Identitätssuche auf Rügen

Iwona Knorr dokumentiert das Leben auf der Insel in Bildern

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Von Til Rohgalf

Sie porträtiert Menschen und Orte, die von Kontinuitäten und Brüchen im Leben auf Rügen berichten. Mehrere Bildbände hat die Fotografin Iwona Knorr bereits veröffentlicht. 2023 erschien ihr Band „RUGIA“. Regelmäßig werden ihre Arbeiten auf Rügen und in Mecklenburg-Vorpommern ausgestellt. Mit dem Kulturkompass sprach die 1963 in Poznan geborene Fotokünstlerin über die regionale Identität auf der Ostseeinsel.

Iwona Knorrs fotografische Arbeit ist eng mit der Insel Rügen verwoben. Seit Jahren ist das Eiland ihre Heimat. In ihren Porträts und Langzeitprojekten spiegelt sich nicht nur die Landschaft, sondern auch die Seele der Menschen, die hier leben. „Rügen zieht mich an, weil es ein klar abgegrenztes Gebiet ist – eine Insel eben“, erklärt Knorr.

Das offene Wasser, die Natur und die besondere Ruhe der Insel beeinflussen und prägen auch den Charakter der Menschen, die sie fotografiert: „Sie sind mit ihrer Heimat stark verbunden, ruhen in sich und haben einen festen Platz im Leben. Genau das fasziniert mich an ihnen. Ich mag die direkte Ansprache und das Raue in den Charakteren, das in eine stille Sympathie umschlägt, wenn das Eis der Fremdheit einmal gebrochen ist.“

Die Kamera versteht Iwona Knorr als Legitimation ihrer Neugier. Sie gehe auf die Menschen zu, nehme teil an ihrem Leben, tauche in ihre Welten ein, um sie besser zu verstehen. Umfassend beschrieben habe sie ihre Beziehung zu den Menschen auf Rügen in ihrem Fotobuch „RUGIA“.

 „Für mich gehört zur regionalen Identität auf Rügen unbedingt die Tradition der Küstenfischerei“, erläutert sie. Über viele Jahre habe sie sich mit den Fischern und ihren Biografien beschäftigt und beobachtet, wie sich ein Wandel in den Häfen schleichend vollzieht. Nach und nach verschwänden die Fischerboote und würden durch Segelboote ersetzt. Diesen Prozess nehme man kaum wahr, während sich die Rolle des Meeres in der Region gravierend verändere.

„Eine sichtbare regionale Identität aufrechtzuerhalten, ist kaum möglich, wenn sich Gemeinschaften auflösen, die Zusammenarbeit aufhört und Berührungspunkte miteinander immer weniger werden“, meint Iwona Knorr. Traditionen würden nicht weitergegeben, wenn damit keine beruflichen Perspektiven verbunden seien.  „Dennoch wird an gewissen Werten aus Gewohnheit festgehalten. Mein Bestreben besteht darin, diese aufzuspüren und zu visualisieren.“

In ihrem Langzeitfotoprojekt über die „Inselkinder“ untersucht die Fotografin die Heimatverbundenheit einer Gruppe junger, auf Rügen geborener Menschen. Diese fühlten sich alle stark mit der Insel verwurzelt, was ihnen Halt gebe, egal, wo auf der Welt sie unterwegs seien. „Es kann sein”, resümiert sie, „dass sich die regionale Identität heute weniger über das soziokulturelle und vielmehr über das individuelle Biografische definiert.”

Auf ein eindeutiges Zukunftsnarrativ möchte sich die Bildkünstlerin nicht festlegen. Klar sei, dass der Tourismus auf Rügen eine sehr wichtige wirtschaftliche Rolle spiele und die regionalen Entwicklungspläne stark daran ausgerichtet seien, was negative Auswirkungen auf den natürlichen Lebensraum der Einheimischen habe. Historische Gebäude würden zu Feriendomizilen umgewandelt und Garagenkomplexe zu Parkplätzen. Zwar sehe sie vereinzelte Initiativen, die darauf abzielten, die Insel lebenswerter zu machen, ein klarer Trend zeichne sich jedoch noch nicht ab.

Ihr Interesse an regionaler Identität ist auch biographisch bedingt. Geboren in Polen und seit 1982 in Deutschland lebend, musste sie in ihrer Jugend durch häufige Wohnortwechsel Stabilität und Zugehörigkeit suchen. Erst auf Rügen, durch Begegnungen mit den Fischern, erlebte sie, was Heimat bedeuten kann – ein sicherer Boden, Wurzeln, eine klare Identität. Diese Erfahrung fließt in ihre Porträts ein, die Authentizität und Nähe vermitteln.

Aus verschiedenen Perspektiven hat Iwona Knorr die Transformationsprozesse der Nachwendezeit erlebt: Zum Mauerfall hatte sie ihr Germanistik-Studium in Leipzig abgeschlossen, siedelte dann aber mit ihrem Mann, der aus Rügen stammt, nach Köln um. Dort, nie ganz verwurzelt, kehrten die beiden 35 Jahre später nach Rügen zurück: „Dass ich in der DDR studiert habe, erleichtert mir enorm meine Arbeit mit den Menschen auf Rügen. Ich verstehe, wovon sie sprechen, und kann mitreden. Wir alle haben uns an neue Verhältnisse angepasst. Das hat unsere Lebenserfahrung aber nicht wertlos gemacht. Im Gegenteil: Sich in zwei verschiedenen gesellschaftlichen Systemen zurechtzufinden, empfinde ich als einen großen Vorteil. Ich glaube nicht, dass gesellschaftliche Transformationsprozesse, wie wir sie erlebt haben, die regionale Identität beeinflusst haben.“ Heute wohnt das Paar in einem Dorf bei Putbus, umgeben von Wäldern, Feldern und Wasser. 

Am liebsten, so betont Iwona Knorr, beginnt sie den Kontakt mit einem Gespräch, fotografiert spontan, um authentische Porträts zu bekommen, und so entstehe das Foto nur beiläufig. Für Projekte wie „Meine Heimat“ und „Inselkinder“ seien allerdings umfangreiche Recherchen und Vorgespräche nötig gewesen. 

Weiterhin arbeitet die Fotografin an ambitionierten Projekten mit der Ostseeinsel als Schwerpunkt. In den vergangenen zwei Jahren habe sie sich mit den Rügen-Märchen von Ernst Moritz Arndt beschäftigt, deren Schauplätze sie verorten wollte, was ihren Blick auf die Insel um eine geschichtliche Dimension erweitert habe; das zugehörige Fotobuch stehe noch aus. Als Nächstes wolle sie erneut in die Inselgeschichte eintauchen und Naturornamente auf historischen Gebrauchsgegenständen untersuchen, um Erkenntnisse über den Alltag früherer Generationen zu gewinnen und möglicherweise etwas Rügentypisches neu zu beleben.

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Iwona Knorr

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Til Rohgalf studierte Sonderpädagogik, Philosophie und Geschichte (M.A.), er ist im Schuldienst tätig, musikbegeistert und musikalisch aktiv. Ihn interessieren politische, kulturelle und geistesgeschichtliche Themen.
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