Der Galerist Andreas Wittenburg spricht über die geplante Lesung mit Uwe Tellkamp in Güstrow
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Von Til Rohgalf
Der Kulturkompass-MV berichtete bereits kritisch über die geplante Lesung Uwe Tellkamps in der Galerie Kunst am Dom in Güstrow. Der Gastgeber der Lesung, der Galerist Andreas Wittenburg, erklärte sich bereit, über seine Motivationen und sein Verständnis von Uwe Tellkamps Werk im Lichte seiner politischen Aktivitäten zu sprechen.
In der Stadt Güstrow sei die Lage derzeit „ziemlich brisant“, wie Andreas Wittenburg mit Blick auf den „vielen Leerstand“ in der Stadt feststellt. Sein Engagement für die Lesung von Uwe Tellkamp entspringe der Sorge um die Belebung der Innenstadt, einem tieferen Wunsch nach kultureller Vitalität. Zwar bemühe sich die Stadt bereits mit dem Schloss, dem Barlach-Museen und verschiedenen Galerien, doch Andreas Wittenburg möchte einen Schritt weitergehen. „Was spricht dagegen, jemand überregional Bekanntes zu holen?“, fragt er rhetorisch. Sein Ziel sei es, einen „Beitrag zu leisten, Güstrow als Kulturstadt wieder ein bisschen bekannter zu machen“, damit die Menschen wieder wahrnehmen: „Da passiert was.“ Dahinter steht die Überzeugung eines Menschen, der sich dem Erhalt des städtischen Geistes verschrieben hat: „Die Kultur darf ja nicht untergehen.“
Für den Galeristen bilde bei dieser Einladung das literarische Werk den Mittelpunkt. Er betrachtet Tellkamp als ein „Unikat“, das die Dinge in seiner Betrachtung „sehr ausufernd beschrieben“ habe. Für den Galeristen steht fest: „Mir geht’s wirklich um literarische Aspekte und die sollten im Vordergrund stehen.“ Er vergleicht Tellkamp mit Marcel Proust und Thomas Mann, da auch dieser intensiv über die Zeit reflektiere und dabei oft reale Personen als Vorbilder nutze. Tellkamp sei in seinem Schreiben, ähnlich wie Proust, „auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.

Wittenburg möchte der Politik in seinen Räumen bewusst keinen Platz einräumen: „Ich werde garantiert nicht zulassen, dass hier heiteres oder nicht heiteres politisches Geplänkel entsteht. Diese Debatten möchte ich raushalten.“ Er wolle keine „politische Bühne bieten“, sondern sehen, was der Autor mit seinem Schreiben „bewirken“ wollte und was er an Erfahrungen „verarbeitet“ hat. Angemeldet hätten sich zu der bereits ausverkauften Lesung mitnichten Menschen, die unter dem Verdacht stünden, demokratiefeindliche oder extremistische Positionen zu vertreten.
Der Galerist Andreas Wittenburg (Foto: privat)
Doch die Hoffnung auf eine rein ästhetische Betrachtung stößt an eine Grenze, die der Gast, Uwe Tellkamp, selbst definiert hat. Wittenburg räumt im Gespräch ein, dass Tellkamp eine Form gewählt habe – nämlich die Literatur –, „um seine politischen Inhalte auch dort mit reflektierend einfließen zu lassen“. Damit werde der Autor selbst zum Bindeglied zwischen literarischer Reflexion und einer harten gesellschaftlichen Realität, die er in seinen Werken zunehmend unnachgiebig adressiert.
Diese Vermengung zeigt sich besonders in Tellkamps öffentlichem Auftreten. In der Diskussion wird immer wieder seine Nähe zu Motiven des neurechten Spektrums thematisiert, etwa sein Bild von „zentralgesteuerten Medien“, die einen engen „Meinungskorridor“ abbilden. Inhalte, die auch in seinem Werk “Der Schlaf in den Uhren” einen gewichtigen Raum einnehmen. Tellkamp selbst wehrt sich gegen den Vorwurf der „Kontaktschuld“, also der Kritik an seinen Verbindungen zu politisch umstrittenen Kreisen.
Mit seiner Kritik an den Medien und dem Staat trifft Tellkamp fraglos einen Nerv in der Region. Er selbst thematisiere einen in Teilen der ostdeutschen Bevölkerung vorzufindenden „Zorn“ und eine tiefe Skepsis gegenüber Themen wie dem „Gendern“, das den Bürgern „aufgedrückt“ werde, oder der Klima- und Energiepolitik. Diese Stimmung spiegelt sich auch in Teilen der politischen Landschaft Mecklenburg-Vorpommerns wider, wo die Skepsis gegenüber der Berliner Politik groß ist und die AfD hohe Umfragewerte erzielt. Wittenburg ist sich dieser Spannungen bewusst, verweist aber auch auf lokale Initiativen wie „Miteinander demokratisch leben in Güstrow“, die sich „klar positioniert für demokratische Prozesse, aber auch gegen die AfD“.
Der Galerist hält seinerseits an der Idee des Dialogs fest. Für ihn sei es ein demokratischer Prozess, auch schwierige Meinungen auszuhalten: Wer sich zu brisanten Themen äußere, müsse eben auch den daraus resultierenden „Gegenwind“ und die Konsequenzen akzeptieren. Wittenburgs Engagement für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die kulturelle Aufwertung Güstrows ist ehrenwert, kann es aber in diesem Fall der politischen Realität standhalten?
Während Wittenburg auf die „Abgeschlossenheit“ des Werks hofft – das Ideal, dass Kunst keine externen Erklärungen brauchen sollte –, nutzt Tellkamp seine Prominenz längst als Rahmen für den Einsatz des politisch-diskursiven Holzhammers. Sein Auftritt in der Dresdner Frauenkirche, in der er 2023 mit dem Autoren Lukas Rietzschel zum Thema Meinungsfreiheit diskutierte, zeigte dies deutlich: Dort entzog sich Tellkamp dem direkten Dialog zeitweise durch „kryptische Reime“ („Bist du Anti, Trans und Klima, dann grünst du richtig, geht’s dir prima“) und nutzte Begriffe wie „Nazi-Sprech“ oder „faschistisch“, um staatliche Maßnahmen und Medienkritik zu beschreiben. Tellkamp besetzt heute die Rolle eines Provokateurs, der anspricht, was offenbar eine zunehmende Zahl von Menschen – in Ost- wie in Westdeutschland – für eine legitime Weltsicht hält.
Wittenburgs Überzeugung, man könne die „Schärfe“ aus dem Abend nehmen, unterschätzt möglicherweise die Tatsache, dass Tellkamp die politische Agitation zum essentiellen Teil seines künstlerischen Selbstverständnisses erhoben hat. Fraglos wird der Abend mit Uwe Tellkamp eine Belastungsprobe für das vom Güstrower Galeristen buchstabierte Ideal des offenen Dialogs.
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