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Von Wolfgang Kowalsky
Es ist ein großer Verdienst des Züricher Limmat Verlags, den über 100 Jahre alten Roman des frankophonen Schweizer Schriftstellers Charles-Ferdinand Ramuz in einer neuen Übersetzung herausgegeben zu haben. Vor dem Hintergrund eines Hitzesommers 1921 hatte Ramuz ein Jahr später einen Hitzekollaps der Erde mit abschließendem Sturz in die Sonne ausgemalt und dabei ließ er zahlreiche Einzelschicksale in eine nie dagewesene Katastrophe hineinschlittern. Dieser visionäre Klimaroman ist lesenswert, gerade in diesen heißen Sommertagen. Ähnlichkeiten mit heute sind frappierend.
Kaum ein Buch ist so aktuell wie dieses – daher ein kurzer Einblick in den Roman, sozusagen als Kostprobe: Es hatte keine Anzeichen gegeben, aber es wurde immer heißer. Die Politiker waren abgetaucht – niemand kommentierte die stetig zunehmende Hitze. Die meisten Menschen machten business as usual: so wenig Änderungen wie möglich, alles weitermachen, als wäre nichts. Viele sahen nichts außergewöhnliches: Hitzewellen hatte es immer wieder mal gegeben. Eine kleine Meldung aus Amerika besagte, dass das Gravitationssystem der Erde einen Unfall erlitten hatte. Einige bestritten mit Befremden diese „wissenschaftliche Erkenntnis“, andere behaupteten, nie davon gehört zu haben. Alles blieb zunächst ruhig, außergewöhnlich ruhig. Alles wird sterben, aber noch sah man nichts davon.
Außer der seit 3 Monaten anhaltenden Trockenheit hatte es keine Anzeichen gegeben. Es war Ende Juli, die Erde wurde rissig. Das Thermometer stieg auf 30, 32, 34 Grad. Es war auszuhalten, man lebte an einem See. Gemüse würde es wohl nicht mehr geben, aber der Wein würde richtig gut ausfallen. Keine Wölkchen am dauerhaft blauen Himmel. Es war wahr: Der Wasserdruck fiel. Aber das Wetter wurde nie wieder schlecht, heißer Wind stieß durch die offenstehenden Fenster.

Man ging zum See. Der Strand voller Menschen, Biere ragten aus Holzkübeln voller Eis. Dann verbreiteten sich diese Nachrichten, und die Redaktionen nahmen sie ungläubig auf. Doch alles ging seinen gewohnten Gang. Im Café, in der Bäckerei, im Supermarkt. Eine Frau fragte, haben Sie das gelesen? Nein. Sie las es vor. „Was geht mich das an?“, meinte die Nachbarin. Die Nachricht wurde mit Lächeln und Gleichgültigkeit aufgenommen. „Dummes Zeug“, meinte jemand: die Nachricht komme ja aus den USA, die Zeitungen hätten sich schlecht verkauft, daher die Gier, Sensationen in die Welt hinauszuposaunen.
Neu war der Gedanke, dass wir alle gleichzeitig sterben und nicht mehr jeder für sich. Der Bahnhof war voll, alle wollten in die Berge. Vor der Nationalbank hatte sich ein Polizeikordon in Stellung gebracht. Eine Verlautbarung der Regierung forderte auf, Ruhe zu bewahren. Gerade das machte jetzt Angst. Nun war es 43 Grad, alle zog es zum See. Der aber zog sich zurück und veralgte – es war, als wenn die Sonne mit einem Strohhalm den See leer trank. Doch dann schwoll der See wieder an, dank des Wassers, das aus den Gletschern kam. Man bewegte sich nur mit Mühe vorwärts, die wenigen Menschen blieben unter Bäumen stehen. Man erzählte sich, es seien Epidemien ausgebrochen, die Krankenhäuser seien überfüllt, Leute fielen mitten auf der Straße tot um. Die Züge fuhren nicht mehr. Überall wälzten die Leute sich nackt auf ihren Betten. Jemand meinte: „Ich habe die Welt zu sehr geliebt.“ Die Welt ging dahin, der Tod konnte kommen.
„Es wird nicht mehr bezahlt“, sagte einer und sie besetzten die Kneipe, fesselten den Wirt. Im oberen Stock schrie eine Frau, mehrere gingen hoch, sie schrie nicht mehr. Noch schöner als das Arbeiten war das Kaputtmachen, sie schlugen alles kurz und klein und zündeten es an. Aus der Stadt war das Geratter eines Gewehrs zu hören. Im Norden war der Himmel rot, der Güterbahnhof brannte, viel Rauch hing in der Luft. Häuser brannten, manche hatten Pistolen, Gewehre und plünderten die Banken. Auf allen Wegen waren bewaffnete Männer postiert. Überall trieben sich Banden herum, sie stahlen, zerstörten alles. Es gab viele Kranke, viele Tote. Die Sonne war riesig, dunkelrot. Nirgendwo eine Zuflucht. Sie tauchten den Kopf ins Wasser, keiner kümmerte sich um die, die um Hilfe riefen. Einige große Schiffe waren noch zum Nordpol gefahren, andere wollten immer höher hinaus, jenseits der Baumgrenze, um etwas Kühle zu erheischen. Weiter wollen wir nicht spoilern….

In seinem Heimatland Schweiz ist Ramuz ein historisches Monument, aber in Deutschland, selbst in Frankreich ist der Autor verkannt, ja nahezu unbekannt. 2005 hat die angesehene Pleiade Edition seine 22 Romane in zwei Bänden herausgebracht (mit 1840 und 1752 Seiten) und ihm damit höchste literarische Weihen verliehen – in der Pleiade Ausgabe finden sich als erster Band Baudelaire, gefolgt von Balzac, Victor Hugo, Marcel Proust, Sartre, aber auch Beckett, Hemingway und viele andere.
In seinem ausführlichen und instruktiven Nachwort weist der Übersetzer Steven Wyss darauf hin, dass das Buch bei Erscheinen keinen großen Erfolg hatte. Er verweist zurecht auf den besonderen Sprachstil, den schon Zeitgenossen hervorgehoben haben. Ramuz springt dauernd vom Präsens in die Vergangenheit und zurück, seine Sätze nehmen mündliche Sprache auf, oft mit Wiederholungen und Ellipsen. So entfaltet er ein bildliches mosaikartiges Szenenpanorama, in dem letzen Endes die Kohäsionskräfte der Zivilisation Platz lassen für einen Entzivilisierungsschub.
Das Buch zieht einen in seinen Bann. Gute Lektüre!
C.F. Ramuz, Sturz in die Sonne; Aus dem Französischen von Steven Wyss; Zürich, Limmat Verlag 2023, 192 Seiten, 26 Euro
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