Szczecin: Retrospektive systemkritischer polnischer und deutscher Künstlerinnen in der Galerie „Trafo”
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Von Til Rohgalf
Unter dem Titel „Sny Kobiet / Frauenträume” zeigt die Galerie „Trafo” Arbeiten von Künstlerinnen aus der DDR und der Volksrepublik Polen, die in den 1980er Jahren entstanden. Eine Begegnung, die im Entstehungszeitraum der Werke unmöglich gewesen wäre. Mit dem Aufkommen der Solidarność-Bewegung rief Anfang des Jahrzehnts die polnische Regierung das Kriegsrecht aus. Die Grenzen zum „Bruderstaat” DDR wurden geschlossen. Verschärfte politische Repressionen, der andauernde materielle Mangel auch für die künstlerische Arbeit und zunehmende Hoffnungslosigkeit prägten die Kunstszene auf beiden Seiten der Grenze. Es blieben für systemkritische Künstler*innen die „innere Emigration”, die Flucht oder Ausreise ins Ausland – oder der radikale Weg der Arbeit im Untergrund.

Die in Szczecin ausgestellten Künstlerinnen – Tina Bara, Izabella Gustowska, Ewa Partum, Cornelia Schleime, Christine Schlegel, Gabriele Stötzer, Ewa Zarzycka und die Künstlerinnengruppe Erfurt – wählten diesen dritten Weg. Sie suchten nach neuen künstlerischen Ausdrucksmitteln, mit denen sie in Radikalopposition zu bestehenden Machtstrukturen gingen. Unter ständiger Beobachtung von Stasi und dem polnischen Pendant, der Służba Bezpieczeństwa.
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Die Kulturpolitik beider Länder, Polens und der DDR, war dabei durchaus unterschiedlich: In der DDR herrschte die ästhetische Doktrin des Sozialistischen Realismus vor. Stilistische Abweichungen gingen mit massiven Repressionen bis zu einem faktischen Berufsverbot einher. In Polen konnte sich dagegen eine Kunstszene entwickeln, die zumindest teilweise von sozialistischen Idealen abwich – auch wenn Versuche der Zensur gängig waren. Besonders normativ wirkten in dem tief katholisch geprägten, damals prüden Land dagegen religiöse Überzeugungen und die gesellschaftliche Macht der Kirche. Beide Gesellschaften waren stark patriarchalisch geprägt, eine dezidiert feministische Kunst war so per se widerständig und systemkritisch.
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In ihrer künstlerischen Tätigkeit sollte für die Untergrund-Künstlerinnen sowohl in Polen als auch in der DDR das Motiv der “Schwesternschaft” leitend sein. Dies bedeutete die gemeinsame Arbeit im Rahmen von Initiativen, Gründungen unabhängiger Galerien oder der Organisation alternativer Kunstausstellungen. Der Bruch mit der Tradition führte auch zu Arbeiten mit alternativen Medien wie Performances, 8-mm-Filmen, der Produktion von Zines und Collagen. Als Produktions- und Drehorte mussten Hinterhöfe, Dächer, Kirchen oder verlassene Höfe herhalten.

Ein erkennbarer Fokus lag auf dem Selbstporträt, der Arbeit mit dem eigenen Körper. Sie wollten, dass die politischen und gesellschaftlichen Repressionen, denen sie als Frauen unterworfen waren, gleichzeitig aber auch die Absurditäten der sozialistischen Systeme offengelegt werden. So zeigt Cornelia Schleime in ihrem Super-8-Film „Unter weißen Tüchern” in surrealer Weise das mumienhafte Gefangensein weiblicher Figuren. Dies geht einher mit der Klaustrophobie und Ausweglosigkeit gesellschaftlicher Konventionen, in der die Protagonistin ihrer Selbstbestimmungsrechte beraubt und objektiviert von Männern in Bewegung gesetzt wird.
Mit politischer Repression, dem Widerstand gegen den Sozialismus und der systemimmanenten Unterordnung von Frauen setzt sich Gabriele Stötzer in ihren fotografischen Tableaus und einem Künstlerbuch auseinander. Die von Stötzer fotografierten Modelle eint der Versuch, die Autonomie über den eigenen Körper wiederzuerlangen. Sie selbst verbrachte ein Jahr aus politischen Gründen im Gefängnis. Stötzer war auch musikalisch in der Punkszene aktiv – ein Hinweis auf die tiefe Verwurzelung der dissidenten DDR-Kunst von Frauen in dieser Szene. Auch Cornelia Schleime war einige Jahre Sängerin der Punkband „Zwitschermaschine”.
Für die polnischen Künstlerinnen wie Izabella Gustowska, Ewa Partum oder Ewa Zarzycka stellte dagegen die avantgardistische Tradition einen wichtigen Referenzpunkt dar.
Neben den in den 1980ern entstandenen Werken finden sich auch ausgewählte aktuellere Stücke der Künstlerinnen.
Dass mit der behutsamen Einbindung aktuellerer Werke Brücken in die Gegenwart geschlagen werden, tut der Ausstellung gut. Auch wenn die künstlerische Sprache sich verändert hat – auch wenn viel Symbolik der Werke aus heutiger Sicht allzu leicht dechiffrierbar und anachronistisch anmuten mögen: weder der Kampf gegen patriarchale Machtstrukturen noch der Einsatz für Demokratie und Selbstbestimmung haben gegenwärtig an Bedeutung verloren. Welchen Einfluss dabei Kunst spielen kann, berichten die gezeigten Künstlerinnen mit ihren Werken und Biographien.
„Sny Kobiet / Frauenträume” ist noch bis zum 17.05. in der Galerie „Trafo” zu sehen.
Alle Fotos: @ Til Rohgalf
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