Sammlungen jüdischer Kunstsammler in Deutschland. Zwei Ausstellungen.
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Von Reinhard Kuhlmann
Am Beispiel geraubter Bilder und zerstörter Sammlungen jüdischer Kunstsammler widmen sich gegenwärtig zwei Museen der Herausforderung, etwas zu zeigen, das so und nicht mehr da existiert, wo es einmal war. Was geraubt, verschleppt, zerstört wurde, kann schlecht im Original präsentiert werden. „Vier Wände voller Kunst – Jüdische Familien und ihre Sammlungen in Leipzig“ heißt die Ausstellung im Leipziger Museum der bildenden Künste. Die Hamburger Werkschau „Von Monet bis Picasso – Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland“ präsentiert das Bucerius Kunst Forum.
In Hamburg stechen hervor Paul Cézanne und Lovis Corinth, Ferdinand Hodler und Ernst Ludwig Kirchner, inmitten von 100 Werken von Realismus bis zum Expressionismus und Neuer Sachlichkeit – die ganze Bandbreite des Aufbruchs in die Moderne in der Malerei. Durchaus von vergleichbarer Gediegenheit punktet Leipzig schon beim Eintritt mit Max Pechsteins hinreißendem „Bildnis in Rot“, nicht weniger mitreißend mit Max Liebermanns „Wäschetrocknen – Die Bleiche“.

Beide Ausstellungen machen aus der Not eine Tugend. Kenntnisreich und dramaturgisch gekonnt eingesetzt wird die Leere klug inszeniert, durch die weißen Flecke, die leeren Rahmen. Zusammen mit Beschreibungen und Analysen eröffnet sich ein Erlebnisraum – gerade auch im Zusammenspiel mit verbliebenen, wiederaufgefundenen oder wiedererlangten Schätzen der malerischen Moderne in Deutschland, gesammelt durch jüdische Mitbürger und Mitbürgerinnen. Beiden Ausstellungen gelingt es, den hohen kulturellen Sachverstand zu zeigen, mit dem private Sammlungen in jüdischen Familien in Deutschland aufgebaut wurden.
Jüdische Sammlungen waren herausragende Entdecker, Türöffner und Wegbegleiter der malerischen Moderne in Deutschland, sowohl ihrer französischen Wurzeln als auch ihrer deutschen Ausprägungen. Der künstlerische Sachverstand, der sich in diesen Sammlungen spiegelt, erstaunt und begeistert noch heute! Ob Leibl, Spitzweg, Klinger, ob Monet, Degas, Pissarro, van Gogh und Picasso: Eine faszinierende, weltoffene Bürgerlichkeit der Moderne überstrahlt die Leerstellen. Angesichts des vandalenhaften Beschmutzens des Bauhauses als „nichtdeutscher Irrweg“ ist dieses kulturelle Gesamterbe, an dem auch und besonders jüdische Mitbürger und Mitbürgerinnen prägend beteiligt sind, ein herausragendes Vermächtnis, eine herausfordernde Verpflichtung. Nicht vergessen: die von den Nazis so verhasste, angeblich jüdische Formensprache mobilisiert noch heute ihre Verächter.
Die Stärke der Leipziger Ausstellung „Vier Wände“ liegt in ihrer lokalen Fokussierung. Ausgehend von einer mehrjährigen Forschungsarbeit werden Sammlungen von elf jüdischen Leipziger Familien (u. a. Kirstein, Hinrichsen, Lilienfeld, Heine) vorgestellt. Die Arbeit des Provenienzforschungsteams des MdbK von Ulrike Saß, Lina Frubrich und Julia Beckmann ragt in ihrer Tiefe weit über die lokale Bedeutung hinaus. Vertrieben, geflüchtet, ausgelöscht, ermordet. Die schlimme Vergangenheit spiegelt sich in den Biographien der Familien und ihren Bildern. Ein Teil der Bilder aufgefunden und restituiert, andere verschollen, andere in ungeklärtem Rechtszustand, wieder andere verschleiert und versteckt, wieder andere in juristischen Auseinandersetzungen um Herausgabe und Restituierung.

Genau dieselben Herausforderungen prägen die Hamburger Schau. Sie wählt einen anderen, einen dezidiert überregionalen Ansatz. Sammlungen und Biographien von 15 Sammlerfamilien werden präsentiert und erläutert. Kathrin Baumstark (Direktorin des Bucerius Kunst Forums) und Stefan Koldehoff (Chefreporter des Deutschlandradios) haben die Ausstellung kuratiert und in detektivischer Arbeit die Sammlungen aus der Zeit vor 1945 rekonstruiert und deren heute weltweit verstreute Werke wieder zusammengeführt. Gezeigt wird auch schmerzhafte Leere – ungefüllte Rahmen (überwältigend viele bei der Familie Mendelssohn) befeuern Erinnern und Lehre. Die überregionale Aufstellung der Präsentation gibt einen guten Eindruck von der gesellschaftlichen Breite, von der umfassenden Verbreitung der Ausgrenzung, des Ausstoßens, des Beraubens jüdischer Familien im Deutschen Reich. Das Beschweigen wird in seinen Folgen greifbar. Die finstere Krake des Antisemitismus hatte die gesamte deutsche Gesellschaft fest im Griff. Stärken und Schwächen der beiden Ausstellungen ergänzen sich, sie sind konstruktiver Teil eines übergreifenden unvollendeten Projektes.
Ein Kunstgenuss sind die verbliebenen Bilder allemal. Hier wird vor Augen geführt, über welches reiche kulturelle Erbe wir gemeinsam verfügen. Der Umgang mit diesem Erbe entscheidet über unsere Zukunft: völkisch, national rückwärtsgewandt – oder selbstbewusst, weltoffen unserer Zukunft zugewandt.
Der Hamburger Katalog ist ein ausgezeichneter Beitrag zu dieser Debatte. Leider hat es bei der gleichfalls vorzüglichen Ausstellung in Leipzig hierzu nicht gelangt, aber ein vielseitiges Begleitprogramm (Konzerte, Performances, eine wissenschaftliche Tagung und ein digitaler Stadtrundgang) wird geboten.
Die rechtlich wie faktisch nach wie vor prekäre Lage bei Provenienz und Restitution ist ein heißes Pflaster. Verbissen wird gefochten – auch um die Absicherung unhaltbarer Ansprüche. Davon legt die Ausstellung durchaus angemessenes Zeugnis ab. Schwer zu ertragen sind jedoch die verstörenden Hinweise, dass Werke verschollen sind, möglicherweise unter privatem Verschluss. Bürgerliche Behaglichkeit und Raubkunst passen schlecht zusammen – sollte man meinen.
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