Reinhard Wulfhorst: Idylle und Vertreibung

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Von Matthias Lange

Blätter vom Baum des Lebens

Robert Kahn, 1865 im badischen Mannheim geboren und 1951 im englischen Biddenden in der Grafschaft Kent gestorben, war ein deutscher Komponist, dessen Leben und Werk selten im Mittelpunkt des Interesses stehen. Das zu ändern hat sich der Schweriner Verleger und Autor Reinhard Wulfhorst zum Ziel gesetzt. Und er tut das zunächst mit einem regionalen mecklenburgischen Bezug: Kahn hatte sich mit seiner Familie ein Haus in Feldberg im Osten Mecklenburgs gebaut, 1910 zunächst als Refugium und Kontrast zum großstädtischen Berliner Treiben, später, nach seiner Pensionierung als Kompositionsprofessor und in bald darauf zunehmender Isolation allen jüdischen Lebens in der Zeit des Nationalsozialismus als echter Zufluchtsort.

Doch belässt es Wulfhorst nicht bei diesem regionalgeschichtlichen Zugriff: Er zeichnet den Lebens- und Schaffensweg Kahns weit darüber hinausgehend nach, verwoben mit der späteren Feldberger Perspektive, versteht ihn aber in seinem Ausgangspunkt als Teil eines großbürgerlichen Netzes und Selbstverständnisses des jungen Kaiserreichs.

Begabung und Chancen gingen bei Kahn Hand in Hand: Lachner, Kiel, Brahms, Herzogenberg, Joachim, Clara Schumann – viel prominenter vernetzt, anerkannt, ermuntert, begleitet als Robert Kahn konnte man in den 1880er Jahren als junger Komponist nicht sein. Auch mit Blick auf die Weitergabe der auf diesem Weg erworbenen Güter an eine illustre Schülerschaft kann man einen ähnlichen Eindruck bekommen. Neben Günter Raphael und Leo Spies waren das instrumentale oder dirigentische Größen wie Wilhelm Kempff, Artur Rubinstein, Karl Klingler oder Ferdinand Leitner.

Eindrucksvoll gerät Wulfhorst die Darstellung des sozio-kulturellen Kontexts in Kahns „großer“ Berliner Zeit, mit Gerhart Hauptmann als einer zentralen Bezugsfigur. Auch hier könnte man, wie beim musikalischen Netz, in das Kahn eingewoben war, zum Namedropping versucht sein – Einstein oder Morgenstern müsste man hier neben anderen nennen. Doch soll das hier unterbleiben: Kahn war mit seiner Frau Teil der Gesellschaft.

Reinhard Wulfhorst belässt es aber nicht bei einer idealisierten Darstellung der älteren Verhältnisse. Er deutet kundig nicht erst den Antisemitismus des Nationalsozialismus, sondern beschreibt die „gläsernen Wände“ des Kaiserreichs, die schleichende Vergiftung des gesellschaftlichen Lebens auch den Juden gegenüber, die, wie Kahn selbst, sich in jeder Hinsicht, unbedingt auch unter Aufgabe ihrer Religionszugehörigkeit, zu assimilieren mehr als bereit waren. Er verwebt diesen grundsätzlichen Diskurs immer wieder klug mit der Betrachtung der Person Robert Kahns und dessen Lebensumstände. Er zeigt, dass Antisemitismus und persönliche Wertschätzung des jüdischen Gegenübers auf eine aus heutiger Sicht irritierende Weise Hand in Hand gehen konnten.

Später, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933, folgte rasch die Isolierung jüdischen Lebens aus allen Sphären. Kahn war als arrivierter, anerkannter, zu jener Zeit bereits pensionierter Kompositionsprofessor und Lehrer eine respektable Größe, Mitglied der Akademie der Künste, aus der er wie andere missliebige Mitglieder umstandslos ausgeschlossen werden sollte. Reinhard Wulfhorst beschreibt diesen Prozess, fein aus Dokumenten gearbeitet. Er demaskiert dabei die paragrafenliebende, rechtspositivistische Leidenschaft überzeugter Ideologen und versierter Schreibtischtäter – auch wenn, wie Wulfhorst in einem Anhang zeigt, das Geschehene selbst nach den moralisch und mit Blick auf ihren Gehalt ohnehin ausgehöhlten Standards der Verhältnisse der Jahre 1933/34 nicht rechtskonform abgelaufen sein mag. Zu persönlicher Anteilnahme ließ sich mancher der ehemaligen Weggefährten Kahns in der Akademie „hinreißen“, helfende Interventionen gab es nicht – wohl auch, weil sie einfach nicht möglich, zumindest nicht aussichtsreich oder ohne Risiko waren.

Wie in manch ähnlichem Fall folgte auf die offizielle Ausgrenzung auch die persönliche Entfremdung von einstmals Vertrauten. Bei den Kahns macht Wulfhorst das an der Distanz nachvollziehbar, die sich in den kommenden Jahren zu den Hauptmanns auftat.

Robert Kahn um 1909. (Foto: Staatsbibliothek Berlin)

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Person und musikalische Position

Im Jahr 1932 unternahm die Musikhistorikerin Irmgard Leux, tätig unter anderem am Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung und ehemalige Schülerin Kahns an der Berliner Musikhochschule, den Versuch, am Beispiel Robert Kahns und seiner Familie die Weitergabe der Musikalität zu untersuchen. Zwar wurde die Arbeit nie zu Ende geführt und sie mag aus heutiger Sicht auch einem fragwürdigen Ansatz folgen, doch ist durch den Austausch, der sich vorbereitend ergab, biografisches Material überliefert, das den Menschen Robert Kahn etwas systematischer beleuchtet. Reinhard Wulfhorst arbeitet das zu einem präzisen Bild aus. Demnach war Kahn warmherzig und von gewinnendem Wesen, reflektiert und klar, bescheiden und zunächst zurückhaltend, zugleich meinungsfreudig und urteilsbereit. Weitere Dokumente, Briefe und Berichte untersetzen dieses Bild eines seiner Familie wie seiner Kunst ergebenen Mannes.

Kompositorisch wird er gelegentlich als „romantischer Klassizist“ bezeichnet, in der Nachfolge von Mendelssohn, Schumann und Brahms. Kahn schuf keine der für die Zeit der Spätromantik typischen Großwerke – weder Sinfonien noch Opern finden sich in seinem Werkkatalog. Er bevorzugte intime Formen, kammermusikalische Gattungen, in denen es auf die feingesetzte Nuance ankommt, nicht auf die Wirkung vordergründiger Größe.

Seine ästhetische, der Kunst des 19. Jahrhunderts verpflichtete Position änderte sich auch unter dem Eindruck des aus seiner Sicht „zeitgenössischen Mumpitz“ à la Schönberg nicht. Zwar modernisierte auch Kahn seine Tonsprache in späteren Werken behutsam, doch blieb er seinen Wurzeln treu – ein Weg, der für manch anderen Komponisten seiner Generation ähnlich beschrieben werden könnte und der eine Erklärung dafür liefert, warum Kahns Musik auch nach dem rabiaten Traditionsabbruch jüdischer Kunstentfaltung durch die Nationalsozialisten nicht wieder in den Fokus rückte: Sie trug nicht das in sich, was man nach 1945 als im Sinne von Modernität relevant bezeichnet hätte.

Kahn war ein meisterlicher Handwerker, dessen perfekte, an vielen Vorbildern geschulte Kompositionstechnik Grundlage für seinen individuellen Ausdruckswillen war. Seine späteren, in den 1920er Jahren entstandenen Werke wurden nicht mehr gedruckt: Zu viele Bedingungen im wirtschaftlichen und künstlerischen Umfeld der Zeit hatten sich verändert, andere kompositorische Sterne gingen auf. Jedenfalls sind, so deutet es auch Wulfhorst an, keine qualitativ-künstlerischen Gründe in den Werken selbst dafür erkennbar. Schließlich schuf Kahn in den Jahren ab 1935 und Stück für Stück bis 1949, auch für sich selbst beinahe unvermutet, sein opus magnum in schwerer Zeit – das „Tagebuch in Tönen“, das über die Jahre auf insgesamt 1160 Stücke anwuchs. Kahn selbst sah es als sein bedeutendstes. Und es war ihm seelischer Rettungsanker in Zeiten größter persönlicher Herausforderung. Kahn selbst nannte diesen Zyklus auch „Blätter vom Baum des Lebens“.

Haus Obdach in Feldberg

Robert Kahn sehnte sich mit seiner Familie in der turbulenten Mitte seines Lebens nach einem Rückzugsort, der Erfrischung und Erholung, auch ungestörtes Arbeiten an seinen Kompositionen und dazu vielfältige Begegnungen mit Freunden möglich machen sollte. Ein „einfaches kleines Landhäuschen“ sollte es sein. Die Kahns fanden ein ideales Grundstück auf dem Gebiet der Gemeinde Feldberg in der malerischen Seenlandschaft des südöstlichen Mecklenburg, per Zug erstaunlich schnell von Berlin aus zu erreichen. Das vermeintliche Landhäuschen, das sich die Kahns dann bauten, glich einer großbürgerlichen Villa mit 480 Quadratmetern Wohnfläche und einem Hektar Grundstück. Dabei war Kahns Frau Katharina die Person voller Tatkraft, die das Projekt voranbrachte und für dessen Gelingen die Hauptverantwortung trug. Die Feldberger Villa wurde das gewünschte Refugium, der gastliche Musenort, auf natürliche Weise Teil der mecklenburgisch-strelitzschen Landschaft wie zugleich Treffpunkt großzügiger und international vernetzter Künstlerschaft: Das Gästebuch birgt manchen Schatz.

Nach 1933 wurde das Haus Obdach, wie die Kahns es genannt hatten, ein Ort erzwungener innerer Emigration, auch stärker weltabgewandter Künstlerschaft. Reinhard Wulfhorst beschreibt auch diese Phase vor dem Novemberpogrom 1938 eindringlich, skizziert das Leben in diesem weitgehend isolierten jüdischen Haushalt sehr dicht, arbeitet klug aus privat überlieferten Dokumenten – biografisch relevant und immer in die allgemeinen Entwicklungen der Zeit eingebettet. Auch eine Intervention des ehemaligen Kahn-Schülers Wilhelm Kempff, dessen Position in der Zeit des Nationalsozialismus als mindestens ambivalent beschrieben werden muss, wird hier herausgearbeitet. Schließlich der erzwungene Verkauf von Haus Obdach und die damit verbundene wirtschaftliche Ausplünderung der Familie Kahn: Hier teilten sie das Schicksal so vieler jüdischer Menschen im Deutschland jener Jahre – auch das verbunden mit perfiden Mechanismen im Sinne einer scheinbar rechtlich einwandfreien Preisfindung. Lokale Akteure mit eigenen Interessen hatten hier durchaus Spielräume und nutzten sie schließlich zu ihrem Vorteil – die vom Feldberger Bürgermeister gewünschte Übernahme der Villa durch den Jugendherbergsverband gelang.

Die wirtschaftliche Situation der Kahns hatte sich schließlich so verschlechtert, dass sie, als sie – der Komponist selbst war zu diesem Zeitpunkt Mitte siebzig – in England ankamen, „arm wie die Kirchenmäuse“ waren, so Robert Kahn in einer Nachricht an Wilhelm Kempff. Unterstützung erhielten sie unter anderem von amerikanischer Verwandtschaft, waren dankbar für die unmittelbare Rettung, gerieten aber doch in zunehmende Isolation und zogen sich immer weiter zurück.

Weit mehr als Regionalgeschichte

Es ist vermutlich richtig: Die Familie Kahn hatte nicht erst in der Zeit nach 1933 nur sehr wenige unmittelbare Kontakte nach Feldberg, zu den Menschen der unmittelbaren Umgebung. Dennoch scheint dieser regionale Anknüpfungspunkt von Belang. Doch geht die Bedeutung des Buchs weit darüber hinaus: Zunächst hat Reinhard Wulfhorst einen wichtigen Impuls zur Kahn-Biografik geliefert – das Buch ist quellensatt gearbeitet, hier trifft das sonst gelegentlich abgegriffen wirkende Wort zu. Der Autor hat sich intensiv und kleinteilig in das Zugängliche vertieft, die Quellen in Perspektive gestellt, kritisch eingeordnet und kundig befragt: Lebendige historische Arbeit, die weit über das Beispiel und den vordergründigen regionalen Bezug hinausweist. Dazu ist die Publikation in reichem Maße mit Bilddokumenten versehen, außerdem mit Faksimiles von Notenhandschriften oder Briefen. Die Beschreibung der ausgewerteten Archive und Privatdokumente ist einsichtsvoll und erhellend: Die oft herangezogene Feldberger Grundstücksakte ist dank kreativer Aktenführung der seinerzeitigen Stadtverwaltung eine erstrangige Fundgrube für den Forscher. Sorgfältige Verzeichnisse und Nachweise, die die auch stilistisch souverän gehaltene Lektüre zu einem Vergnügen machen und Vertiefung in vielerlei Richtungen jederzeit erlauben, runden das Bild.

Musikwissenschaftler Reinhard Wulfhorst (Foto: Peter Scherrer)

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Schließlich hat das Buch generelle Qualitäten: Es beschreibt am Beispiel Robert Kahns und seiner Familie die nationalsozialistische Politik gegenüber der jüdischen Bevölkerung, deren vielschichtige „Normalität“ den Autor – und mit ihm den Leser – erschüttert und, wie er in einem persönlichen Nachwort schildert, mit Blick auf damals und heute den Schreck in die Glieder fahren ließ. Das lässt sich lesend in diesem mitreißenden biografischen Stück nachvollziehen.

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Reinhard Wulfhorst: Idylle und Vertreibung. Der Komponist Robert Kahn in Feldberg (Mecklenburg) 1910 bis 1939. Edition Massonneau. Schwerin 2026
Hier geht es zum Podcast mit musikalischen Kostproben von Robert Kahn und Reinhard Wulfhorst im Gespräch mit dem Kulturkompass 

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Matthias Lange ist Historiker, Politik- und Musikwissenschaftler, liest einiges, hört manchmal Musik, schreibt über beides, auch für den Kulturkompass MV.
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