Bilder palästinensischer Kinder und Jugendlicher in der Schweriner Ataraxia
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Von Til Rohgalf
Gäste müssen schon wissen, was sie suchen, um die etwas versteckte Ausstellung zu finden. Noch bis zum 24. Oktober sind in den drei Etagen der Kulturschule Ataraxia am Schweriner Pfaffenteich Gemälde und Zeichnungen des Projektes „HeArt of Gaza“ zu sehen. Veranstaltet wird die Schau von „Was jetzt?! e. V.“.
„HeART of Gaza“ ist eine Wanderausstellung mit Kunstwerken von Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren aus dem Gazastreifen. Initiiert wurde sie im Juni 2024 von Mohammed Timraz aus Deir al-Balah (Gaza) und der irischen Künstlerin Féile Butler aus Sligo.
Mohammed Timraz will kriegstraumatisierten Kindern in Gaza die Möglichkeit geben, die Schrecken des Krieges, von Gewalt und Tod zu verarbeiten. Ebenso sollen sie ihre Hoffnungen, ihre Fantasie und ihren Widerstand gegen eine feindselige Gegenwart ausdrücken können. Die Bilder sind in Zelten unter widrigen Umständen in einer flächendeckend zerstörten Region entstanden. In 300 Städten in 25 Ländern war die Ausstellung bereits zu sehen. In Deutschland wurde das Projekt kontrovers diskutiert und 2024 wurde sowohl in Erfurt als auch in Hamburg abgesagt.

Die Bilder, neben denen Portraitfotos der Künstler*innen zu sehen sind, zeigen eine große motivische Bandbreite. Die Künstler*innen beschreiben die Hintergründe ihrer Arbeiten eindrucksvoll, authentisch und manchmal poetisch: „Es trägt mich kopflos, seine Tragödie und sein Kummer bluten blaue Tränen, das Feuer und der Verlust vieler Leben, einschließlich meines eigenen“ (Qamar Timraz, 17 Jahre).
Besonders erschütternd und bedrückend ist das Bild der 3-jährigen Aysel Albana, die Menschen malt, die von blutenden Wunden übersät sind. Die Beteiligten visualisieren auch Erinnerungen an ihr Leben vor dem Krieg. Das sind Bilder eines unbeschwerten Alltages oder von der Schönheit eines Rosengartens. Sie erzählen von Kindheiten, die bis 2023 auch in diesem von Krisen geschüttelten Landstrich von Wünschen, Träumen, Hoffnung und kleinen Freuden geprägt waren. Die aus Rafah vertriebene Naheda Al-Baba (7 Jahre) schildert: „An einem Wintertag spielten meine Schwestern, meine Tante und ich im Regen. […]. Es waren Momente voller Freude und Lebendigkeit, die sich als die schönsten Tage unserer Kindheit in unser Gedächtnis eingebrannt haben.“

Als Kind und Jugendlicher im Gazastreifen aufzuwachsen, bedeutet seit Jahrzehnten das Leben in einem Ausnahmezustand, der von Abriegelung, Staatenlosigkeit, Armut, Perspektivlosigkeit, Hamas-Terror und israelischen Aggressionen geprägt ist. Seit Oktober 2023 sind es insbesondere Kinder, die unter dem israelischen Krieg gegen Gaza unbeschreibliches Leid erfahren. Diese Wirklichkeit widerspricht elementaren Menschenrechten: „Kinder haben das Recht auf Sicherheit, Bildung und ein Leben ohne Gewalt“, wie es im Begleittext zur Ausstellung heißt.
Mohammed Timraz und Féile Butler den Versuch der politischen Instrumentalisierung der beteiligten Kinder und Jugendliche zu unterstellen, wirkt zynisch: Die Kinderbilder lassen sich vor allem als Versuch lesen, aus der Position der stummen Opfer herauszutreten.
Durch das Sichtbarwerden der Kinder und Jugendlichen mit ihren eigenen Erlebnissen und Erinnerungen entfaltet sich eine Lesart der ethischen Unbedingtheit und Universalität, die an den Begriff der „unendlichen Verantwortung“ des litauisch-jüdischen Philosophen Emmanuel Levinas erinnert: „Le visage parle“ – das Gesicht meines Gegenübers spricht und verpflichtet mich durch seine Schutzlosigkeit zum ethischen Handeln, noch bevor ich es verstehe oder einordne. Bei dieser universellen Verpflichtung ist nicht zu unterscheiden zwischen dem „Antlitz“ eines Menschen in Gaza oder in einem überfallenen Kibbuz.
Es ist die Leistung dieser Ausstellung, dass die Beschreibungen und Kunstwerke der Kinder und Jugendlichen genau auf diese universelle Menschenwürde verweisen. Unter anderem in seinem Buch „Israel – eine Utopie“ greift der israelisch-deutsche Philosoph Omri Boehm zu diesem Thema Immanuel Kants Überlegungen zur biblischen Abraham-Geschichte auf. Dieser meint in seiner Schrift „Streit der Fakultäten“, Abraham hätte der göttlichen Stimme widersprechen müssen: Dass man den Sohn nicht töten dürfe, sei gewisser, als dass die Stimme von Gott komme. Boehm sieht darin ein Modell für die politische Praxis: Kein Befehl, auch kein vermeintlich höherer, darf moralische Grundsätze außer Kraft setzen.

Die Ausstellung ist für den Veranstalter, das „Was jetzt?!“-Netzwerk, auch Anlass, vom konkreten Konflikt abstrahierend grundsätzliche Fragen anzustoßen: „Wie kann Solidarität mit Kindern in Kriegsgebieten weltweit aussehen?“
Bei der intendierten universellen Wirkung des Gezeigten stört es, wenn in einem ausgestellten Bericht Mohammed Timraz mit dem Wort „Märtyrertod“ zitiert wird. Dieser Begriff ist seit Jahrzehnten und auch außerhalb radikaler Bewegungen wie der Hamas oder den islamistischen Dschihadist*innen Teil der palästinensischen Alltagssprache – in seiner religiösen wie auch säkularen Lesart. Aber: Die zumindest sprachliche Verklärung des Todes bedeutet hier auch, den Tod eines Menschen zum Symbol für eine Sache zu machen und den Menschen zum bloßen Mittel eines höheren Zieles zu degradieren. Eine sprachsensiblere Kurator*innentätigkeit seitens des Veranstalters wäre an dieser Stelle wünschenswert gewesen.
„HeArt of Gaza“ in Schwerin ist eine kleine und unscheinbare, aber beeindruckende Ausstellung, in der die sonst Verstummten in bewaffneten Konflikten sich einer Sprache universeller Menschlichkeit ermächtigen: „Früher streifte ich wie ein freier Vogel über die Wettkampfplätze. […] Nun hat der Krieg mir die Türen dieser Arena verschlossen. […] Ich habe nicht mehr die Möglichkeit, zurückzukehren, und der Krieg hat mir meinen Traum und meinen Platz geraubt“ (Ahad Abu Harb, 5 Jahre).
Gemälde von Qamar Timraz (Alle Fotos: Til Rohgalf)
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