Andrej Becker in Boizenburg
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Von Susanne Scherrer
Andrej Beckers hoch entwickelte Malkunst auf den Punkt zu bringen ist nicht ganz einfach. Eine Handschrift ist bald zu erkennen, aber was macht sie aus? Dies lässt sich in den nächsten Monaten jeweils an Sonntagnachmittagen im Kunstspeicher in Boizenburg erforschen. Ein knallfarbener Hingucker im Eingangsbereich lockt Interessierte an: Das großformatige Bild zeigt ein Mädchen in einem orangeroten Sommerkleid, das bäuchlings auf einer gelbgrünen, sonnigen Blumenwiese zu schweben scheint. Sie trägt einen großen runden Strohhut, stützt den Kopf in die Hände und betrachtet konzentriert die im wilden Grün kaum auszumachenden weißgrauen Pusteblumen. So auch der Titel des Bildes: Pusteblumen. Faszinierend wirkt das feine Schattenspiel in ihrem Gesicht, wo sich Orange und Weißgrau wiederfinden.
Andrej Becker wählt vorwiegend gegenständliche Motive, Landschaften, Straßenzüge und Stillleben. Aber auch Personen, oft Kinder wecken sein Interesse. Ein Blick in seinen Werkkatalog zeigt, dass er Porträts mag und damit beauftragt wird. Religiöse Motive lassen ein intensives Bibelstudium erahnen. Oft, und das weist auf seine nordische Herkunft hin, vertieft er sich in Schneelandschaften, lässt diese in warmen und lichten Tönen erstrahlen.



Der Künstler Andrej Becker erhielt eine profunde Ausbildung an namhaften russischen Akademien, wie seine technische Meisterschaft beweist. Seine Figuren verraten, dass er sich obendrein intensiv mit Grafik und Bildhauerei beschäftigt hat. Er bevorzugt kantige Gesichtsformen, die nicht zu abstrakt wirken. Wimpern malt er oft als kreuz und quer über die Augen gelegte Striche, die die Pupillen fast verdecken. Die Körper sind ebenfalls eckig, die einzelnen Körperteile aneinandergefügt, manchmal verrenkt, Proportionen und Perspektive verfremdet. Das kennzeichnet auch seine Stillleben, die aus wie zufällig arrangierten Objekten komponiert sind.

Figuren wie die Laute spielende, verführerische Muse Erato sind weicher gezeichnet. Der rosige Hauch auf ihrer Wange lenkt den betrachtenden Blick diagonal nach unten auf ihre sich scheinbar nebenbei offenbarende rosafarbene Brustwarze. Ihre Augen sind jedoch abgewandt, ihr Blick ist nach innen gekehrt.
Daneben gibt es Figuren, oft Kinder, die in den hellen Kleidern der Bürgerlichen oder Adeligen aus dem 19. Jahrhundert auftreten. Fast fotorealistisch erschafft sie Andrej Becker neu. Einige Stillleben aus Trauben und Früchten, auch Blumenarrangements wirken wie frische Interpretationen holländischer Meisterwerke aus dem 17. Jahrhundert.
Der Künstler variiert seine Motive. Erato hat eine Schwester, Mandoline. Auch Sammlerwünsche werden berücksichtigt, aber seine Konzessionen an Vorlieben Anderer halten sich in Grenzen. Er verfügt einfach über sehr viele malerische Möglichkeiten sich auszudrücken.
(Links: Erato, 108×41 cm, Öl auf Holz, 2020).
Andrej Becker malt fast ausschließlich in Öl, auf Leinwand oder Holz, und dafür muss man ihm dankbar sein. Acryl, Wasserfarben oder Sprühdosen gehören eher nicht in sein Repertoire. Ölfarben müssen es sein, die Zeit und Geduld beanspruchen und mit starken Farben und zart glänzenden Oberflächen punkten. Rot und Blau in allen Abstufungen dominieren, sie werden von feinen Weiß-, Grau- und Ockertönen zum Leuchten gebracht.
Trotz der kräftigen Farben wirken die ausgestellten Bilder alles andere als plakativ oder dramatisch. Der introvertierte Künstler erfasst Stimmungen, nicht heiter, nicht melancholisch, eher kontemplativ, versunken, manchmal schwer zu ergründen. Diese Ambiguität im Ausdruck verleiht seinen Werken eine Zeiten überdauernde Schönheit.
Andrej Becker stammt aus St. Petersburg und lebt mit seiner Frau Lidja seit über 25 Jahren in Lüneburg. Ihrer beider Leben dreht sich um das Werk des Künstlers.

Lidja Becker managt das alles, das Arbeiten im Atelier, die Wohnung, die Ausstellungen, Kontakte zu Interessenten und Sammlern, sowie im Hintergrund die materielle Basis. Der Maler scheut sich eine Sprache zu benutzen, in der er sich nur unvollständig ausdrücken kann. Er möchte seine Bilder sprechen lassen.
So ist Lidja Becker, die perfekt Deutsch spricht, auch seine deutsche Stimme. Sie erfasst sofort, was er sagt oder sagen möchte, und sucht seinen Sätzen und seinen Gedanken einfühlend und behutsam Ausdruck zu geben. Die beiden bilden eine eindrucksvoll sich ergänzende, der Kunst gewidmete Gemeinschaft.
Foto: Andrej und Lidja Becker
Die Ausstellung „Malerei zwischen Tradition und Gegenwart” im Kunstspeicher Boizenburg, Königstr.1, wird voraussichtlich jeden Sonntag bis Mitte Mai geöffnet sein. Weitere Informationen unter Andrej Becker
Titel: Pusteblumen, 100×120 cm, Öl auf Leinwand, 2018. (Alle Fotos: @Peter Scherrer)
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