„Das Haus der Türen“ von Tan Twan Eng

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Ein Buchtipp von Manja Wittmann

Der etwas sperrig klingende Titel „Das Haus der Türen“ benennt das große Geheimnis einer der Hauptfiguren dieses Romans: Lesley Hamlyn. Sie blickt Ende der 1940er Jahre zurück in ihre Vergangenheit, als sie 1921 während der britischen Kolonialzeit mit ihrem Ehemann Robert und den beiden Söhnen in Penang, Malaysia, lebte.

Die Hamlyns gehören zur britischen Oberschicht und haben sich in einem gemächlichen Leben mit großem Haus direkt am Meer und vielen einheimischen Bediensteten bequem eingerichtet. Robert ist ein erfolgreicher Anwalt, er genießt hohes gesellschaftliches Ansehen. Lesley führt ein offenes Haus, ist sehr gebildet und heimlich politisch aktiv. Sie unterstützt die chinesische Unabhängigkeitsbewegung und steht dem britischen Kolonialsystem durchaus kritisch gegenüber. Dass sie eine Affäre mit dem chinesischen Aktivisten Arthur Young eingeht, ist ein gefährliches Unterfangen. Am Beispiel einer Freundin erlebt sie hautnah mit, was es bedeutet, als Frau nach aufgedeckter Untreue (hier allerdings mit tödlichem Ausgang für den Liebhaber) alle finanziellen Sicherheiten zu verlieren und gesellschaftlich geächtet zu werden. Es geht also um viele große Themen: Liebe und Verrat, Freiheit und Revolution, Kolonialismus und Klassenzugehörigkeit.

Darum geht es auch immer wieder in den Gesprächen, die Lesley mit einem alten Freund der Familie führt, der für einige Wochen zu Gast bei den Hamlyns ist: dem damals bereits berühmten Autor William Somerset Maugham. Nach und nach vertraut sie ihm immer mehr an. Maugham seinerseits, begleitet von seinem als Privatsekretär getarnten, viel jüngeren Liebhaber Gerald Haxton, steckt in einer Schaffens- und Sinnkrise, seine Ehefrau in England droht mit Scheidung, und er ist pleite. Er notiert Lesleys Erlebnisse, und hier beginnt eine weitere Ebene dieses großartigen, elegant erzählten Romans.

Eine der bekanntesten Geschichten Maughams, „The Letter/Der Brief“, beruht nämlich auf tatsächlichen Begebenheiten. Tan Twan Eng hat daraus ein bilderreiches, historisches Panorama gesponnen, sich quasi eine mögliche Hintergrund- und Entstehungsgeschichte ausgemalt.

Nicht umsonst hat der Autor ein Zitat Maughams seinem Roman vorangestellt: „Fakten und Fiktion sind in meinem Werk so eng miteinander verwoben, dass ich heute, im Rückblick, das eine kaum vom anderen zu unterscheiden vermag.“

Dieser spannend und vergnüglich zu lesende Roman regt einen an, die Kurzgeschichten Somerset Maughams (erneut) zur Hand zu nehmen. Wer Lust hat, kann sich auch die Verfilmungen von „The Letter/Der Brief“ anschauen, die bekannteste von 1940 mit Bette Davis. 

Tan Twan Eng wurde 1970 in Malaysia geboren, lebt dort und in Südafrika. Er stand bereits mit seinen anderen Romanen auf der Longlist des Booker Prize. Es hat ein wenig gedauert, bis mir „Das Haus der Türen“ aufgefallen ist, denn dieser Roman erschien bereits im Frühjahr 2025 in deutscher Übersetzung (Michaela Grabinger). Dafür wird er aber schon im April 2026 als Taschenbuch erhältlich sein.

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Tan Twan Engs „Das Haus der Türen“ ist im DuMont Verlag erschienen, hat 352 S. und kostet 24 Euro.
Manja Wittmann, ehemals aus der Film- und Fernsehbranche, jetzt Buchhändlerin in München empfiehlt beim Kulturkompass-MV ihre aktuellen literarischen Favoriten, gerne auch von nord- und ostdeutschen Autor*innen.
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