Über Leben und Werk des Schweriner Künstlers Paul Goesch
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Von Til Rohgalf
Eine aktuelle Ausstellung des Kunstvereins für Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin widmet sich Paul Goeschs Werk mit einem architektonischen Schwerpunkt. Die Duoausstellung kontrastiert Goeschs Werk dialogisch mit Arbeiten des österreichischen Malers Matthias Noggler (*1990). Dessen reduzierte Bildsprache greift gezielt Motive und Bildtraditionen aus der Architekturgeschichte und der Moderne auf. Beide Künstler eint die Auseinandersetzung mit dem Spannungsfeld von räumlicher Ordnung und gesellschaftlichen Strukturen und Bedingungen.
Das Leben des Schweriner Architekten und Malers Paul Goesch ist von Tragik und Brüchen genauso geprägt wie durch visionäre Pläne: Seine schwere psychische Erkrankung führte ihn schon früh in psychiatrische Anstalten. Die produktiven Wirren der Zwischenkriegszeit ließen ihn an avantgardistischen Strömungen der Architektur teilhaben. In den 1920er Jahren schuf er ein breites bildnerisches Œuvre. Geboren wird Paul Goesch am 30. August 1885 in Schwerin. Seine Kindheit verbringt er hier und in Friedenau bei Berlin. Nach dem Architekturstudium arbeitet er als Regierungsbaumeister im westpreußischen Culm. Seinen ersten psychiatrischen Zusammenbruch erleidet er bereits 1909 noch während seines Studiums in Dresden. Eine psychotische Episode wirft ihn 1917 aus der Bahn, er wird eingewiesen und verbringt zwei Jahre in psychiatrischer Behandlung. Als er 1919 entlassen wird, ist er nicht mehr derselbe Mann – aber er trägt etwas mit sich, das die Kunstwelt jener Jahre elektrisiert: einen Blick, der sich nicht mehr um die Statik der Wirklichkeit schert.


Im Taumel der Revolution schlägt in Berlin auch die Stunde der Utopisten: Angewidert von der Grausamkeit des Krieges und voller Ideen zum idealen menschlichen Zusammenleben ruft der Stadtplaner und Architekt Bruno Taut den berühmt gewordenen Briefwechsel der „Gläsernen Kette“ ins Leben. Es ist eine Korrespondenz von Architekten, die einander visionäre Ideen zuschicken mit dem Ziel, aus den Trümmern des Kaiserreichs eine neue Welt zu errichten: gläserne, lichtdurchflutete und transzendent wirkende Bauentwürfe prägen diese Zusammenarbeit. Goesch ist unter dem Pseudonym „Tancred“ zusammen mit Walter Gropius, Wenzel Hablik und den Brüdern Luckhardt dabei. Bruno Taut druckt seine Arbeiten in der Zeitschrift „Frühlicht“. Nach Jahren des bauplanerischen Wirkens in Magdeburg verewigt sich Bruno Taut in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre in Berlin mit Großwohnprojekten wie der Hufeisensiedlung in Britz oder der Siedlung Schillerpark in Wedding.
Paul Goesch ist vom Visionär Bruno Taut begeistert und schließt sich dem von Taut nach dem 1. Weltkrieg gegründeten „Arbeitsrat für Kunst“ an. Sie wollen Ideen der Novemberrevolution in die künstlerische Arbeit übersetzen. Über ausgeführte Baupläne aus der Hand Goeschs ist nichts bekannt. Abseits der architektonischen Avantgarde erschafft Paul Goesch ungefähr 2000 erhaltene Werke – vor allem Aquarelle und Gouachen: schwebende Kirchenbauten, Kuppelfantasien, religiöse und mythologische Motive, häufig die Muttergottes. Goesch arbeitet mit kräftigen, leuchtenden Farben, setzt symmetrische, ornamentale Strukturen ein und schafft so einen Stil, der zwischen Expressionismus und Ikonenmalerei changiert.

1922 veröffentlichte der Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn sein einflussreiches Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ – Goeschs Werke sind enthalten. Es ist ein zweischneidiges Erbe: Einerseits verschafft es ihm bis heute einen Platz in der Kunstgeschichte, insbesondere im Kontext der “Art brut” oder “Outsider Art”, der ihm sonst vielleicht verwehrt geblieben wäre. Andererseits etikettiert es ihn – für die Nachwelt wie für seine Zeitgenoss*innen. Bereits Anfang der 1920er Jahre zieht sich Goesch nach Göttingen zurück. Hier leben seine Schwester und sein Schwager – selbst Psychiater und Leiter der Provinzial-Erziehungsanstalt Göttingen. Paul Goesch ist zeitweilig Patient in der benachbarten Heil- und Pflegeanstalt.
Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 ändert sich Paul Goeschs öffentliche Rezeption dramatisch: Was in den Zwanzigerjahren noch als faszinierender Grenzgänger zwischen Kunst und Psychiatrie gelesen wurde, wird 1937 zur „entarteten Kunst“ deklariert. Bereits seit 1935 lebt Goesch in der Landesheilanstalt Teupitz südlich von Berlin. Im Sommer 1940 ist er einer von über 70.000 Kranken und Menschen mit Behinderung, die im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ auf erschreckend bürokratische Weise ermordet werden. Von Ärzten, die nach 1945 in der Regel unbehelligt weiter praktizieren konnten – in der BRD wie in der DDR.
Paul Goesch wird am 22. August 1940, acht Tage vor seinem 55. Geburtstag, in der Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel vergast. Dass Paul Goeschs Werk nicht in Vergessenheit geraten ist, geht auf die Arbeit der Kunsthistorikerin Stefanie Poley zurück, die heute den “Freundeskreis Paul Goesch e. V.” in Köln leitet. Die größten Sammlungen finden sich heute in Berlin, Hamburg, Heidelberg, Mannheim und Montréal.
Zu sehen ist die Ausstellung im Schweriner E-Werk „Paul Goesch und Matthias Noggler“ noch bis zum 11. Oktober.

Titel: Architektonisches Ornament, Paul Goesch, um 1920, Feder in braun auf bräunlichem Transparentpapier, 32,1×26,6cm.
Alle Fotos: @ Peter Scherrer
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