Uwe Tellkamp und die neurechte Echokammer

Kontroverser „Der Turm“-Autor liest in Güstrow

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Von Til Rohgalf

Die Güstrower Galerie „Kunst am Dom“ veranstaltet im März eine Lesung mit Uwe Tellkamp. Mit dem Erfolg seines Romans „Der Turm“ wurde Uwe Tellkamp zu einem bekannten Autor der deutschen Literaturszene und galt als wichtige literarische Stimme ostdeutscher (Wende-)Erfahrungen. Seit Jahren ist sein Name auch eng verknüpft mit politischen Kontroversen. Aus dem Habitus des selbsternannten Kritikers, der in Zeiten der sogenannten „Cancel-Culture” und des angenommenen „moralischen Totalitarismus” mundtot gemacht werde, hat sich Uwe Tellkamp nicht nur argumentativ Narrativen und Sprachmustern der Neuen Rechten angeschlossen. Er arbeitet auch seit Jahren persönlich mit Vertreterinnen und Vertretern dieses politischen Vorfeldes des Rechtsextremismus zusammen, die sich intellektuell an anti-demokratischen und anti-parlamentaristischen Denkern der Weimarer Republik orientieren.

Ein Schlüsselelement dieser Allianz ist Uwe Tellkamps Freundschaft zur Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen. Ihr „BuchHaus Loschwitz“ war lange Jahre ein vielfältiges intellektuelles Brennglas am Dresdner Elbufer. Spätestens mit dem Aufkommen der Pegida-Proteste radikalisierte sich Susanne Dagen zunehmend.

Überregionale Medien berichteten über die von ihr organisierte Buchmesse „Seitenwechsel” am 8. und 9. (sic!) November des vergangenen Jahres in Halle. Verlage und Organisationen aus dem neurechten Spektrum wie der Antaios Verlag, Compact, Tumult, die Junge Freiheit, der Jungeuropa Verlag oder die Sezession stellten hier aus. Ein Auftritt von Götz Kubitschek, einer zentralen Figur der Neuen Rechten in Deutschland, gehörte ebenso zum Rahmenprogramm der Messe wie eine Lesung mit Uwe Tellkamp.

Infolge von Protesten gegen den Antaios-Verlag auf der Frankfurter Buchmesse 2017 initiierte Susanne Dagen die Charta 2017. Uwe Tellkamp war ebenso Unterzeichner dieser Charta wie die Publizistinnen Vera Lengsfeld und Caroline Sommerfeld, Matthias Matussek sowie diverse Protagonist*innen aus dem Umfeld der Sezession, der Jungen Freiheit, der AfD, von Tichys Einblick und dem Compact Magazin. Susanne Dagen betreibt seit Jahren den Youtube-Channel „Aufgeblättert – zugeschlagen” gemeinsam mit Ellen Kositza, neurechte Journalistin, Publizistin und Ehefrau von Götz Kubitschek. Neben Protagonisten wie Martin Sellner war auch Uwe Tellkamp bereits Gast in diesem Format.

Die Charta 17-Unterzeichnerin Vera Lengsfeld, u.a. ehemals Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen und der CDU, die die Amadeu-Antonio-Stiftung als „Stasi 2.0” bezeichnete, initiierte im Folgejahr die „Gemeinsame Erklärung”, in der das Schreckgespenst der massenhaften „illegalen Masseneinwanderung” gezeichnet und die Wiederherstellung der „rechtsstaatlichen Ordnung” an den Grenzen des Landes gefordert wurde. Neben Uwe Tellkamp unterzeichneten auch diverse illustre Namen aus dem neurechten und rechtsextremen Spektrum wie Dieter Stein von der Jungen Freiheit, der österreichische Identitäre Martin Lichtmesz, Ex-Tumult-Herausgeber Frank Böckelmann oder der neurechte Vordenker Karlheinz Weissmann diesen Aufruf. Mit dabei waren auch die in ihrer Agitation nach rechts offenen Publizisten Matthias Matussek und Henryk M. Broder oder die damals noch medial präsente Ex-Tagesschau-Sprecherin Eva Herman.

Vera Lengsfeld muss mit ihrer Erklärung Uwe Tellkamp aus dem Herzen gesprochen haben, warnte er doch im selben Jahr davor, dass die allermeisten Menschen nicht vor Krieg und Verfolgung flüchteten, sondern „um in die Sozialsysteme einzuwandern“.

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Die Frage nach der Kohärenz und Sinnhaftigkeit von Uwe Tellkamps Narrativ von der „Gesinnungsdiktatur” und der fehlenden Meinungsfreiheit stellt sich spätestens beim Ansehen der ZDF-Dokumentation „Der Fall Tellkamp – Streit um die Meinungsdiktatur” von 2022. In diesem anderthalbstündigen, öffentlich-rechtlich finanzierten Porträt berichtet der Autor ausführlich über seine Sicht auf die politische und mediale Situation in Deutschland. 

Uwe Tellkamp (Foto: Smalltown Boy, Wikimedia Commons)

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Dass er u.a. mit seiner Kritik an medialen Besitzverhältnissen und hiermit einhergehender Verengung der Perspektiven in der Berichterstattung diskussionswürdige Probleme anspricht, dass er die politischen Erfahrungen, Ängste und Befürchtungen vieler Menschen in Ostdeutschland zu wenig ernst genommen sieht, macht diese Dokumentation sehenswert. 

Falsch liegt Uwe Tellkamp mit dem Anspruch, Meinungsfreiheit ermögliche es, jede noch so abwegige Meinung äußern zu können, ohne kritische Einwände oder Widerspruch zu erfahren. Der offene Diskurs, der auch Dissenz aushält, ist ein Kernelement einer freiheitlichen und pluralistischen Gesellschaft.

Die Tatsache, dass Uwe Tellkamp als Schlussfolgerung aus diesem Missverständnis den Schulterschluss ausgerechnet mit jenen sucht, die diese offene Gesellschaft ablehnen, ist zu verurteilen. Warum die Galerie „Kunst am Dom“ in Güstrow Uwe Tellkamp eine Bühne bietet, ist leider nicht bekannt. Eine Anfrage des Kulturkompass MV blieb unbeantwortet.

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Til Rohgalf studierte Sonderpädagogik, Philosophie und Geschichte (M.A.), er ist im Schuldienst tätig, musikbegeistert und musikalisch aktiv. Ihn interessieren politische, kulturelle und geistesgeschichtliche Themen.

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