Suzie Millers Stück Prima Facie über Missstände im Sexualstrafrecht feiert in der M*Halle Premiere
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Von Til Rohgalf
Unter der Regie von Nina Mattenklotz feierte am vergangenen Freitag die Inszenierung von Prima Facie in der Schweriner M*Halle Premiere. Es ist bereits die dritte Inszenierung der Regisseurin am Mecklenburgischen Staatstheater.
Suzie Millers Monologstück Prima Facie setzt das Rechtssystem selbst auf die Bühne – und dekonstruiert dort dessen schwieriges Verhältnis zur Wahrheit. Im Zentrum steht die brillante Strafverteidigerin Tessa Ensler. In ihrem männlich dominierten Arbeitsfeld agiert sie souverän und gewinnt Prozesse nach dem Prinzip „Es gibt keine wirkliche Wahrheit, nur die juristische“. Doch die vermeintliche Kontrolle kippt, als Tessa selbst Opfer sexueller Gewalt wird: Plötzlich muss sie sich einem System ausliefern, dessen Regeln sie bislang meisterhaft für andere instrumentalisiert hat. Nach der Uraufführung in Sydney 2019 wurde das Stück weltweit gespielt. Auch an deutschen Theatern gab es über 50 Inszenierungen.
Das Stück entlarvt die Diskrepanz zwischen gesetzlicher Norm und erlebter Realität, zwischen dem juristischen Ideal eines linearen Beweisverfahrens und der fragmentierten, traumatisierten Erinnerung der Opfer. Es öffnet den Blick für die gesellschaftlichen Strukturen einer „rape culture“ („Vergewaltigungskultur“), die sexualisierte Gewalt verharmlost und Opfer als unglaubwürdig ansieht.
Im Falle von Tessa Ensler kommt hinzu, dass sich ihr Fall nicht mit dem gesellschaftlichen Bild einer Vergewaltigung deckt: Sie kennt den Täter seit Jahren, es ist ihr Arbeitskollege und ihre Affäre. Die beiden haben den Tag und den Abend gemeinsam vertraut verbracht, gegessen und Alkohol getrunken. Die Tat findet weder im Dunkeln in einer Bahnunterführung noch auf einem verlassenen Parkplatz, sondern in ihrer Wohnung statt.

Nina Mattenklotzs Schweriner Inszenierung skizziert bereits durch das Bühnenbild den schwierigen Begriff der „juristischen Wahrheit“, der im besten Fall als radikal konstruktivistisch gelten kann: Jennifer Sabel in der Rolle der Tessa Ensler agiert auf einem weißen Bühnenrechteck. „Die beste Version der Geschichte“ ist hinter ihr auf der weißen Wand zu lesen. Das Dilemma, das sich für Tessa Ensler im Verlauf des Stückes entwickelt, ist kaum treffender auf den Punkt zu bringen: Die traumatisierende Erfahrung sexualisierter Gewalt ist zwar ein Erlebnis höchster Realität, im Gericht wird sie aber zu einer möglichen Version von Wirklichkeit degradiert, die mit anderen Narrationen um die größtmögliche Glaubwürdigkeit konkurriert.
Wenn Suzie Miller ihre Protagonistin Tessa Ensler von ihrer Arbeit als Strafverteidigerin mit dem Schwerpunkt Sexualdelikte berichten lässt, so basieren diese Erzählungen nicht zuletzt auf eigenen Erfahrungen. Miller war selbst als Strafverteidigerin tätig. Und wenn Tessa Ensler bildreich auseinandersetzt, ihre Aufgabe als Verteidigerin sei nicht die Suche nach der Wahrheit, sondern die Suche nach den Schwachstellen in der Anklage, ist das als prophetischer Leitgedanke für das weitere Geschehen zu verstehen.
Jennifer Sabel besetzt im Verlauf des Stückes diesen weißen Raum der „möglichen Realität“ nach und nach mit Requisiten. Es sind Elemente, Beweisstücke und Indizien, aus denen Tessa Ensler nicht nur den Tathergang rekonstruiert, sondern auch in biographischen Mosaiken sich selbst als Person. Umzugskartons entnimmt Jennifer Sabel Kostüme, Schuhe, Weinflaschen oder Gerichtsakten. Ensler/Sabel wechselt im Verlauf des fragmentierten Stückes nicht nur Kleidung und Habitus, sie erzählt auch aus den verschiedenen Rollen, in denen sich Tessa Ensler in ihrem Leben zwischen biographischer Determination und sozialen Erwartungen bewegt: sei es die der erfolgreichen Strafverteidigerin in einer männlich dominierten Berufsgruppe, der Tochter und Schwester aus prekären familiären Verhältnissen oder der Stipendiatin an der Privatuni. Tessa Enslers Erzählung ist nicht linear und von vielen kurzen Rückblenden geprägt. Unterbrochen wird sie immer wieder durch kurze Videoeinspieler traumatischer Flashbacks, in denen Erinnerungssplitter der Vergewaltigung mit anderen Bildern vermengt in kurzen flimmernden Sequenzen projiziert werden.

Nina Mattenklotz’ Inszenierung seziert damit wie in Zeitlupe, an welchem juristischen Machtgefälle die erfolgreiche Strafverfolgung sexueller Gewalt scheitert: Tessa Ensler gelingt es infolge ihrer Traumatisierung nicht, mit ihrer Erzählung der Tatsachen vor Gericht zu überzeugen. Sie ist einem Sexualstrafrecht ausgeliefert, das über Generationen von Männern geformt wurde, Opferperspektiven zu wenig berücksichtigt und Frauen schlechter schützt. Auch wenn sie das Kalkül der Strafverteidigung durchschaut, gerät sie zunehmend in Selbstzweifel, stolpert über Detailfragen und muss sich der Erkenntnis fügen, dass es nicht um die Suche nach Wahrheit geht: „… am Ende entscheidet das Gericht, welcher Geschichte es glaubt.“ Es kommt schließlich zum Freispruch des Angeklagten und am Ende des Stückes appelliert Tessa Ensler: „Etwas muss sich ändern.“
Das Programmheft vergegenwärtigt hierzu alarmierende Zahlen: „Obwohl statistisch jede dritte Frau in ihrem Leben Opfer sexualisierter Gewalt wird, erlebt nur ein Prozent der vergewaltigten Frauen die Verurteilung des Täters.“
Nina Mattenklotz gelingt in Schwerin eine eindringliche, intensive und intime Inszenierung. In der Rolle der Tessa Ensler weiß Jennifer Sabel zu überzeugen. Ihr psychologisch realistisches und nuanciertes Spiel und ihre großartige Präsenz auf der Bühne fesseln in diesem über 100-minütigen Monologstück. Ohne große expressive Ausbrüche zeichnet Jennifer Sabel die zunehmend existenziellen inneren Spannungen der Tessa Ensler emotional verdichtet und authentisch nach. Die Bühne in diesem Einzelstück auf diese Weise zu füllen, das beeindruckt.
Das Publikum in der M*Halle goutierte die Inszenierung und Sabels schauspielerische Leistung zur Premiere am Freitag mit lang anhaltendem und begeistertem Applaus. Jennifer Sabel wird in der kommenden Spielzeit dem Schweriner Ensemble unfreiwillig nicht mehr angehören. Dieser Theaterabend unterstreicht den großen Verlust für das Staatstheater durch die versagte Vertragsverlängerung.
Titel: Jennifer Sabel in der Rolle der Tessa Ensler (Foto: @ Silke Winkler)
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