Die Katze in der Diktatoren-Villa

Videoarbeiten von Adriana Ramić im Kunstverein in Schwerin

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Von Til Rohgalf

Adriana Ramić beschäftigt sich in ihren multimedialen Installationen mit Fragen der Identität, auch vor ihrem eigenen transkulturellen Hintergrund, und dekonstruiert ein Weltbild, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt – den Antropozentrismus. Die Künstlerin Adriana Ramić ist 1989 in Chicago geboren. Sie hat bosnische und polnische Wurzeln, und sie lebt und arbeitet sowohl in den USA als auch in Europa. Ihre erste Einzelausstellung in Deutschland ist nun im Kunstverein für Mecklenburg und Vorpommern in Schwerin zu sehen. 

In Schwerin präsentiert sie eine neu konzipierte Videoinstallation mit dem Titel Oursa and Ljudmila. Bei Oursa und Ljudmila handelt es sich um zwei Katzen, die in den Videosequenzen begleitet werden. Besonders für die Installation sind die beiden historischen und geografischen Kontexte, die die Tiere ihr Zuhause nennen dürfen: Oursa bewohnt als derzeit einzige langfristige Bewohnerin das ehemalige Wohnhaus des albanischen Diktators Enver Hoxha. Die 1973 errichtete Villa wird mittlerweile als Künstler*innenresidenz und Kulturzentrum genutzt. Aus der beobachtenden Perspektive ist die Zielstrebigkeit kaum nachvollziehbar, mit der sich Oursa durch dieses Artefakt einer autoritären Vergangenheit bewegt, während sie im Garten Vögel, Mäuse oder Eidechsen jagt.

Die Videoaufnahmen der Katze Ljudmila sind bereits 2021 entstanden und gehören zu Adriana Ramićs frühesten Videoarbeiten. Sie sind in der Nähe des Bileća-Sees im Südosten Bosnien-Herzegowinas entstanden. Als der See zum Zweck der Stromerzeugung künstlich entstand, wurden altrömische Villen und weitere Überreste überflutet. In den Sommermonaten, bei niedrigem Wasserstand, werden die Ruinen freigelegt. Aufnahmen der umherstreifenden Ljudmila inmitten dieser unwirklichen Landschaft werden in der Arbeit stetig mit Aufnahmen anderer historisch bedeutsamer Orte in Bosnien und Herzegowina verwoben.

Für die Präsentation der Videoarbeiten wählte Adriana Ramić ein ungewöhnliches Setting. Die Beamer projizieren auf verspiegelte Raumelemente auf dem Boden, wodurch die Bilder mit der Umgebung und auch mit den Betrachtenden in Beziehung treten und punktuell verschmelzen. Die beidseitige und komplexe Beziehung von Mensch und Umwelt zieht sich wie ein roter Faden durch das Schaffen der Künstlerin. Dabei interessiert sie sich insbesondere für die Grenzbereiche des (menschlichen) Verstehens und mithin für das Hinterfragen eines anthropozentrischen Blick auf die Welt. Früher arbeitete sie dafür viel mit Computer- und KI-Systemen, mittlerweile filmt sie vor allem lebende Wesen – Katzen oder – wie in anderen Arbeiten – Käfer. Eine zentrale Frage dahinter ist: Können wir wirklich verstehen, wie andere Lebewesen die Welt erleben?

Bei aller Offenheit, die Ramićs Arbeit zulässt, zeigt ihre Videoinstallation in Schwerin eine Realität, in der Bedeutung nicht einfach feststeht, sondern erst entsteht. Wenn Oursa durch die Villa Hoxha streift, begegnet hier nicht nur eine Katze einem historisch aufgeladenen Ort. Vielmehr verändert diese Begegnung beide Seiten: Die Villa wird für Oursa zu einem Lebensraum, zu einem Ort, an dem sie sich bewegt, jagt, döst. Und Oursa wiederum wird erst durch diesen Ort zu der Figur, die wir als Betrachter*innen wahrnehmen.

Was für die Betrachter*innen der Videosequenzen aus der Hoxha-Villa mit Geschichte, Erinnerung und vielleicht auch einem mulmigen Gefühl verbunden ist, spielt für die Katze keine Rolle. Sie nimmt den Ort nicht als Symbol wahr, sondern als konkrete Umgebung. Gleichzeitig bekommt auch ihre Anwesenheit erst durch diesen spezifischen Kontext eine besondere Bedeutung. Bedeutung entsteht hier nicht im Voraus, sondern im Zusammenspiel. Darin liegt auch eine Verschiebung des Blicks. Die Arbeit lädt dazu ein, die Welt nicht nur aus menschlicher Perspektive zu betrachten, sondern sich anderen Wahrnehmungen anzunähern. Die Tiere erscheinen nicht als bloße Motive oder Symbole, sondern als eigenständige Akteure, die sich nach ihren eigenen Logiken durch den Raum bewegen.

Der Philosoph Gilles Deleuze und der Psychoanalytiker Félix Guattari haben für solche Prozesse den Begriff des „Becoming-animal“ geprägt. Gemeint ist damit kein tatsächliches Tier-Werden, sondern ein Moment, in dem feste Rollen, Zuschreibungen und gewohnte Ordnungen ins Wanken geraten. In Ramićs Arbeit zeigt sich das in den Bewegungen der Katze – in einer Präsenz, die den Raum und unsere Wahrnehmung davon verändert. Ohne die Verständnislücke, die uns von Oursa trennt, zu schließen.

Kuratorin Hendrike Nagel stellt anlässlich der Vernissage die Arbeiten von Adriana Ramić vor

Ergänzt wird die Ausstellung durch zwei weitere Arbeiten. Beide beschäftigen sich mit Prozessen der menschlichen Kategorisierung:

Enumerate candidates (2024-26) ist eine Installation, die auf der verbreiteten osteuropäischen Tradition basiert, eingelegtes Gemüse zurechtgeschnitzt als standardisierte Tierformen in Einmachgläsern zu lagern. Unseen behavior (2024-26) besteht aus Fußleisten, die mit aneinander gereihten Tierstickern belebt sind. Sie sind Sammelbildern aus kroatischen Schokoladenriegeln entnommen und stellen eine geradezu enzyklopädische Reihung lebender Tierarten dar.

Die digitale Erweiterung der Ausstellung auf der Website des Kunstvereins ist überaus kryptisch und – laut Ausstellungstext – eine Zusammenstellung tierpsychologischer und verhaltenswissenschaftlicher Studien, die „verdeutlicht“, dass auch Katzen zu gemeinhin als exklusiv menschlich beschriebenen Fähigkeiten wie dem Erkennen und Nachahmen von Handlungen fähig sind. 

Bei aller Komplexität und Tiefe ihrer Arbeit, die von vielen theoretischen Referenzen durchwoben ist, ermöglicht Adriana Ramićs Videoinstallation nicht zuletzt aufgrund ihrer sanften, poetischen, fast meditativen Wirkung und der Spiegeloptik auch einen unmittelbaren, ästhetischen Zugang. Die Schau im Schweriner Kunstverein ist ein gelungener Anlass, sich mit dem Werk der Künstlerin zu beschäftigen.

Die Ausstellung mit dem Titel Confusion model into a butterfly ist noch bis zum 12. April 2026 im Schweriner E-Werk, Spieltordamm 5 zu sehen.

.Alle Fotos: @ Peter Scherrer

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Til Rohgalf studierte Sonderpädagogik, Philosophie und Geschichte (M.A.), er ist im Schuldienst tätig, musikbegeistert und musikalisch aktiv. Ihn interessieren politische, kulturelle und geistesgeschichtliche Themen.

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