa 50 Werke des bekannten Wegbereiters des Expressionismus beziehen sich auf Lübeck und sein Umland.


Neben den bekannten Namen der Malerei zeigt das Behnhaus aus der Region stammende, bedeutende Künstler aus Lübeck und Norddeutschland. Rudolph Suhrlandt, der aus Ludwigslust gebürtige Hofmaler und Lithograf, ist mit einem Porträt des Lübecker Bürgermeisters vertreten. Der Zeichner, Illustrator und Maler mit dem im Norden geläufigen Familiennamen Johann Friedrich Overbeck (1789-1869) prägte die von Rom aus wirkende Künstlergruppe der Nazarener. Der Lübecker Gotthardt Kuehl steht für den Expressionismus. Die Lübecker Maria Slavona und Albert Aereboe stellen sich mit impressionistischen Werken vor. Der in Bremen geborene Fritz Overbeck (1869-1909) rundet norddeutsche Positionen ab.
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Zwischen Dom und Trave verläuft die Hartengrube. Eine typische Straße in der Lübecker Altstadt. Alle Passanten sind geschäftig unterwegs. Das Gemälde seiner Heimatstadt belebt der Maler Heinrich Eduard Linde-Walther mit dem neugierigen und unverstellten Blick eines vorübergehenden Mädchens. Ebenso muss der Maler aufmerksam die Szene beobachten. „Die Hartengrube in Lübeck“, 1902, Öl auf Leinwand.

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Else Wex-Cleemann ist in Hamburg aufgewachsen. An der dortigen Kunstgewerbeschule studierte sie Zeichnen und setzte ihre künstlerische Bildung in Berlin fort. Mit ihrem Selbstbildnis „Eva“ in der Ausstellung vertreten. Die Vertreterin der Neuen Sachlichkeit malte das Ölbild 1937, orientierte sich bei der Maltechnik aber an Meistern des 19. Jahrhunderts. Die Aktdarstellung erinnert an Venusdarstellungen der Renaissance. Die gemalte Eva, die Künstlerin selbst, wendet sich schützend vom die Verführung symbolisierenden Apfel ab. Ihr Gemälde „Alte Fabrik“ wurde im gleichen Jahr von den Nationalsozialisten als „entartete Kunst“ beschlagnahmt, während ihr ganzfiguriges Porträt von Hermann Behme als SS-Standartenführer in der Großen Deutschen Kunstausstellung gezeigt wurde. Sie starb 1978 in Bad Oldesloe.
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Die Ausstellung verwebt weltweit bekannte Künstler*innen mit lokaler Identität in authentischen Räumen. Sie lässt Kunst im historischen Kontext erleben. Als klassizistisches Stadtpalais auf mittelalterlichen Fundamenten entstand 1783 das Wohnhaus an prominenter Lage in der Königstrasse. Der Weinhändler und spätere Bürgermeister Peter Hinrich Tesdorpf beauftragte den dänischen Architekten Joseph Christian Lillie mit dem Entwurf und den Umbauarbeiten. Das Haus selbst beeindruckt mit seiner Architektur und Atmosphäre. Die Privatgemächer des Hausherrn und der Hausherrin laden zu einem Blick ins bürgerliche Leben des 19. Jahrhunderts ein. Die Sanierungsarbeiten heben Details wie originale Parkettböden und Fresken hervor. Lübecks wohlhabende Kaufmannsgeschichte klingt an. Ein Gang durch beide – Ausstellung und Gemäuer – schafft bleibende historische Eindrücke.
Das Behnhaus in der Königsstrasse 9-11 ist dienstags – sonntags von 10:00 – 17:00 Uhr geöffnet, nächste öffentliche Führung am 4. Januar von 11:00 – 12:00 Uhr. Der reguläre Eintritt kostet 8 Euro.
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Titelfoto: Stehender weiblicher Akt von Wilhelm Lehmbruck, Steinguss 1921. Alle Fotos: @ Peter Scherrer

Peter Scherrer, gelernter Metallfacharbeiter, Historiker, Gewerkschafter und Europäer, lebt in Schwerin. Er arbeitet als freier Journalist und seit November 2024 gibt er den Kulturkompass-MV heraus.
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