Contrapposto – was am Ende zählt!

Passend zur Eröffnung der neuen „Kompass Galerie“ in Schwerin kommt hier ein Buchtipp von unserer Literaturexpertin Manja Wittmann. Sie stellt einen im Juli erschienenen Künstlerroman der Extraklasse vor.

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Früh wird der 10-jährige Rob, genannt Cricket, von seinem liebevollen Großvater ermuntert, sein künstlerisches Zeichentalent zu entwickeln. Aufwachsend in prekären Verhältnissen im ländlichen Indiana mit einer alleinerziehenden Mutter und einem prügelnden Stiefvater ist Cricket zwar ein Außenseiter unter Gleichaltrigen, aber das macht ihm nicht viel aus. Bald spricht sich sein besonderes Können herum, und als die flippige, zwei Jahre ältere Olympia in sein Leben tritt und ihn braucht, um obszöne, kalligrafische Graffiti im Ort zu malen, fühlt er sich geehrt und verliebt sich sofort in sie. Dass er hier jemandem begegnet ist, die ihn sein ganzes Leben lang beeinflussen wird, ahnt er natürlich noch nicht.

In mehreren größeren Zeitsprüngen verfolgen wir nun die außergewöhnliche künstlerische und menschliche Entwicklung von Cricket und auch von Olympia. Die Leser*innen lernen genauso wie Cricket, die Welt mit anderen Augen zu sehen: Die Langsamkeit des andauernden Übens, bis ein Bild „stimmt“, die Proportionen der Modellsitzenden abzuschätzen und die Herausforderungen des Kunstmarktes zu verstehen. Cricket bleibt ein etwas sturer, eigenwilliger Künstler, dem Ruhm und Geld wenig bedeuten, während Olympia viel ehrgeiziger ist, als Kuratorin Berühmtheit erlangt und den geldgetriebenen Markt zu bedienen und zu manipulieren weiß. Sie geht wechselnde Liebschaften und Partnerschaften ein, erleidet Schicksalsschläge, hat aber ein ähnliches Durchhaltevermögen wie Cricket. Sie kehrt immer wieder unvorhersehbar in kurzen Intermezzi zu Cricket zurück, um mal wieder eine Nacht mit ihm zu verbringen. Die beiden verbindet ein enges Band über Jahre und auch Kontinente hinweg.

Dave Eggers, der mit dystopischen Tech-Romanen wie „The Circle“ und „Every“ als Bestsellerautor große Bekanntheit erlangte, hat sich hier ein vollkommen anderes Thema gesucht und die Handlung im vordigitalen Zeitalter platziert. Das wirkt einerseits altmodisch, gibt ihm aber die Möglichkeit, seinem Roman ein ganz eigenes, reduziertes Tempo zu geben.

Dave Eggers BookExpo America 2018, Javits Convention Center in New York City. (Foto: ©Rhododendrites, wikicommons)

Eggers hat Kunst studiert, und die dem Buch beigefügten Zeichnungen sind von ihm, könnten aber auch von Cricket sein. Dem Autor gelingt es, eine emotional glaubhafte, ganz eigenwillige Liebesgeschichte mit allem, was Kunst bedeutet, zu verweben. Stellenweise wirkt es etwas konstruiert, ist aber überaus unterhaltsam und auch lehrreich für jeden, der nicht Kunstgeschichte studiert hat. So wird das Leben als Künstler in allen denkbaren Facetten ausgebreitet und dem Schaffen anderer Konkurrenten gegenübergestellt. Man lernt sehr viel über künstlerische Begriffe (Contrapposto meint z.B. die Körperhaltung bei klassischen Statuen, bei der durch Standbein und Spielbein Spannung entsteht), der häufig stark kommerziell ausgerichtete Kunstmarkt wird dem idealistischen Cricket gegenübergestellt. Reiche Menschen, die von Kunst keine Ahnung haben, aber über Erfolg oder Misserfolg einzelner Künstler oder Galeristen große Macht haben, spielen eine Rolle. Genauso detailliert lässt uns Eggers teilhaben am Glücksgefühl seiner Hauptfiguren bei der Herstellung oder Betrachtung eines gelungenen Kunstwerks. Und schließlich ebenso an der Freude Crickets, sein lebenslang erworbenes Wissen über das Wesen der Kunst an andere Menschen weiterzugeben. Das ist es, was am Ende zählt.

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Contrapposto von Dave Eggers, Kiepenheuer & Witsch, deutsch von Andrea O’Brien, 496 S., 25 Euro

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Manja Wittmann, ehemals aus der Film- und Fernsehbranche, jetzt Buchhändlerin in München empfiehlt beim Kulturkompass-MV ihre aktuellen literarischen Favoriten, gerne auch von nord- und ostdeutschen Autor*innen.
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