Waldbaden mit Plastikdelfin und Kloß im Hals

Jenny Schäfers Kunst in Ahrenshoop

.

Von Til Rohgalf

„Solastalgie – Waldbaden mit Plastikdelfin“ ist der Titel einer Gruppenausstellung, die noch bis Ende August im Neuen Kunsthaus Ahrenshoop zu sehen ist. Solastalgie beschreibt eine Form von seelischem Schmerz oder Leid, die entsteht, wenn Menschen erleben, wie sich ihre vertraute Umwelt negativ verändert – während sie selbst noch dort leben.

Die Kuratorin Lorenza Kaib lud die drei Künstlerinnen Sophia Süßmilch, Jessica Arseneau und Jenny Schäfer dazu ein, sich der Frage zu nähern, wie wir als Menschen – angesichts von Klimakatastrophe und ökologischen Krisen – mit einer sich dramatisch wandelnden Welt interagieren. Entstanden sind Videoinstallationen, installative Arrangements, Künstlerinnenbücher und multimediale Werke.

Jenny Schäfer schilderte dem Kulturkompass MV, wie sie arbeitet, ihre eigenen „Solastalgie“-Erlebnisse und ihre Vorliebe für das Medium des Künstlerinnenbuchs.

Die bildende Künstlerin und Autorin, geboren 1985 in Kassel, lebt und arbeitet in Hamburg, wo sie im Künstlerhaus FRISE wirkt. Sie studierte Sonderpädagogik und an der HfbK* Hamburg Bildende Kunst mit Schwerpunkt Fotografie. In ihren Arbeiten verbindet sie Readymades, Found Footage und Fotografie. Ihre Werkgruppen setzen sich häufig aus Künstlerinnenbuch, Installation, Alltagsgegenständen und Objekten zusammen. Für ihren Text „Ein halbes Jahr Arbeit“ erhielt sie 2023 den Hamburger Literaturpreis.

Jenny Schäfer (Foto:@Maik Gräf)

.

„Für diese Ausstellung hat die Kuratorin, Lorenza Kaib, mich angeschrieben. Sie hat sich das Konzept für die Ausstellung überlegt und die Künstlerinnen danach ausgewählt. Lorenza Kaib hatte bereits einige Arbeiten auf meiner Webseite gesehen und die in Gesprächen auch vorgeschlagen“, erklärt Jenny Schäfer ihre Beteiligung an der Werkschau.

Jenny Schäfer griff auf bereits vorhandene Werke zurück und diese seien in einem „kooperativen Prozess“ mit der Kuratorin zu neuen Arbeiten weiterentwickelt worden. Für die Künstlerin eine ungewohnte Erfahrung: „Meine Projekte sind inhaltlich oft abgeschlossen. Lorenzas Sicht auf meine Arbeit hat jedoch dazu geführt, dass ich bestehende Denkstrukturen aufbrechen konnte und Bilder, Objekte und neue Keramiken miteinander verbinden konnte.“

Die ortsspezifische Umdeutung von Material spielte u.a. bei einer Installation mit Stoffbahnen aus Bettlaken eine Rolle, die Jenny Schäfer bereits in einer Ausstellung für die Kulturkirche in Bremerhaven nutzte: „Sie standen dort als Höhle und wurden nun übertragen auf die Strandmuschel. Grundsätzlich interessieren uns beide die unterschiedlichen Ästhetiken von Nostalgie. Dementsprechend kamen die Stoffe hier gut zusammen mit der Sehnsucht nach Kindheitserinnerung, Urlaub, Tourismus und dessen konsumistischen Ausprägungen und Folgen.“

Künstlerinnenbuch (Foto: ©Jenny Schäfer)

Ein wichtiges Medium in Jenny Schäfers Schaffen ist das Künstlerinnenbuch. Sie schätzt hieran das Uneindeutige, das Grenzen von Kunst und Nicht-Kunst bewusst infrage stellt: „Ab wann ist ein Künstlerinnenbuch ein solches oder kann es nur durch die Entscheidung der Künstlerin zu einem werden?“ Auch im erweiterten Erfahrungsraum konterkariert das Buch das klassische Ausstellungskonzept: „Die betrachtende Person nimmt das Objekt in die Hand, an einem Ort, der im Ausstellungsraum, aber auch Zuhause oder in einer Bibliothek sein kann, berührt es, fühlt die Haptik, öffnet es und mit jeder Seite öffnet sich ein neuer Raum, eine neue Gegenwart und eine neue Kommunikation zwischen Rezipient*in, Bild/Text/Buchseite, Künstler*in, Raum, Sinneseindrücken und Erinnerungen oder Assoziationen.“

In ihren Arbeiten verarbeitet Jenny Schäfer regelmäßig gesellschaftskritische Themen. Sie möchte ihre Kunst aber nicht als dezidiert „politisch“ oder „aktivistisch“ verstanden wissen: „Vielmehr reagiere ich mit meiner Kunst auf das, was ich erlebe, als Kind und auch als Erwachsene durch meine Sozialisation wahrnehme und bearbeite.“ Es gehe ihr in den in Ahrenshoop gezeigten Arbeiten nicht explizit um den Klimawandel oder um Umweltzerstörung, sondern vielmehr darum, nachzuspüren, wie „menschliches Handeln, das, verstrickt zwischen Bedürfnis und Bedarf, die sehr nahe Umwelt, aber auch die globale Struktur umformt“.

Diese Herangehensweise enthält eine gesellschaftlich-politische Dimension: Marginalisierte und von Armut betroffene Bevölkerungsgruppen sind in besonderem Maße von den Folgen der Klimakatastrophe und Umweltzerstörung betroffen. Sie machen überdurchschnittlich häufig die als „Solastalgie“ bezeichnete Verlusterfahrung. Diese „Abwertung durch Klassismus“ ist für Jenny Schäfer ein Thema, das sie in ihrer Arbeit wiederkehrend begleitet: „Mich interessieren Warenästhetiken, Dekorationsentscheidungen von Menschen und die dem Konsum inhärente Befriedigung. Personen, die einen gewissen Bildungsstand haben und die sich bestimmte Dinge leisten können, sei es der viel gefeierte und diskutierte Minimalismus oder die Entscheidung, nachhaltig zu leben, haben es erwiesenermaßen auch leichter, in ihrer ‚Klasse‘ zu bleiben oder gar aufzusteigen.“ Folglich würde Menschen, die sich oft, viel und günstig Dinge kaufen, um sich zu identifizieren oder zu verorten, ihr Geschmack abgesprochen und ihre ästhetische Haltung abgewertet. Jenny Schäfer nähert sich diesem Themenkomplex auf assoziative Weise – sie fotografiert, notiert, sammelt, stellt neue Kontexte her: „Ich versuche, Hierarchien zwischen den Dingen aufzulösen und einen Beobachtungsraum zu schaffen, der den Blick der Betrachtenden vielleicht herausfordert und zur Diskussion einlädt.“

Mit dem Erlebnis der „Solastalgie“ verbindet die Künstlerin ganz alltägliche, fast unscheinbare Beobachtungen in ihrem Wohnort Hamburg, an der Nord- und Ostsee: „Die Wunschvorstellung, in dieser Region frischen Fisch essen zu können, lokal geangelt und nachhaltig gefischt, entspricht ja schon viele Jahre nicht mehr der Lebensrealität von Fischern und Fischen, touristischen Plätzen und meinem eigenen minimalen, aber vorhandenen Fischkonsum.“

Jenny Schäfer sucht weder persönlich noch in ihrer Kunst, so betont sie, nach den großen Lösungen. Vielmehr seien es die Momente der Alltagsbewältigung, die es nur erlaubten, im Kleinen zu denken und zu handeln: „Und genau da sehe ich Möglichkeiten im Miteinander.“

Anregungen hierzu fand sie kürzlich in der Auseinandersetzung mit dem französisch-litauischen Philosophen Emmanuel Lévinas und seinem verantwortungsethischen Konzept der Asymmetrie der Beziehungen. Wir seien dem Anderen gegenüber unendlich verantwortlich, unabhängig davon, ob der Andere uns gegenüber genauso verantwortlich ist: “Die Verletzlichkeit des Menschen verpflichtet zu Verantwortung als Grundhaltung.”

Vielleicht ist es angesichts der Erfahrung der „Solastalgie“ nicht nur die Verletzlichkeit unseres Gegenübers, sondern der Welt und unseres Ökosystems, aus der eine individuelle Verantwortlichkeit für das Andere außerhalb von uns abzuleiten ist.

*Hochschule für bildende Künste Hamburg
Titelfoto: ©Jenny Schäfer
Die Ausstellung „SOLASTALGIE – Waldbaden mit Plastikdelfin“ im Neuen Kunsthaus Ahrenshoop ist noch bis zum







Til Rohgalf studierte Sonderpädagogik, Philosophie und Geschichte (M.A.), er ist im Schuldienst tätig, musikbegeistert und musikalisch aktiv. Ihn interessieren politische, kulturelle und geistesgeschichtliche Themen.

Sie möchten auf eine Veranstaltung aufmerksam machen?
Nutzen Sie unseren Event-Kalender: https://www.kulturkompass-mv.de/veranstalter/
Sie möchten ihre Meinung sagen? Mail an: info@kulturkompass-mv.de

Verwandte Beiträge