Willkür, Isolation und Monotonie

Schwerin – Szenische Lesung über Haft in deutschen Diktaturen

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Von Til Rohgalf

Mit “Schuldig – Haft am Demmlerplatz” premierte am Freitag eine ungewöhnliche szenische Lesung des Mecklenburgischen Staatstheaters im Schweriner Dokumentationszentrum der Opfer der Diktaturen in Deutschland. Unter Initiierung von Florian Gradnitzer, Leiter des Zentrums, entstand diese Produktion als gemeinsames Projekt von Theater, Dokumentationszentrum, der Landeszentrale für politische Bildung sowie Lehramtsstudierenden im Fach Geschichte der Uni Greifswald. Für die szenische Ausgestaltung zeigte sich Schauspieldramaturg Philip Klose verantwortlich. Aus dem gesammelten Material erstellte er die Fassung, wählte Orte und Wege, arrangierte und brachte die Szenen in einen Ablauf.

Ziel der Lesung ist die Dokumentation der bewegten Geschichte des ehemaligen MfS-Gefängnisses anhand von Berichten ehemaliger Inhaftierter.

Das Justizgebäude am Schweriner Demmlerplatz, 1916 als Gerichts- und Gefängniskomplex fertiggestellt, diente von Beginn an als Haftanstalt der lokalen Justiz. In der Weimarer Republik blieb es trotz politischer Umbrüche ein Ort für Untersuchungshaft. Die personelle Kontinuität der monarchistischen Beamten prägte die Haftbedingungen und Urteile in politischen Prozessen. 

Während der NS-Zeit diente das Justizgebäude am Schweriner Demmlerplatz der politischen Verfolgung. Sondergerichte verurteilten dort Regimegegner im Schnellverfahren ohne Berufung und das Gefängnis diente als Haftort. Hier wurden Zwangssterilisationen und Verfolgung jüdischer Bürger organisiert; ab 1939 stiegen Haftzahlen und Todesurteile stark an. Nach 1945 wurde es ein sowjetisches Untersuchungsgefängnis mit Masseninhaftierungen und Militärtribunalen, die auf weit gefassten „konterrevolutionären“ Vorwürfen urteilten. Von 1953 bis 1989 war es eine Stasi-Haftanstalt, vor allem für Republikflüchtlinge nahe der BRD-Grenze. Häftlinge litten unter Isolation, Verhören, Folter und psychischer Zermürbung.

Katrin Heinrich (Foto:© Silke Winkler)

Die Schauspieler*innen des Ensembles – Johann Born, Jochen Fahr, Christoph Götz, Katrin Heinrich, Julia Keiling, Sebastian Reck, Jonas Steglich und Antje Trautmann – lasen an diversen Orten des ehemaligen Zellentraktes aus den Quellen ehemaliger Inhaftierter. Die räumliche Enge (die Zuschauer*innen durchschritten auch aus diesem Grund in Gruppen dezentral das Gebäude) und die mit Geschichte gefüllte Unwirtlichkeit der ehemaligen Gefängnisräume machte dies zu einem intensiven Erlebnis: Die räumliche Distanz zwischen Schauspieler*innen und Publikum verschwindet notwendigerweise, wenn rund ein Dutzend Personen in einer Zelle steht. 

Christoph Götz (Foto:© Silke Winkler)

Die Auswahl der Erfahrungsberichte durch die mitwirkenden Studierenden – Fiete Acker, Maybritt Adolphi, Tommy Arndt, Hannah Sophie Bär, Moritz Herz, Lea Hitschler, Klemens Humburg, Svenja Kruse, Philipp Nowitzki, Malik Ouyahia, Jacob Zarmstorff – unter der Leitung von Dr. Martin Buchsteiner sowie das Textarrangement im Kontext von Ort und Ablauf durch Dramaturg Philip Klose sind dabei außerordentlich gelungen: Schmerzvoll und eindrücklich dokumentieren sie die unmenschlichen und zynischen Haftbedingungen, die das Ziel der psychischen Zerstörung der Häftlinge verfolgten. Das ausgewählte Quellenmaterial legt den Fokus auf Kontinuitäten, nicht auf Systembrüche. “Schuldig – Haft am Demmlerplatz” arbeitet somit das Gemeinsame von Unrechtsstaaten und totalitären Systemen heraus – die de-facto-Rechtlosigkeit des Individuums gegenüber dem Zugriff des Staates auf Leib und Leben und die Perfektionierung der totalen Überwachung; dessen, was Michel Foucault als den Panoptismus oder das Panopticon bezeichnete.

Durch die intelligente Auswahl und Anordnung, lassen die Berichte die Erkenntnis zu, dass sich an den Haftbedingungen mindestens zwischen 1933 und 1989 – unter der NS-Diktatur, der sowjetischen Besatzung und in der DDR – wenig verändert hatte.

Diese Erkenntnis – und das ist der Gegenwartsbezug der szenischen Lesung – lässt dann auch keinen Raum mehr für die nostalgische Verklärung der DDR-Diktatur, wie sie seit einigen Jahren ironischerweise von Rechtsaußen politisch aufgeladen wird. So liebäugelt der ostentative Wahlkampf auf der Simson in der thüringischen Provinz zuvorderst mit dem Autoritären des ehemals real existierenden Sozialismus.  “Schuldig” ist ein stummer Appell an die Verteidigung der Rechtsstaatlichkeit und freiheitlich-demokratischer Werte, für die wir alle Verantwortung tragen. 

“Schuldig“ ist ein gelungener Versuch des Lebendighaltens von Erinnerung, denn er ermöglicht eine intensive Auseinandersetzung mit der unheilvollen Rolle der Justiz in autoritären und totalitären Systemen. 

Titel: Julia Keiling, Jonas Steglich, Jochen Fahr (Foto:© Silke Winkler)
Nächste szenische Lesung „SCHULDIG – Haft am Demmlerplatz“ am Donnerstag, den 14. Mai. 2026 um 15:00 Uhr. Mehr dazu unter: Mecklenburgisches Staatstheater

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Til Rohgalf studierte Sonderpädagogik, Philosophie und Geschichte (M.A.), er ist im Schuldienst tätig, musikbegeistert und musikalisch aktiv. Ihn interessieren politische, kulturelle und geistesgeschichtliche Themen.
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